Warum um Himmels willen auf Rätoromanisch? (Neues aus der Rumantschia 2/3)
Weshalb schreiben Autor:innen in einer Sprache mit so wenigen Leser:innen? Zwischen Idealismus, Identität, Pragmatismus und auch ein wenig Ironie sucht unsere rätoromanische Korrespondentin nach Gründen, welche die Autor:innen der Rumantschia bei ihrem literarischen Schaffen motivieren (oder demotivieren).
Es ist wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage an rätoromanische Autor:innen, sozusagen ihre Gretchenfrage: Warum schreibst du auf Rätoromanisch? Als Autorin der Rumantschia war ich selbst schon mehrmals mit dieser Frage konfrontiert. Und mir ist aufgefallen, dass es sie in zwei Varianten gibt: Variante A kommt häufig aus dem deutschen oder sogar englischen Sprachraum, dem globalen Umfeld. Da geht sie mit einem argwöhnischen Unterton und mit einer Prise Spott einher, als hätte man soeben erklärt, man wolle vier Kinder in vier Jahren. Weshalb um Himmels willen sollte man sich so etwas freiwillig antun? Ein Riesenstress für nichts? Was für eine Verschwendung von Ressourcen, Arbeit, Nerven und Papier … Variante B kommt gewöhnlich aus dem rätoromanischen Umfeld oder auch aus dem kulturellen Bereich. Hier ist die Frage eher rhetorisch gemeint. Erwartet wird hier in der Regel genau eines: ein Bekenntnis zur (Mutter-)Sprache.
Nach ungefähr fünfzehn Jahren im rätoromanischen Literaturbetrieb habe ich mir eine reiche Sammlung möglicher Antworten auf diese Frage zugelegt: lauter Gründe, um (nicht) auf Rätoromanisch zu schreiben. Für mich selbst habe ich sie in zwei Kategorien eingeteilt: die ehrenwerten und die unehrenhaften. Im Folgenden möchte ich sie mit euch teilen. Alle.
Grund 1
Rätoromanisch ist die Sprache des Herzens.
Eine der ehrenwerten Antworten lautet, dass man auf Rätoromanisch schreibe, weil das die Sprache des Herzens sei. Wer kennt diese Aussage nicht? Ebenso verstaubt wie abgegriffen, wird der Topos dennoch bis heute immer wiederholt. Man schreibe auf Rätoromanisch, weil es die Sprache der Gefühle, der Familie, der Erinnerungen und der Kindheit sei. Jede:r Autor:in weiss, dass es einfacher ist, über Dinge zu schreiben, die man kennt, Gefühle, die man verspürt, Ereignisse, die man erlebt hat.
Allerdings wird dieser Grund für den Gebrauch des Rätoromanischen manchmal auch als Ausrede benutzt, um gerade nicht auf Rätoromanisch zu schreiben. So zum Beispiel von Arno Camenisch, der wohl noch heute einer der bekanntesten rätoromanischen Autoren ist – auch wenn er schon lange nicht mehr auf Rätoromanisch schreibt. Auch er sagt, «Romanisch ist die Sprache meines Herzens. Wenn zwei Personen Rätoromanisch sprechen, sind sie automatisch irgendwie miteinander verbunden». Aber er brauche mehr Distanz zum Schreiben, gerade wenn er über Dinge schreibe, die er aus der Kindheit kenne. Deshalb sagt er: «Deutsch ist meine Literatursprache. Wenn ich auf Deutsch schreibe, schreibe ich aus grösserer Distanz zum Stoff, und das ist wichtig.» Für Camenisch ermöglicht die Distanz erst das Schreiben. Distanz zur Thematik, aber auch Distanz zu den Leser:innen. Das kenne ich auch selbst als Autorin, wobei es sich mit den Sprachen bei mir umgekehrt verhält. Ich bin als Rätoromanin in einem deutschsprachigen Umfeld aufgewachsen. Meine Freund:innen aus der Kindheit und Jugend sprechen kein Rätoromanisch. Die Adoleszenz verbrachte ich auf Deutsch, wie auch grosse Teile meiner Kindheit. Für mich bedeutete, und bedeutet immer noch, das Schreiben auf Rätoromanisch auch eine gewisse Freiheit von den Meinungen der Menschen, die ich von früher kenne. Als junge Frau brauchte ich keine Angst zu haben, wenn ich von verflossenen Freundschaften und gebautem Mist berichtete, denn niemand konnte lesen, was ich auf Rätoromanisch schrieb. Unterdessen hat sich das mit all den Übersetzungsmaschinen natürlich ein wenig geändert (danke, Lia Rumantscha, danke, Alas!), aber zum Glück bin ich auch reifer geworden. Da sind keine Eskapaden mehr. Oder jedenfalls schreibe ich nicht mehr darüber.
Das Gefühl, beim Schreiben nicht zu viel über sich selbst erzählen zu wollen, ist gerade in der Rumantschia ein häufiges Thema. Flurin Spescha – der übrigens auch auf Deutsch schrieb – stellte schon vor Jahrzehnten fest, die Tatsache, dass den rätoromanischen Autor:innen ihre Leser:innen persönlich bekannt sei, habe eine starke Selbstzensur zur Folge. Spescha geht sogar noch weiter und formuliert die These, die Rumantschia bräuchte eigentlich Autor:innen, welche diese Rumantschia nicht kennten: «Die Literatur braucht anonyme Zonen», sagt er. Gerade für Autor:innen, die über Familie, Freund:innen oder über Tabus schreiben, kann eine solche Anonymität eine Hilfe sein. Angelika Overath wäre als Beispiel zu nennen für eine Autorin, die als Fremde in die Rumantschia kam und nun auf Rätoromanisch über die Rumantschia schreibt. (Darüber werde ich übrigens in einem weiteren Artikel für viceversa nachdenken: Wann ist ein:e Autor:in ein:e rätoromanische Autor:in? Wenn sie, er oder they auf Rätoromanisch schreibt? Rätoromanisch spricht? Rätoromanisch kann? Rätoromanisch könnte? Früher einmal Rätoromanisch konnte? Wenn die Eltern Rätoromanisch konnten? Oder wenn er, sie oder they zugezogen ist und jetzt in einer rätoromanischen Gemeinde wohnt?)
Grund 2
Rätoromanisch ist die schönste Sprache.
Eine weitere Idee, die häufig in Zusammenhang mit der Frage «Warum auf Rätoromanisch schreiben?» auftaucht, ist das Postulat der schönsten Sprache. Die rätoromanische Sprache an sich sei schön – eine Feststellung, die man besonders im Kontext der romanischen Sprachen häufig hört. Französisch als Sprache der Liebe, Italienisch als Sprache der Dolce Vita, Spanisch als Sprache der Leidenschaft. Und das Rätoromanische? Es sei «gleichzeitig weich und hart, bitter und süss, schlank (lateinisch), rund (nordisch) und rau (slawisch), sagt Cla Biert und weist ihm so Eigenschaften zu, die man wohl jeder Sprache andichten kann.
Jedenfalls wird hier ein Mythos erschaffen, nämlich der Mythos der schönsten Sprache der Welt: Rätoromanisch. Und wer möchte sich nicht in der schönsten Sprache der Welt ausdrücken? Andrerseits zweifeln viele rätoromanische Autor:innen (darunter auch ich) an ihrer Fähigkeit, in dieser «allerschönsten Sprache» zu schreiben. Das kann natürlich auch ein Grund dafür sein, eine andere Literatursprache zu wählen. Häufig wird bemängelt, auf Rätoromanisch fehlten die Wörter, man müsste auf deutsche, französische, italienische oder englische Wörter zurückgreifen. Beim Schreiben ein Wörterbuch zu benutzen, ist für die meisten rätoromanischen Autor:innen daily business. Fehlende Wörter sind es ebenfalls. Aber aus dieser Not kann auch eine Tugend wachsen. So habe ich kürzlich herausgefunden, dass die auf Vallader schreibende Autorin Flurina Badel und mich ein gemeinsames Hobby verbindet: Wir senden neue Wörter und Vorschläge für Neologismen aller Art an die Redaktion des Online-Wörterbuchs Pledari Grond. Die Möglichkeit, etwas Neues zu erschaffen, kreativ und frei mit einer Sprache umzugehen, ist natürlich ein guter Grund, auf Rätoromanisch zu schreiben.
Grund 3
Man ist immer der:die Erste.
Ein weniger ehrenhafter Grund, auf Rätoromanisch zu schreiben, gehört vielleicht eher zum Marketing als zum eigentlichen Schreibprozess. Ich weiss nicht genau, wie die Rumantschia das anstellt, aber praktisch jedes Buch, das auf Rätoromanisch erscheint, ist in irgendeinem Bereich das erste. Der erste rätoromanische Krimi, der erste rätoromanische Fantasy-Roman, der erste Fantasy-Roman auf Surmiran, das erste Buch einer Deutschen auf Rumantsch Grischun. Natürlich ist dabei hilfreich, dass es fünf rätoromanische Idiome und noch dazu Rumantsch Grischun gibt, plus eine Menge dialektaler Varianten, sodass dieser Formel praktisch keine Grenzen gesetzt sind. Ich warte noch auf den ersten rätoromanischen Porno-Roman, aber dass mir, sobald es einen gibt, per Schlagzeile verkündet wird, er sei der erste, weiss ich jetzt schon!
Grund 4
Der Weg zur Publikation ist kürzer.
Auch dies ein Grund, der wohl nicht gerne gelesen wird. Aber für mich war entscheidend, dass es schlicht einfacher ist, auf Rätoromanisch zu veröffentlichen, und das hat zumindest dazu beigetragen, dass ich rätoromanische Autorin geworden bin. Niemand wartet auf dich, wenn du mit einem weiteren deutschen Manuskript aufkreuzt. Aber auf Rätoromanisch? Da wird dir das Manuskript aus der Hand gerissen. Davon zeugen nur schon die Maturaarbeiten, die immer wieder in Buchform veröffentlicht werden.
Dass ein solches Unterfangen nicht zwingend zum Prestige der rätoromanischen Literatur beiträgt, versteht sich von selbst. Ein Journalist des New Yorker besuchte letztes Jahr die Rumantschia und zog schnell seine Schlüsse. Die rätoromanische Literaturszene biete all den Künstler:innen Zuflucht, die den Sprung in grössere Gefilde nicht schafften. Ein brutales und auch grob vereinfachendes Verdikt. Das zeigt die Anerkennung, die vielen rätoromanischen Autor:innen der letzten Jahre in der ganzen Schweiz und auch über ihre Grenzen hinaus zuteilwurde (vgl. dazu meinen letzten Artikel für viceversa).
Gewiss ist die Konkurrenz in der Rumantschia weniger gross und der Betrieb wohlwollender (auf dieses Wohlwollen in der Literaturszene werde ich in meinem nächsten Artikel für viceversa eingehen). Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man die rätoromanischen Texte mit anderem Blick liest als die deutschen. Oft gelten andere Parameter. Einer davon ist (auch wenn ich es ungern sage) das oben erwähnte «Erste:r sein». Anders gesagt: Trägt der Text auf irgendeine (thematische, formale, sprachliche) Art und Weise zu einer Auffrischung und Innovation der rätoromanischen Literatur bei? Wenn ja, zählt die literarische Qualität allenfalls weniger.
Grund 5
Die Erhaltung des Rätoromanischen.
Aber wenn ich ehrlich bin, gibt es eigentlich nur eine Antwort auf die Frage «Warum schreibst du auf Rätoromanisch?», die immer respektiert und geradezu erwartet wird, es handelt sich um die ehrenwerte Antwort per se: «Um die Sprache zu erhalten, selbstverständlich!» What else?
Ja, wozu denn sonst? Rätoromanisch ist eine bedrohte Sprache, auch wenn die Zahl der Sprecher:innen seit Jahrzehnten mehr oder weniger stabil bleibt. Mit der Zugehörigkeit zu einer solchen Minderheitsgemeinschaft sind auch gewisse Erwartungen verbunden, unter anderem die Pflicht, die Sprache zu erhalten. Diese Pflicht wird von der besonderen Geschichte des literarischen Schaffens in der Rumantschia noch verstärkt. Viele Jahrzehnte lang war die rätoromanische Literatur eine sogenannte Lehrerliteratur, das heisst eine Literatur, die vor allem von Lehrern (die männliche Form ist hier beabsichtigt) während der langen Sommerferien erschaffen wurde. Dass solche Autoren ein gewisses missionarisches Sendungsbewusstsein beseelt, ist offensichtlich. Und dass dieses dann von den eifrigen und fleissigen Schüler:innen, die wir Autor:innen zweifellos immer waren, weitergetragen wird, versteht sich ebenfalls.
Deshalb nehmen wir rätoromanischen Autor:innen die verschwindend kleine Leserschaft natürlich gerne in Kauf, wie auch das Fehlen einer grösseren Bühne und internationaler Aufmerksamkeit und den Verzicht auf das viele, viele Geld, das wir zweifellos scheffeln könnten, hätten wir nur in einer anderen Sprache geschrieben. Schliesslich geht es darum, unsere Muttersprache zu retten, unsere Herzenssprache, die schönste Sprache der Welt. Und für einen solchen Zweck muss man eben auf gewisse Dinge verzichten.