«Außenseitergeschichten, die keine Mitte finden, nie»
Ruth Gantert über Feuer ist eine seltsame Sache von Lisa Elsässer
Lisa Elsässers Geschichten spielen meist in einer ländlichen Gemeinschaft, deren Mitglieder einander kennen – im Dorf wie auf dem Friedhof weiss man, wer nebeneinander wohnt oder liegt. Idyllisch ist diese Gesellschaft aber nicht, sie kennt immer auch die Ausgeschlossenen, die Verspotteten, die Abgeschobenen, und um die geht es hier ganz besonders.
In der ersten Geschichte nimmt eine Mutter mit zwei kleinen Mädchen den Bus in ein anderes Dorf, in dem ihre Schwester, die Tante der beiden Kinder, stirbt. Die Totenwache wird aus der Sicht des älteren Mädchens beschrieben, das die ungewohnten Eindrücke genau registriert und mit Bekanntem vergleicht. Doch auch das Vertraute wird in der neuen Umgebung fremd. Wie der Fluss, der Schächen, im Dorf von Onkel und Tante derselbe und doch ein anderer ist, so verändert sich auch die Mutter, als sie von der Sterbenden mit ihrem Vornamen angesprochen wird und fortan bald «Mutter», bald «Emma» ist. Genaue Beobachtungen und kleine Verschiebungen bestimmen auch Lisa Elsässers Prosa. Vieles bleibt ungesagt und lässt sich aus sparsamen Beschreibungen schliessen. So fällt nirgends das Wort «Armut», doch dass die Kerze neben der Madonna des Hausaltars in einem roten Plaktikkübelchen mit weissen Kreuzen brennt, sagt alles. Die sprachliche Verortung in der ländlichen Schweiz ist sehr diskret und scheint bisweilen umso wirkungsvoller auf, wenn der Vater seine Tochter «Dumme Babä» nennt. Gefühle werden kaum als solche bezeichnet, sondern treten in körperlichen Reaktionen zutage. Der Mann, der soeben sein Frau verloren hat, «schien auf etwas zu warten, gab Laute von sich wie abends zuvor der Hund».
Der Tod spielt eine wichtige Rolle in dem Band. «Gestorben wird immer wieder» sagt der alte Vater, dessen Tod in der Geschichte «Nachruf» nicht erzählt wird. Die zwölfjährige Antonella stirbt an Knochenkrebs, nachdem ihr niemand geglaubt hatte, dass die Schmerzen im Bein etwas anderes waren als die Unlust, zur Schule zu gehen. Die achtzigjährige Magda stirbt im Altersheim, in dem ihre hundertjährige Mutter noch lebt. Und der angesehene Familienvater der Dorfgemeinschaft stirbt vor den Augen der Krankenschwester und ehemaligen Nachhilfeschülerin, der er einst ein Kind gemacht hatte, das «als Schande» vaterlos aufwachsen musste. «einer stirbt» heisst schliesslich der experimentellste Text des Bandes, eine interpunktionslose, ganz in Kleinbuchstaben gehaltene Variation über den Tod.
Feuer ist eine seltsame Sache erzählt natürlich auch von der Liebe. In der Titelgeschichte gerät eine Dreiecksbeziehung (ein Paar und die mit den beiden befreundete Ich-Erzählerin) aus dem Gleichgewicht, als das Paar sich einen Hund anschafft. Sind beim Tod die katholischen Rituale präsent – man betet den Rosenkranz während der Totenwache, spritzt Weihwasser beim Abschiednehmen, pflegt das Grab auf dem Friedhof – so zeigen sich die Handlungen der Liebe ungebundener und individueller, ja sie werden neu erfunden. Besonders schön erscheint dies in der Szene eines Abschieds, als die Erzählerin ihren ehemaligen Geliebten zufällig im Café wieder trifft.
Er setzte sich an meinen Tisch und wir plauderten über Gott und die Welt. Er war nicht mehr mit ihr zusammen, er war auch mit mir nicht mehr zusammen. Ob er mit sich einigermaßen zusammen war, weiß ich nicht. Er ging kurz auf die Toilette und in dieser Zeit leerte ich ihm den Inhalt einer Zuckertüte, die es immer zum Kaffee gibt, in die Finger seines Handschuhs. Eher als Geste einer neuen Freundlichkeit zwischen uns denn als erneutes Werben.
Vom Knistern (der Leidenschaft) zum Knirschen (des Zuckers im Handschuh) – in solch schrägen, sinnlichen Bildern verbinden sich Humor und Melancholie. Wie der im gleichen Jahr bei Wolfbach erschienene Gedichtband von Lisa Elsässer heisst, leicht und unprätentiös: Da war doch was.