Amur, großer Fluss

Dominik Müller über «Amur, großer Fluss» von Leta Semadeni

Oft sind wir nicht wirklich da, wo wir uns gerade aufhalten. Gedanken, Träume, Erinnerungen versetzen uns an einen anderen Ort oder in vergangene Zeiten. Olga, die Hauptfigur in Leta Semadenis Prosa-Band Amur, großer Fluss, war und ist dieser Erfahrung in ihrem Leben, auf das sie zurückblickt, besonders stark ausgesetzt. Dabei ist sie keine romantische Träumerin. Als wissenschaftliche Zeichnerin und Illustratorin registriert sie genau, wie Beleuchtungen, Wetter oder Jahreszeiten die Wiese vor ihrem Haus am Rand eines Bergdorfs und die Wälder im Hintergrund verändern. Dass sich ihr ständig Anderes vor das Naheliegende schiebt, hat bei ihr noch einen speziellen Grund: ihre Beziehung zu Radu, «ihrem» Mann». Das Possessivpronomen ist in diesem Fall noch unangemessener als sonst. Kaum einmal angekommen, macht sich der Dokumentarfilmer auch immer schon wieder davon, auf irgendeine Reise oder Expedition. Schliesslich bleibt er ganz weg. Und damit ist er noch viel hartnäckiger anwesend. «Seine Leiche lag überall herum und störte.» Olga konnte sich nie daran gewöhnen, dass er da ist, und konnte und kann sich nicht daran gewöhnen, dass er nicht da ist. Offenbar gibt es auch toxische Frauenphantasien, nur dass diese weniger ihren Objekten schaden als den Subjekten, die sie hegen. Was sie ihrer Freundin Elsa unterstellt, gilt auch für sie, verloren zu sein, zwischen den «Versuchen zu lieben und den vergeblichen Versuchen, ohne Liebe aus- und davonzukommen». Die synchrone Existenz im fassbaren Hier und im imaginierten Dort erlebt sie nicht als Freiheitsgewinn, sondern als Schmälerung ihres Lebens – «seine Abwesenheit als dumpfes Pochen, das den Tag in Fragmente zerlegt». Die Seltenheit der Glücksmomente, in denen erfüllte Gegenwart das Hadern mit dem ungelebten Leben kurz zu verscheuchen vermag, steigert die Strahlkraft etwa einer Nacht, in der Olga und Radu nach einem gelungenen Zusammensein mit Freunden in einem leichten Tequila-Rausch den Mond bewundern und sogar vergessen, sich zu küssen. Dazu die Einsicht, dass «wie ein Gift» auch «das Glück nur in kleinen Dosen genießbar» ist.

Unter den literarischen Figuren gehört Olga nicht zu den besonders einnehmenden. Mit Elsa scheint sie die «Angewohnheit» zu teilen, «ihre Bitterkeit zu horten». ‹Schick doch diesen Radu in die Wüste›, möchte man ihr immer wieder zurufen, wenn wieder eine Episode aus dem gemeinsamen Leben vergegenwärtigt wird, ‹er tut Dir nicht gut›. Vielleicht ist das aber nur die Reaktion auf die unbequeme Einsicht, wie viel Olga in einem selber steckt. Olga schiebt das Unstimmige nicht beiseite und widersteht unversöhnt dem, was Gottfried Keller einmal «pfuscherhaftes Glücklichseinwollen» nannte. Mit Zärtlichkeit denkt sie an ihre Grossmutter, welche tapfere Unversöhnlichkeit mit grösster Liebenswürdigkeit verband, und weiss sich mit ihrer Freundin Elsa verbunden, die als Philosophin mit ihrem Leben nicht so ganz zurechtkommt.

Leta Semadeni erzählt in einer Weise von Olga, die sich konsequent aus deren Lebensproblematik ableitet. Dem Gefühl, dass Radus Abwesenheit ihre Tage fragmentiere, entspricht eine Fragmentierung des Buches in 105 kurze Kapitel. Episoden aus Olgas früherem Leben stehen gleichberechtigt neben solchen aus der Zeit nach Radus Tod; Erinnerungssplitter, Beobachtungen, Reflexionen haben die gleiche Gegenwärtigkeit. Das, was der Verlag uns als einen «Roman» verkauft, vermittelt höchstens ein lückenhaftes Bild von einem Leben, das Olga nach Südamerika führte, nach New York und schliesslich zurück in die Gegend, wo sie einst bei ihren Grosseltern aufwuchs. Dieses Erzählen lebt nicht vom grossen epischen Atem, vom Stiften von Zusammenhängen, sondern von der suggestiven Evokation einzelner Momente und Atmosphären; es will nicht eine atomisierte Welt zusammenkitten. Auch der Titel liefet keinen gemeinsamen Nenner. Der russisch-chinesische Grenzfluss Amur spielt nur am Rand eine Rolle, und für die Erzählweise wäre «großer Fluss» eine gänzlich unpassende Metapher. Und wahrscheinlich tut man dem Buch in seiner so dezenten, spröden Schönheit zu viel Gewalt an, wenn man Amur als «amour» liest und es zum Liebesroman erklärt. Wenn man zugesteht, dass ein solcher neben dem coup de foudre, den Glücks- und Nähegefühlen auch die Enttäuschungen, die Fremdheiten und die toten Zeiten in Rechnung ziehen darf, wäre das allerding eine Option.

Die Prosa Leta Semadenis scheint von der Lyrik herzukommen. In ihrem rätoromanisch/deutschen Gedichtband In mia vita da vuolp / In meinem Leben als Fuchs (2010), den sie vor dem preisgekrönten Prosadebüt Tamangur veröffentlicht hatte, beginnt ein mit «Tiere» betiteltes Gedicht so: «Immer wieder | schleicht ein Tier | durch meine Texte». Allgegenwärtig sind die Tiere auch in Amur, großer Fluss. Ein Hund, Katzen und einmal auch Kakerlaken im Haus, Kühe und Schweine davor, das Wild im Wald, überall Vögel und die Tiger in der Vorstellung, wo sie sich an den Ufern des Amur herumtreiben. Fast will es scheinen, dass sich Olga in der Gesellschaft von Tieren wohler fühlt als in der von Menschen. Beneidet sie die Tiere um ihre ungespaltene Existenz? Ein solche wird im Titelgedicht von In meinem Leben als Fuchs imaginiert: «Ich wusste nicht | meinen Namen | war nur immerfort da | wo die Pfote die Erde berührt». Von der Tierliebe leitet sich vielleicht auch die Fixierung auf Radu her. Schon als Kind nannte man ihn in seiner rumänienstämmigen Familie «Tigru», Tiger. Wie so viele andere Erklärungen, enthält der Roman uns auch vor, ob diese Namensgebung Ausdruck oder Ursache von Radus Undomestizierbarkeit ist. Was ihn für Olga so anziehend macht, findet man nicht in einem gängigen Katalog männlicher Attraktivitätsmerkmale. «Wenn Radu aber erkältet war, krächzte er beim Versuch zu lachen wie ein Rabe. In solchen Momenten war Olga dem Glück auf der Spur.»
Die Schönheit von Leta Semadenis Buch hat nichts Betörendes, man reibt sich daran, so wie sich seine Protagonistin an der Welt reibt. Das ist eine Aufforderung, in der Aufmerksamkeit wach zu bleiben und offen, auch für herbe Wahrheiten.

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