Das Bett lacht höhnisch

Silvan Preisig über «Das Alphabet der sexualisierten Gewalt» von Laura Leupi

Was passiert, wenn eine Person in einem vermeintlich sicheren Raum sexualisierte Gewalt erfährt? Und wie lässt sich darüber schreiben? Laura Leupis mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnete Debüt Das Alphabet der sexualisierten Gewalt ist ein Versuch, die sprachlichen Darstellungsformen eines Traumas zu erforschen.

Laura Leupis Buch ist keine Geschichte, die das Schweigen über ein schlimmes Schicksal bricht. Das Verbrechen – die Vergewaltigung zuhause durch den eigenen Partner – hat vielmehr etwas Alltägliches. Die Gewalttat ist von Anfang an gesetzt, sie steht nicht im Raum, sie besitzt den Raum, und die Protagonistin möchte diesen für sich zurückgewinnen. Erzählt wird dieser Raum in nicht-linearen, fragmentarischen Prosaabschnitten. Die poetische, beinahe märchenhafte Schreibweise hilft zu verstehen, wie sich die Wahrnehmung des Raumes durch die Vergewaltigung der Erzählperson verändert hat:

Dem Stuhl wachsen Haare. Ich versuche, sie mit Haarwachs zu bändigen, doch die Haare wachsen immer wieder zurück, immer weiter, Richtung Boden, Richtung Wände auch. Bald schon, ich weiss es, wird mein ganzes Zimmer aus Haaren bestehen.

Die Beziehung von Mensch und Umwelt ist gestört, das Vertrauen gebrochen. Assoziativ lässt der Text die Grenze zwischen Körper und Objekt verschwimmen. Das Bett beisst, der Stuhl starrt, es wachsen Haare, Schimmel breitet sich aus und alles stinkt oder klebt. Selbst die Sprache entgleitet dem dissoziierten Subjekt:

Es fällt mir zunehmend schwer, den Text von den Möbeln zu unterscheiden. Ich sehe, wie die Buchstaben über meine Möbel wandern, um meinen Fensterrahmen tanzen. Ich befehle ihnen, sich zusammenzureissen, doch sie kichern nur.

Leupi reflektiert das Sprechen und Schreiben über sexualisierte Gewalt anhand eines eigenen Alphabets. Es strukturiert den Text und markiert als individuelles Register die Ermächtigung der eigenen Erzählweise. Die einzelnen Buchstaben werden mit Diskursbegriffen ergänzt. So steht P beispielsweise für Penetration, Patriarchat oder Privilegien. Diese vermeintlich homogenen Paradigmen werden gebrochen mit Alltagsbegriffen wie Essen oder Einweghandschuh. Damit wird die Willkürlichkeit sprachlicher Zeichensysteme reflektiert: «Das Alphabet normiert, standardisiert, impliziert Abgeschlossenheit und Klarheit, wo keine ist», so die Erzählinstanz. Ihr gelingt es, mit ihrem eigenen Alphabet gängige Erzählweisen von sexualisierter Gewalt aufzubrechen.

Laura Leupi nimmt uns mit auf die Spurensuche eines Gewaltaktes. Der autofiktionale Text springt zwischen verschiedenen Textformen hin und her. Essay, Google-Suchanfrage und fantastische Kurzgeschichte wechseln sich ab. Kaleidoskopartig bilden Statistiken zu Femiziden, Einträge des Schweizer Strafrechts und assoziative Erinnerungsfetzen ein neues Narrativ. Eines, das die Erkenntnisenden offen lässt. Das Alphabet der sexualisierten Gewalt ist ein dichter Text, der anspricht, das Ansprechen ankündigt und reflektiert, einordnet und erklärt. Diese konstante Selbstreflexion kann den erwünschten «Zauber» der Sprache ein wenig beeinträchtigen, wird aber der Thematik der sexualisierten Gewalt umso eindrücklicher gerecht, indem es die Möglichkeiten ihrer Darstellung in der gesellschaftlichen Komplexität abbildet. Und vielleicht entsteht so letztlich doch noch eine Form des Zaubers.

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