«jetz herkulari»
Beat Mazenauer über «Berta» von Bettina Wohlfender
«jetz herkulari», so setzt das Lebensbild von Berta, dem Verdingkind, mit einem markigen Ausruf ein. Berta verwendet ihn als Grossmutter, sehr zur Freude ihrer Grosskinder. In diesem «jetz herkulari!» steckt eine Kraft, die Berta dringend benötigte, um unbeschadet durchs Leben zu kommen. Bettina Wohlfender und Béatrice Gysin fangen ihr Leben in aufeinander wohl abgestimmten Worten und Bildern ein.
Oft gab es nicht genug zu essen. Oft sass Berta allein in der Küche. Oft blieb der Hunger.
Was ist eigentlich schlimmer, der Hunger oder die Einsamkeit? Beide nagen an Bertas Gemüt, als sie zu ihrer Tante in Obermeilen, später zu einer fremden Familie in Adliswil und sonst wohin umplatziert wurde. Ihr blieben Hunger, Alleinsein und dazu die schwere Arbeit, deretwegen sie in der Schule oft einschlief. Der Lehrer sagte nichts dazu. Das Buch Berta erzählt von der sozialen Kälte, mit dem ein Verdingkind um 1900 zu rechnen hatte. Bertas Mutter starb früh und hinterliess vier Kinder, mit denen der Vater, der als Tagelöhner arbeitete, überfordert war. So wurden die Kinder von der Fürsorge auseinandergezerrt, der Rest war sozialpolitische Routine. Berta indes war tüchtig und machte ihren Weg, allen Erschwernissen zum Trotz.
Bettina Wohlfender berichtet von diesem Leben in kurzen Abschnitten, die aufs Wesentliche zielen und immer wieder die zentralen Fragen stellen:
Hat sie jemand getröstet, ihr den Ruf des Kuckucks gelehrt? Hat jemand mit ihr Buchstaben entziffert, Lieder gesungen, Sterne gezählt?
Béatrice Gysin setzt dazu feine Bleistiftzeichnungen und Bildcollagen, die den Text nicht einfach illustrieren, sondern ihm bildhaft Aspekte und Facetten hinzufügen. Im Miteinander formen sich die beiden Ebenen zu einer Erzählung, die Bertas Schicksal in einen poetischen Raum heben, der die Schwere nicht negiert, der Erzählung aber gewissermassen jene Attribute hinzufügt, aus denen Berta ihre Kraft schöpfte für ein Leben gegen alle behördliche Willkür. Béatrice Gysi malt mit Farbstiften, zeichnet mit feinem Bleistift und setzt Bilder zu anspielungsreichen Collagen zusammen. Gerne bläst sie die feine Strichzeichnung auf, sodass der klare Strich leicht schummrig wird und so etwas zauberhaft Unwirkliches ausstrahlt. Das «récit de vie» von Bettina Wohlfender bewahrt eine einfache, ungekünstelte Sprache, die die traurigen Sachverhalte nicht ins Kunstvolle überführt.
Bertas Leben bewahrt, bei allen Windungen, etwas bodenständig Klares, darin liegt das Wunder ihres Lebens. Die Historikerin Mirjam Janett arbeitet in fünf kurzen Kapiteln den historischen Kontext heraus. Dabei wird einmal mehr schrecklich deutlich, wie lange solche Praktiken möglich waren, die Tausende von Leben zerstört haben. Die fröhliche Grossmutter Berta aber konnte am Ende lachend «„jetz herkulari!» ausrufen, auch wenn sie beim Eile mit Weile verlor. Das nach ihr benannte Buch gibt ein schönes Zeugnis davon. Die Sieger schreiben die Geschichte, aber manchmal kommt sie einer Verliererin zugute.
Aus: Visuelle Literatur, ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 3.10.2023