«increschantüm»

Beat Mazenauer über «Schwarzhandel mit dem Himmel/Marchà nair cul azur» von Angelika Overath

Die Autorin Angelika Overath wohnt seit fünfzehn Jahren im Engadin, wo Deutsch zwar gut verstanden wird, doch eigentlich das romanische Vallader zu Hause ist. Bei diesem Miteinander der Sprachen wollte die sprachsensible Autorin nicht abseits stehen. In der Lyrik fand sie einen Weg, sich ohne «immer schöne Sätze sagen» zu wollen, mit dem Idiom der Einheimischen vertraut zu machen. Als Resultat davon erschienen 2014 Gedichte aus ersten Wörtern / Poesias dals prüms pleds. Und nun ist ihr zweiter Band mit zweisprachigen Gedichten erschienen: Schwarzhandel mit dem Himmel / Marchà nair cul azur.

Angelika Overath pendelt darin zwischen den Sprachen, übersetzt die eine in die andere, um dabei gewahr zu werden, dass sich die Kluft nie vollauf überbrücken lässt. Bereits der Titel verrät, schreibt sie im Vorwort, wie sich die lautliche Form von «cul azur» gegen eine wortgetreue Übertragung gesperrt habe. Mit «Handel im Himmel» hat sie das poetische Manko aufgefangen. Vergleichbare Beispiele gibt es in diesem Buch viele. Das schöne Wortspiel von «guitader» und «guitarra» (Nachtwächter und Gitarre) wird zum (nicht ganz so eleganten) Zweiklang «Wächter» und «Waschbrett». Gänzlich unübersetzbar bleibt hingegen die stupende Reduktion im Gedicht «Estra / Fremd»:

ed adüna
sur no
sur not
quista not

nota
nota quai

und immer
über uns
über Nacht
diese Nacht

schreib
schreib hinein

«Die Poesie ist kein braves Kind», heisst eines der Gedichte: «El nu fa per cumond» («Sie gehorcht nicht»). Darin liegt gerade ihre Kraft und die Herausforderung an die Dichterin. Sie liebt die «fremde» Sprache, die «auch meine Sprache» ist, selbst wenn sie sie «schlecht spreche». Diesen Topos wiederholt Angelika Overath immer wieder, wie um sich selbst dieses Vertrauen stets von neuem zu bestätigen.

Über die lokale Sprache erhält auch die Engadiner Topographie eine besondere Aufmerksamkeit: der Schnee (vor allem), die Berge, der hohe Himmel. In einfachen, hingetupften Bildern fängt Angelika Overath den jahreszeitlichen Wandel und all die täglichen Aufgaben im Haus ein. Das lyrische Ich wird ob der bergigen Landschaft mitunter seekrank: «eine Matrosin der Sehnsucht», oder unnachahmlich in Vallader: «üna matrosa da l'increschantüm». In diesem Bild zeigt sich die Autorin als Geistesverwandte des Engadiner Dichters Dumenic Andry, der in seinen Gedichten den Bergen immer wieder das Meer und sich als Matrosen entgegenhält.

Und so lugt die weite Welt auch bei Angelika Overath durch die Hintertüre herein. Schon unter den romanischen Gedichten taucht ein «Istanbuler Rondo» auf, das auf einen Aufenthalt am Bosporus hinweist, und auf Overaths letzten Roman Ein Winter in Istanbul. Dies bekräftigend hat sie ihrem Band dreizehn «Istanbuler Elegien» angefügt, in welchen sich der Himmel weitet. Diese Weitung bezieht sich auch auf die Form. Hier ungeteilt in ihrer vertrauten Sprache, beschreiben diese Elegien komplexere lyrische Strukturen und verraten so ein feineres sprachliches Raffinement. Gerade vor diesem Hintergrund aber beweist die zweisprachige Zwiesprache in den Vallader-deutschen Gedichten ihre schöne zarte Stimmigkeit.

Aus: Zwiesprache mit der Sprache. Vier neue Gedichtbände. Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 18.7.2022

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