Bilder
Dominik Müller über «Bilder» von Hanna Johansen
Zwei Autorinnen tun das gleiche. Sie füllen ein Buch mit einer lockeren Folge von Bildbeschreibungen, chronologisch geordnet nach den Entstehungsdaten der Kunstwerke. Und beide Autorinnen entschuldigen sich für dieses Tun. Martina Clavadetscher nennt es im Nachwort zu Vor aller Augen (Unionsverlag 2022) eine «Anmassung», wenn sie den Frauenfiguren auf ausgewählten Bildnissen Monologe in den Mund legt, den realen Kunstwerken unverfroren mit Fiktion begegnet. In Bilder. Geschichten vom Sehen von Hanna Johansen tönt die Entschuldigung so:
Tue ich dem Bild Unrecht? Ohne Zweifel tue ich das. Aber ist es zu vermeiden? Wollen wir es vermeiden? Wir sind ja lebendige Menschen, die schauen, und es sind unsere Augen, unsere Leben, in denen das Bild ankommt. Was auch immer es dort vorfindet, ein Flugzeug auf einem Bild ist darauf angewiesen, dass ich einen Begriff von Flugzeugen habe, und der ist vollgesogen mit meinen Erfahrungen und meinem Wissen.
Dieses Eingeständnis ist auch Programm. Hanna Johansens Texte setzen sich nicht selbstbewusst an die Stelle der Kunstwerke, sondern nehmen diese als solche wahr. Die behutsamen Annäherungen werden begleitet von Reflexionen über die einschränkende Subjektivität der Wahrnehmung, durch die allein Bilder aber lebendig werden. Von Kunstwerk zu Kunstwerk, von Kapitel zu Kapitel wechselt das Verfahren. In den wenigsten Fällen fehlt aber der Bericht darüber, unter welchen Umständen die Betrachterin auf das Bild stiess, und wie das Bilderlebnis sich mit anderen Erfahrungen kreuzte.
Das erste Kapitel, das zwei Selbstbildnisse Rembrandts im Wiener Kunsthistorischen Museum zum Gegenstand hat, schert als einziges aus der chronologischen Reihe aus. Es spielt gleich den wohl stärksten Trumpf aus, den die Autorin in Händen hat, die Kunst, Physiognomien zum Sprechen zu bringen. Sie wird sich auch später bewähren, wenn in den Zügen des jungen Mannes auf Edouard Manets Chez le Père Lathuille gelesen wird, der auf dem Buchdeckel abgebildet ist. Im Eingangskapitel werden Themen anschnitten, die das Buch durchziehen und es zu einem Ganzen machen, trotz der lockeren Abfolge seiner Teile. Das Vorwort rät zurecht von einem Hin- und Herlesen ab.
Das erste der beiden Rembrandt-Bilder zeigt einen selbstbewussten Mann in besten Jahren, der die Betrachterin «ansieht, als könnte ihm, was das Schauen betrifft, niemand mehr etwas vormachen». Das zweite Bild zeigt einen gealterten Rembrandt, «aufgebraucht, versunken, vertrieben von etwas, das aussieht wie eine ungläubige Hoffnungslosigkeit».
«Wie lange braucht ein Mann, um sich so zu verändern», fragt sich die Museumsbesucherin und gerät, erstaunt, dass es nur fünf Jahre sind, ins Sinnieren über das, was die Zeit mit uns macht und wir mit der Zeit. «Ist es denn nicht so, dass wir all die Personen, die wir einmal waren, im Innern behalten und mit uns nehmen ins zunehmende Alter?» So wird die Statik der Bilder mit Zeitlichkeit kontaminiert. Das ist eine Operation, um die Texte, denen als Zeichenfolge selber eine zeitliche Dimension innewohnt, nie herumkommen, wenn sie sich mit Bildern beschäftigen. Die Zeit, die sich automatisch einschleicht, wird in diesem Bilder-Buch zum zentralen Thema.
Es ist zum einen die historische Zeit, aus der die Bilder stammen. Hier wird erkundet, was die Epoche Rembrandts auszeichnete und was sich in den fünf Jahren zwischen den beiden Selbstbildnissen in Rembrandts Leben zutrug. Die Darlegungen geraten da gelegentlich etwas ins Schulbuchmässige. Packend ist die Beschäftigung mit der Geschichte im Kapitel über ein Foto Frank Capas, das einen nasenbohrenden Jungen auf einem amerikanischen Tank anlässlich der Befreiung von Paris im Jahr 1944 zeigt. Der essayistische Charakter der Texte, der ein sprunghaft assoziatives Vorgehen gestattet, zeigt sich hier besonders deutlich, wenn anhand weiterer Beispiele der Frage nachgegangen wird, wie Bilder uns zu einer wirklichen Konfrontation mit Vergangenem, insbesondere mit Kriegen nötigen können: nirgends sei das der Verfasserin so eindrücklich wiederfahren wie vor den Fotoserien aus dem Ersten Weltkrieg, die im Mémorial de l’Armistice in Compiègne gezeigt werden (in diesem Museum ist auch der Eisenbahnwagon zu besichtigen, in dem 1918 der Waffenstillstand unterzeichnet wurde).
Zur Sprache kommt auch die persönliche Lebenszeit der Autorin. Als erinnerte sind Bilder biographische Wegmarken. Das feurige Rot im Gemälde Figures au bord de la mer von Nicolas de Staël hat die Autorin in einem früheren Leben beindruckt – Jahre später begegnet sie ihm wieder. Historische und die private Zeit fallen im Vija Celmins gewidmeten Kapitel zusammen, das verschieden Werke zur Sprache bringt und es so zu einer Hommage Johansens an die fast genau gleichaltrige lettisch-amerikanische Künstlerin macht. Zeichnungen von Kampfflugzeugen vermengen sich mit Erinnerungen an die eigene Kindheit in Bremen zwischen 1939 und 1945. Teil dieser Welt, die Hanna Johansen in ihrem unvergesslichen frühen Roman Die Analphabetin (1982) schilderte, ist auch ein Grabsteinbildhauer. Er steht am Anfang der Geschichte ihres Verhältnisses zu Steinen, Felsen und den Alpen, die die Autorin im Kapitel aufrollt, in dem das titelgebende Foto Gotthard von Thea Altherr dann nur noch kurz evoziert wird.
Celmins’ Werk To Fix Image in Memory – eine Serie von identischen Kieselsteinen, von denen das Double immer ein minutiös bemalter Bronzeabguss des anderen ist – gibt Gelegenheit, eine im einleitenden Rembrandt-Kapitel eingeführte Thematik aufzugreifen. Deren Aufhänger ist die Legende vom griechischen Maler Zeuxis, der Trauben so täuschend echt zu malen verstand, dass Vögel an den Abbildungen pickten. Die Geschichte wird mit Augenzwinkern, aber ohne die Häme erzählt, mit der Literaten sonst gern der illusionserzeugenden Kraft von Bildern begegnen. Der Vorwurf, da werde nur die Wirklichkeit verdoppelt, unterschlägt das Faszinosum, dass dies mit einem Stück Leinwand und ein bisschen Farbe möglich ist.
Das imaginäre Museum, durch das uns Hanna Johansen führt, beherbergt Werke unterschiedlicher Genres, vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart. Das Spektrum ist breiter und unkonventioneller als im Buch von Martina Clavadetscher. Dieses vergegenwärtigt alle evozierten Bilder im Vierfarbendruck. Das Buch von Johansen ist asketischer ausgestattet. Lediglich zwei Bilder sind reproduziert. Im Anhang findet sich eine Liste von Weblinks, die zu Reproduktionen der übrigen führen. Der konstanten Verfügbarkeit der gesamten Kunstgeschichte wird so ein kleiner Widerstand entgegengestellt. Der anachronistische Charakter literarischer Bildbeschreibungen, die ihre Blüte in Zeiten hatte, in denen Texte viel leichter zu reproduzieren waren als Bilder, wird damit betont. Unsere Vorstellungskraft bekommt Zeit, sich die Bilder selber auszumalen und in unseren Leben ankommen zu lassen – heutzutage ist dies eine mediale Hygienemassnahme.