Archäologische Selbsterkundung
Florian Bissig über «Die verborgenen Ufer» von Christian Haller
Eines Nachts im Sommer 2013 spürte Christian Haller sein Haus zittern, dann hörte er ein Plumpsen. Die Veranda seines Hauses am Rheinufer in Laufenburg war abgebrochen. Das Fundament seines Hauses war vom gestauten Rheinwasser aufgeweicht und zerstört worden, wie die folgenden Abklärungen zeigten. Schutzmassnahmen und umfangreiche Sanierungen wurden nötig, die für Haller grosse Aufregung und hohe Kosten bedeuteten.
«Eine Katastrophe» resümiert Haller zu Beginn seines autobiografischen Romans Die verborgenen Ufer kurz und prägnant. Viel länger mag er den Leser nicht mit den Problemen eines Hausbesitzers behelligen, der von der Gebäudeversicherung, den Kraftwerksfachleuten und Behördenvertretern im Stich gelassen wird. Auch über die gegenwärtigen Erschütterungen in seinem Privatleben, etwa den Wegzug seiner langjährigen Lebenspartnerin oder sein Hadern mit den schlechten Kritiken seines letzten Romans, äussert er sich nicht im Detail.
Stattdessen erzählt er, was die Katastrophe in ihm wachgerufen hat: Es ist die Geschichte einer anderen, jedoch ähnlich gelagerten biografischen Katastrophe. Eine Kumulation von Krisen war bereits fünfzig Jahre zuvor über ihn hereingebrochen, als er in seiner schäbigen Absteige zugleich die Absage eines Verlags zu seinem ersten Buchmanuskript und den Abschiedsbrief seiner Freundin vorfand.
Auf diesen Moment, in dem er als Mittzwanziger «ein Fundament für einen neuen Aufbau» finden musste, sowohl für eine gefährdete Beziehung wie für seine Entwicklung als Künstler, steuert Haller Buch zu. Hier bricht die Erzählung ab, am «Nullpunkt der Existenz», von dem es nur noch aufwärts gehen kann, und von dem es ja durchaus aufwärts gegangen ist, wie man unterdessen weiss.
Doch zunächst geht Haller zum eigentlichen Nullpunkt seiner Existenz zurück. Er beginnt mit der Imagination seiner Geburt im Spital von Brugg und erzählt die Geschichte seiner Kindheit und Jugend: Wie er sich als kleiner Junge vor einem Krieg fürchtete, wie er von seinem Primarlehrer gedemütigt und geprügelt wurde, wie er unter den familiären Spannungen litt, und noch mehr unter den Erwartungen von allen Seiten an seine Lebensgestaltung und Zukunftsplanung.
Doch Haller berichtet auch von stärkenden Freundschaften und von Steckenpferden, denen er sich stets mit Leib und Seele verschrieb. Zuerst war es die Archäologie, die der Bezirksschüler schon fast professionell betrieb, am Lehrerseminar war er von der Schauspielerei angefressen. Stets hatte der Junge die Frage vor Augen, ob aus seiner Leidenschaft einst ein Brotberuf werden könnte. Während des Lehrerseminars in Wettingen entdeckt er das Schreiben für sich, oder vielmehr die Idee des Schreibens und des Schriftstellerseins.
Sei es als Archäologe, als Schauspieler oder als Literat in spe, der junge Haller war von Unsicherheit und Selbstzweifeln geplagt, wie der Erzähler freimütig durchblicken lässt. Stets war er auf der Suche nach Vorbildern und Ratgebern. Den Aargauer Schriftsteller Max Voegeli, auf den die Klosterschüler regelmässig in der Kneipe trafen, erkor er sich zur Mentorfigur und bekam Sätze zu hören wie: «Man muss erst jemand werden, um etwas zu sagen zu haben.»
Aber wie auf die Schnelle jemand werden? Der jugendliche Haller war jedenfalls fest davon überzeugt, dass ihn Liebesgeschichten oder – im schlimmsten denkbaren Fall – eine Familie mit Kindern von seinem Weg als Künstler abhalten würden, und dass er nur fernab von bürgerlich-konventionellen Pfaden seiner Berufung folgen könne. So wohnte er nach der Matura im Zürcher Niederdorf derart bescheiden, dass sich sein Vater nicht einmal in die Nähe seiner Absteige begeben mochte.
Der Ich-Erzähler erscheint wie ein Archäologe seines eigenen Lebens. Er gräbt rasch, gleichsam mit grobem Werkzeug, bis er auf vielversprechende Stellen stösst. Dann wechselt er zum feinen Instrumentarium und legt mit präzisen Bewegungen seine funkelnde Fundstücke frei: bedeutungsvolle Anekdoten und folgenreiche Momente der Erkenntnis. Die öffentliche Demütigung des jugendlichen Haller während einer Archäologie-Konferenz etwa lässt ihn ernüchtert auf den ersten Berufswunsch verzichten: «Das lautstarke Herabsetzen kannte ich zur Genüge von meiner väterlichen Familie her. Mit einer Archäologie, in der es wie bei den Besuchen in Aarau nur darum ging, wer recht und wer das Sagen hatte, wollte ich nichts mehr zu tun haben. Ich holte mein Gepäck im Hotel, überquerte die Strasse zum Bahnhof und fuhr nach Hause.»
Obwohl Haller das Geschehen von 2013, genauer, den «Anblick der weggerissenen Terrasse an jenem Morgen wie das um fünfzig Jahre verspätete äussere Bild [s]eines damaligen Zustandes» deutet, unterlässt er es während der Erzählung seiner Jugenderinnerungen ständig Bezüge auf sein späteres Leben zu machen. So taucht der Leser ungehindert in die rasch voranschreitende Vita des werdenden Künstlers ein und zugleich in anschauliche Schilderungen der ersten zwei Nachkriegsjahrzehnte. Auch deutlich gesellschaftskritische Töne verschaffen sich darin Gehör.
Ob seiner Ambivalenz zwischen Zweisamkeit und Künstlerdasein entglitt dem Mittzwanziger gleich beides. Die entlaufene Freundin kehrte indessen bald wieder zurück, und auch die Muse und die Verlage waren ihm später zugeneigt. Und so schlägt Haller den Bogen zurück zu seiner brüchigen Existenz der Gegenwart mit verhaltenem Optimismus. Sein Haus, so haben die Experten schliesslich herausgefunden, steht auf einem Felsband, allerdings einem sehr schmalen. Darauf wird man bauen und das Gebäude wieder befestigen können. Ganz ohne festes Fundament wohnte Haller also nicht – auch wenn es auf dem Höhepunkt der Krise so scheinen mochte.
Die verborgenen Ufer bestätigt denselben Befund auf der künsterlischen Ebene. Auch nach seiner Trilogie des Erinnerns verfügt Haller über genügend ergiebiges biographisches Terrain, und sein literarisches Grabungsbesteck befindet sich in bester Ordnung.