«Wo ist Jevropa und wo nicht?»
Ruth Gantert über «Fast nichts all inclusive» von Sagal Maj Čomafai
«Autofiktiv irgendwas schreiben», überlegt sich der Ich-Erzähler in Geldnöten. Und genau dies scheint er zu tun – manchmal in so naiver Weise, dass sie an einen Schulaufsatz erinnert. «Wir machen einen Ausflug», heisst tatsächlich eine der Mikrogeschichten aus Fast nichts all inclusive. Doch Sagal Maj Čomafais Kurzprosa übertrifft den aktuellen Trend, das eigene Leben zu erzählen, an Witz, Raffinesse und Vielschichtigkeit.
«Meine Kernkompetenz ist die Mehrsprachigkeit»
Der in Stans geborene Autor studierte Philosophie und Indologie sowie literarisches Schreiben in Biel, wo der 29-Jährige heute lebt. Sein erstes Buch versammelt 76 Prosatexte, von denen der kürzeste drei Zeilen und der längste eineinhalb Seiten zählt. Klug beobachtet und abwechslungsreich beleuchten die Texte verschiedene Aspekte im Leben eines jungen Mannes, der sich in einer Schweizer Kleinstadt mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Unter lakonisch gesetzten Titeln wie «Alles», «Fast nichts» oder «Bitte nicht, danke» erscheinen Themen wie Arbeit, Familie, Nachbarschaft, Reisen, Zufallsbekanntschaften und Liebe in Mikroszenen und Dialogen, die sich zu einem unprätentiösen Porträt des Schreibenden und seiner Lebenswelt zusammenfügen.
In den deutschen Texten mischen sich französische, schweizerdeutsche und serbische Zitate, auch Englisch, Italienisch, Rumänisch, Dänisch und sogar Finnisch kommen vor, je nachdem, ob die Ausflüge ins Café, in die Ikea, nach Helsinki oder in den eigenen Innenhof führen.
Als ich den Müll rausbringe, steht meine Nachbarin im Schlafanzug vor der Tür und raucht. Sie fragt, ob ich auch möchte, aber ich lehne ab: Ich habe heute schon genug geraucht. Ich achte auf meine Gesundheit und kenne meine Grenzen. Die Nachbarin meint: Alle immer: Grenze, Grenze. Wo ist Grenze? Was Grenze? Grenze Jevropa, Grenze Welt?
Nachbarin ukrainisch, Katze persisch, Teppich afghanisch, Essen italienisch, Film japanisch, Shisha marokkanisch, Nachbar serbisch, Land Schweiz, Sprache Französisch.
Wo ist Jevropa und wo nicht?
Ach so, das ist Literatur
Der Erzähler richtet einen ironischen Blick auf seine Umgebung und sich selbst. Liebevoll bis sarkastisch zitiert er die Ansprüche seines Umfelds: von den gutgemeinten Ratschlägen der Mutter («Schreib doch wieder mal was Schönes!») oder der Therapeutin («ich müsse bei dieser ganzen Scheisse nicht mitmachen») bis zu den absurden Vorgaben des Chefs («ich solle ihm mein Anliegen als Excel-Tabelle schicken»). Anschaulich führt er die Widrigkeiten und Klischees des Arbeitsalltags vor, in dem man in virtuellen Meetings am Bildschirm einfriert, bei Mitarbeiter:innengesprächen bewertet wird und seine «Kernkompetenz» definiert.
«Bitte nicht, danke»
«I would prefer not to» – diese Melvilles Bartleby entliehene, diskret-hartnäckige Abwehrreaktion bleibt aktuell und lässt sich nur zu gut nachvollziehen. Ertappt lacht die Leserin bei den Versatzstücken und Allerweltssätzen auf, die der Erzähler vorführt, indem er sie schlicht zitiert. So heisst es in «Feedback»: «Ach so, das ist Literatur, was du machst! Spannend.» Allerdings – und auch lustig, traurig und tiefgründig.
NB: Diese Rezension erschien zuerst im Kulturmagazin 041.