Asphaltblüten

Beat Mazenauer über «Asphaltblüten» von Leonor Gnos

Einen ganz anderen, persönlichen Antagonismus überbrückt Leonor Gnos in ihrem Band Asphaltblüten. Der Titel verklammert zwei Gefilde, zwei Topographien, die die 1938 geborene Autorin aus eigenem Erleben bestens kennt. Sie stammt aus dem gebirgigen Kanton Uri, in dem sie sich bis heute verwurzelt fühlt. Doch seit Ende der 1980er Jahre lebt sie in Grossstädten, zuerst im mondänen Paris, ab 2010 im pulsierenden Marseille. In ihren Gedichten begegnen sich die beiden Lebensorte, der eine aus der Erinnerung, der andere im unmittelbaren Erleben.
So heisst es in einem Gedicht ohne Titel:

Der Zauber der Strassencafés
kennt weder Zeit noch Ort
nur Beständigkeit
und die steinerne Geduld der Brunnen

Gleich auf der nächsten Seite antwortet ihm:

Die Luft riecht nach Kirschen
und salzigen Hemden
dort hebt meine Heimat an
im Licht unter Bäumen

Bindeglied der beiden Welten ist das lyrische Ich, das die Heimat aus der Ruhe des Gedenkens hervorruft, doch längst die Attraktionen der Stadt schätzen gelernt hat. Mit der Gelassenheit des Alters verbindet Leonor Gnos Zeiten und Orte und bringt sie auf den Punkt des erlebten Moments.

jeden Tag Abschied von der Kindheit
vom Dorf dem Fluss und dem Berg
Tag für Tag sich lösen von der Stadt dem Meer
den Gross- und Kleinstädten den Ländern
die verschwinden ohne Nachricht.

Ihre Gedichte pflegen eine anschauliche lyrische Sprache. Mal sind die freien Verse länger, mal kürzer, ohne Titelüberschriften, mit Bedacht gesetzt und mit zurückhaltender Bildhaftigkeit. So bleibt sie ganz bei sich, ihrer Anschauung und ihren Erinnerungen. Hin und wieder aber bricht dennoch die harte städtische Wirklichkeit durch, «der illegale Markt harter Drogen / wo öfter Geld und Mord zusammentreffen«, oder die leidvolle Geschichte Marseilles, von der ein Mahnmal für die Widerstandskämpfer im zweiten Weltkrieg erzählt. Dann wird der leitmotivische Ruf der Vögel am Morgen übertönt, und das Ich nimmt innerlich Zuflucht im Tal der Kindheit. So hallt am Ende doch das Rauschen der Reuss nach – «mit der Erinnerung an eine Sprache zwischen den Zeiten».

Aus: «Mit der Zeit, gegen die Zeit. Gedichte von Sibylle Berg, Franz Dodel, Jürgen Theobaldy, Rudolf Bussmann und Leonor Gnos.» Ein Fokus von Beat Mazenauer, 20.01.2025.

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