Betrügerisches Spiel

Beat Mazenauer über «Matija Katun und seine Söhne» von Karl Rühmann

Ingmar Saidl ist nicht glücklich in seinem Beruf als Französischlehrer. Das Desinteresse der Schüler und Schülerinnen kränkt ihn und dämpft sein Engagement. Als er in der Schule eines Tages ausrastet, hat dies allerdings einen anderen Grund. Er hat soeben eine weitere Zurückweisung seines Romans Sprosse um Sprosse erhalten. Der Lehrer möchte eigentlich Schriftsteller sein. Dies auch, um vor seinem Vater zu bestehen, einem Akademiker alter Schule, der sich einen Sohn mit Promotion wünscht.

Die nervliche Anspannung ist für Ingmar Saidl Anlass, eine Auszeit zu nehmen. Er reist nach Istrien, wo er schon früher gerne hinfuhr und wo ihn Nada erwartet. Mit ihr entdeckt er die Gegend näher und lernt ihren Freundeskreis kennen, in welchem eine alte, vom Aussterben bedrohte Sprache gesprochen wird: das žejanische Istrorumänische. Diese Sprache verführt Ingmar zu einem Vorhaben, dem er ein Jahr lang seine ganze Energie widmen will. Er erfindet selbst eine alte žejanische Legende, als deren deutschen Übersetzer er sich ausgibt. Dem Spiel liegt eine These Ingmars zum literarischen Erfolg zugrunde, der ihm bisher versagt geblieben ist:

Dass nicht die Qualität alleine zählt. Sondern auch die Umstände. Der Hintergrund. Das Prädikat 'Übersetzung aus einer seltenen, exotischen Sprache'.

Die Leseprobe seiner angeblichen Übersetzung, die das Kernstück von Rühmanns Roman Matija Katun und seine Söhne ausmacht, verrät einen Stoff, der zwischen Mythos und Realismus schwankt, archaische Authentizität vorspiegelt und entfernt an King Lear oder Lessings Ringparabel erinnert. An der neuralgischen Stelle allerdings, an welcher der Vater jedem der drei Söhne eine Frage stellt, deren Beantwortung über das Erbe entscheidet, endet die Leseprobe.

Mit seiner žejanischen Geschichte stösst der «Übersetzer» Saidl unerwartet auf begeisterte Resonanz. Sie findet einen engagierten Verlag, wird in weitere Sprachen übersetzt und in den Medien euphorisch besprochen. So weit, so gut. Der betrügerische Erfolg behält aber einen gravierenden Makel. Ingmar belügt mit seiner Übersetzerfiktion nicht nur Freunde, sondern auch den eigenen Vater, der auf einmal stolz auf seinen Sohn ist.

Karl Rühmann legt einen verspielten, mitunter märchenhaft anmutenden Roman um Wahrheit und Lüge, Betrug und Offenbarung vor. Mit Blick auf den Literaturbetrieb verrät das Buch satirische Züge. Bei Verlag und Kritik gibt Ingmars «Übersetzung» kaum Anlass für Skepsis. Und wenn, dann lässt sich diese mit recht simplen Antworten befriedigen. Die Behauptung, es handle sich bei der aufgefundenen Geschichte um eine literarische Sensation, wirkt freilich unglaubhaft, da es ihr merklich an Eigenart und Ausdruckskraft mangelt. Dieser Umstand wirft auch auf Rühmanns Roman einen Schatten. Das lustvolle Spiel um Lüge und Wahrheit, Verstellung und Offenbarung wirkt allzu leichtgewichtig. Im Vergleich mit früheren Büchern des Autors fehlt Matija Katun und seine Söhne – auch sprachlich – deren bohrende Hartnäckigkeit. Obendrein bleibt die doppelte Vatergeschichte – die von Ingmar und die im žejanischen Märchen, – am Ende unerlöst in der Luft hängen.

Eine Volte trifft schliesslich doch einen wunden Punkt und setzt Ingmar Saidl ernsthaft in die Nesseln. Wider Erwarten vermag ihn der Erfolg nicht so recht zu befriedigen. Er betrügt damit ja nicht nur seine Freunde und seine Familie, sondern vor allem sich selbst. Abermals bringt es die bodenständige Nada auf den Punkt, die, wie der Erzähler meint, «manchmal wirklich anstrengend» ist, weil sie ihn besser zu kennen scheint als er sich selbst. Sie hält Ingmar vor, dass er mit seiner «Übersetzung» eine These beweisen wollte, wonach nicht Qualität literarisch reüssiere, sondern «mittelmässige Bücher Erfolg haben, wenn die Umgebung stimmt» – will heissen, das Storytelling. Nun sei die These aufgegangen. Allein, fährt Nada im Gespräch mit Ingmar fort.

«Ich glaube, du unterschätzt das. Den Anblick deines Buches im Regal ohne deinen Namen darauf.»
«Aber nein», sagte ich. «Sonst hätte ich gar nicht damit angefangen. Und überhaupt: Warum sollte der Name auf dem Umschlag wichtig sein? Es geht darum, dass mein Plan aufgegangen ist.»
«Es geht auch darum, dass du Autor bist. Wie viele Absagen hast du für Sprosse um Sprosse bekommen? 38?»

Die «Übersetzung» wird für den «Autor» Ingmar Saidl unversehens zur narzisstischen Kränkung, welche den Erfolg schmälert und der eigenen Ambition keineswegs weiterhilft. Als Ingmar den Betrug seiner Verlegerin gesteht, um sie auf sein wirkliches literarisches Schaffen aufmerksam zu machen, muss sie laut lachen, kennt sie doch seine bisherigen Texte. Sie hat ja selbst eine vernichtende Absage formuliert. Ingmar Saidl hat ein Einsehen und zieht daraus die Konsequenzen. Er wird Übersetzer aus dem Französischen.

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