Cat Content

Beat Mazenauer über Circa 244 Knochen von Claudio Landolt

«Eine Katze hat etwa 244 Knochen, je nach Rasse und Schwanzlänge kann diese Zahl etwas variieren.» So lautet die Antwort auf eine entsprechende Anfrage im Internet. Einerlei, ob «etwa» oder «circa», Claudio Landolts Circa 244 Knochen erinnert auf jeden Fall an den legendären «Cat Content»-Hype im World Wide Web. Er lässt keine Zweifel aufkommen, auf wessen Seite sich sein Buch gleich eingangs schlägt:

Keine Katze tritt
so unüberlegt
wie der Hund
in ein Zimmer.

Im Folgenden geht es nur noch um Katzen in allen Variationen und Stellungen. Um dieses Buch zu verstehen, gilt es den Untertitel mit zu bedenken: «Katz-Ups» heisst er und spielt damit auf das poetische Verfahren des Cut-Ups an. Landolt hat 25 Bücher über Katzen durchforstet und Textschnipsel aus ihnen herausgeschnitten, um sie rhythmisch, lautlich, alphabetisch, systematisch zu neuen Texten zu rekombinieren und damit, wie es in den Quellenangaben heisst, «eine alternative Poesie freizulegen». Mit einem Zitat des Autors: «Ich erwürge Texte gerne zu Gedichten.» Dieses Verfahren hat sich parallel dazu auch der Künstler Marcel Moser zu eigen gemacht und einige der Bücher als Quellen benutzt, um neue Katzenbilder zu collagieren. In ihrem schelmischen Nachwort erwähnt Friederike Kretzen schliesslich ein drittes stilbildendes Element: Erika, die klassische Schreibmaschine, die dem Band typographisch den Stempel aufdrückt.

Dergestalt ist Circa 244 Knochen ein siebenteiliger Katalog des Kätzischen in allen Aspekten und allen sieben Leben (oder sind es neun?). «Das wildeste aller wilden Tiere» erscheint als verschmuster Stubentiger wie als schwarzer Schwellendämon, als paläogene Eleganz wie als ekstatischer Faulpelz, als «petit chat de persan rouge» wie als «chatte europeene ocellee».

Es liegt also an uns
wenn wir sie
nicht verstehen

zitiert Landolt den 1. Vorsitzenden des deutschen Edelkatzenzüchter-Verbands. Genau darum geht es ihm hier: Was nicht zu verstehen ist, wird in Aufzählungen und Listen, Geschichten, Gedichten, Gefahrenkatalogen sowie einem begrifflichen Katzenbaum verarbeitet, worin sich gleichermassen die Faszination für dieses Tier wie die Lust am poetischen Spiel ausdrückt.

«Ein Katzenbildnis kann, abgesehen vom Technischen, eigentlich nie unschön sein», heisst es einmal. Dieses Technische drückt Claudio Landolt mit einer Cut-Up-Methode aus, die weder falsch noch schlecht sein kann, weil es sich der erzählerischen Logik entzieht. Zur ungewöhnlichen Methode gehört schliesslich auch die angemessene Buchgestalt. Die «Katz-Ups» präsentieren sich grossformatig mit Silberprägedruck auf einem blütenweissen, einschmeichelnden Veloureinband – absolut stimmig und geradezu zum Kuscheln.

Eine Nachbemerkung noch zu den Hunden: Einer taucht zuletzt doch noch auf, im erwähnten Nachwort von Friederike Kretzen. Erika schreibt seinen Namen aus: Ottos Mops, doch der sei für die Katz', auch weil Minz und Maunz drohend ihre Tatzen heben.

Aus: Visuelle Literatur, ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 3.10.2023

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