21:21 für den Vater
Beat Mazenauer über «Ping. Ein Zweiseitenspiel» von Thomas Heimgartner
Bei Sport und Spiel geht’s ums Gewinnen. In der Liebe gelten andere Gesetze, auch wenn die Liebe mitunter ein Spiel ist. Kuno Lauener von Züri West hat das Dilemma in zwei wunderbaren Songzeilen festgehalten: «Unentschiede isch's nid / Es isch 7:7 für mi».
Thomas Heimgartner steigt in seinem Roman Ping auf ein ähnliches Spiel ein. Ein Vater und eine Tochter liefern sich per Fernkommunikation ein Ping Pong, in dem Schlag auf Schlag ihre Beziehung offenbar wird. Doch, um bei der Metapher zu bleiben, sie spielen dabei ihr ganzes Schlagrepertoire aus und lassen zwischen den Ballwechseln auch mal Pausen offen.
Der 50-jährige Ralph und seine halb so alte Tochter Valérie schauen nicht auf ein unbeschwertes Familienleben zurück. Die Beziehung zwischen dem Vater und der namenlos bleibenden Mutter war angespannt, sie blieben nur der beiden Töchter wegen zusammen. So zuvorkommend dieses Verhalten auch war, Valérie ging es zu Herzen, sodass sie nach der Schule so schnell wie möglich eine eigene Bleibe suchte. Ralph seinerseits hat inzwischen seine Lehrerstelle aufgegeben, um Tausende Kilometer entfernt in Bangkok die Leitung einer Schweizer Schule zu übernehmen. Diese Distanz, also der ganze Tisch inklusive Netz zwischen sich, erlaubt es den beiden, schriftlich miteinander Kontakt aufzunehmen und die gegenseirtigen Missverständnisse zu bereden. Sie kommen überein, dass er der Tochter eine Geschichte erzählt und sie sich darauf einlässt, indem sie die zugespielten Bälle mit persönlichen Kommentaren zurückspielt. Ralph erinnert sich an eine Begebenheit im Sommer 1989, die in ihm eine feine Narbe hinterlassen hat.
Er und seine Freunde spielten regelmässig im Hof der Siedlung Tischtennis. Eines Tages schaute ein Mädchen von einem Balkon zu, das Ping gerufen wurde, wie eine chinesische Tischtennisspielerin. Ja, vielleicht war sie sogar eine?
«Ping!», hörte ich jemanden rufen. Jedenfalls klang es so. Dann noch einmal: «Piing!» Beim dritten «Ping» dreht sich das Mädchen um und verschwand in der Wohnung.
Die Tochter spielt in diesem Ping-Pong mit. Zug um Zug, Schlag auf Schlag, Ballwechsel um Ballwechsel lassen die beiden die alte Geschichte aufleben als ein Spiel, in dem es offenkundig um mehr geht. Die gegenseitige Fremdheit verfliegt nicht einfach so, auch weil beide ihre Schläge beherrschen. Valérie hält dem Vater vor, dass sich seine Nachrichten mitunter wie Nadelstiche anfühlen: «Frag dich mal, weshalb das so ist.» Beide beschleunigen mal mit Topspin, mal bremsen sie das Gegenüber mit unterschnittenen Bällen aus.
Die Spielmetapher hält Thomas Heimgartner konsequent durch. Er hat offenkundig ein leidenschaftliches Faible für dieses Spiel, diesen Sport. Jedes Kapitel ist mit dem aktuellen Punktestand überschrieben, und alle fünf Kapitel wechselt der Anschlag die Seite. Das Spiel, das die Leser:innen mitspielen, besteht darin zu erraten, weshalb der Punkt jeweils Ralph oder Valérie zugeschrieben wird.
Heimgartner hat sich schon in seinen früheren Büchern durch lakonische Kürze hervorgetan. Er bleibt auch hier hoch konzentriert, thematisch wie stilistisch – ohne aber die metaphorische Doppeldeutigkeit aufzuheben: Sein Text ist gleichermassen fokussiert wie verdichtet. Während Ralph gerne ins Erzählen kommt, um die alte, nostalgisch umflorte Jungengeschichte für sich zu klären, hält Valérie zuweilen nur den Schläger hin, um die Bälle hart zu blocken.
Ein dummer Satz von mir, ich gebe es zu. Eigentlich hat mich die Einladung gefreut.
Ich werde darüber nachdenken.
Zuerst muss ich hier die Weihnachtszeit überleben.
Auch wenn unser Familienglück gefakt war, fühlte sich Weihnachten echt an.
Der Reiz des Buches liegt, durch das Spiel streng rhythmisiert, im Ungesagten, Ausgesparten, zwischen den Ballwechseln Versteckten. Valéries «vernünftige» Schwester Laura und vor allem die Mutter bleiben umrisshaft im Hintergrund, deshalb ist offen, wie das Leben in der Kleinfamilie ausgesehen haben könnte. Aus dem Mutmassen darüber entsteht für die Leser:innen so etwas wie eine zweite Spielebene.
Auch wenn das Gespräch stockend in Gang kommt, hilft das Ping Pong dem Vater wie der Tochter über das Verstummen hinweg. Ping ist ein raffiniertes kleines Kabinettstück, in dem das beschworene Familienglück im trockenen Klacken der Bälle nachhallt.
Das Spiel endet 21:21 – für ihn, denn ein Unentschieden gibt es nicht. Den zweiten Satz werden die beiden bei Valéries Besuch in Bangkok spielen.