Artikel auch auf: Französisch Italienisch

Midnight in Ponto

Neues aus der Sonnenstube 1/3

Um uns die Tessiner Literaturszene näherzubringen, hat unsere Korrespondentin einige ihrer Lieblingsschreibenden kurzerhand zu sich ins Bleniotal eingeladen – und den Abend einfach laufen lassen. Gute Idee! Ein literarischer Salon à la tessinoise.

Ich soll also drei literarische Reportagen über jenen dreieckigen Zipfel Erde zu schreiben, in dem ich geboren bin, der italienischsprachig ist und in dem doch nur eine Minderheit richtiges Italienisch redet: das Tessin. Für die erste Reportage lade ich einige meiner Lieblingsschreibenden zu mir nach Hause ins Wohnzimmer ein. Einige fehlen, weil sie anderswo leben: Für die nächsten Texte werde ich sie besuchen. Auch Noemi Lerch fehlt, sie wohnt in fünf Minuten Entfernung, schreibt auf Deutsch, kann an diesem Abend aber nicht.

Ich bereite den Anlass sorgfältig vor: stelle Süssigkeiten her, Meringues, mit Röstmandeln gefüllte Trockenfeigen, verschiedene Sorten Biscuits; kaufe von meinem Lieblingsweisswein, dazu ein paar Flaschen belgisches Spezialitätenbier zum Degustieren. Wir brauchen ein gemeinsames Erlebnis, sage ich mir, weil sich noch nicht alle untereinander kennen. Der junge Bierverkäufer, dem ich von meinen Plänen erzähle, ist begeistert: «Sag mir dann, wie es gelaufen ist mit den Schriftstellern.»

Andrea Fazioli ist für seine Krimis bekannt, eingeladen habe ich ihn, weil ich mag, wie er redet, wie er denkt – wir verstehen uns. «Unsere Arbeit ist extrem einsam, vielleicht kann mich die Gruppe wieder neu zum Schreiben motivieren», sagte er, als er die Einladung annahm.

Mit dabei ist auch Alexandre Hmine, der vor zehn Jahren ein wunderbares Buch veröffentlichte, einen Preis gewann und aufhörte. Er habe ewig daran geschrieben, sagt er, und jetzt wolle er nur noch lesen. Milchstraße ist wohl auch das einzige Buch der Welt, in dem sowohl Tessiner Dialekt als auch marokkanisches Arabisch vorkommen.

Ottavia Bulloni und Marco Falchetti sind jung, sehr lustig, und ich liebe ihre Gedichte. Wenn wir ein Paar dabeihaben, trennt uns, so meine Überlegung, fast nichts mehr von Woody Allens Midnight in Paris, in dem Künstler zusammen Zeit verbringen und diskutieren, und unter den Gästen sind immer auch Zelda und Scott Fitzgerald. Wobei Ottavia Bulloni rein gar nichts von Zeldas Zerbrechlichkeit hat: Sie ist gefestigt, sympathisch, unterrichtet Latein und hat an Autostopp-Rennen teilgenommen (offenbar eine eigene Disziplin, in der sogar Wettkämpfe ausgefochten werden). Ihre Gedichte handeln vom Alltag – kleinen Dingen, einem Wort, einem politischen Ereignis, einem Gefühl. Die Gedichte ihres Freundes seien unverständlich, witzelt sie; er arbeitet mit stofflichen Begriffen wie Eis, Fels, Ameisenhaufen und veröffentlicht auf hochwertigem Papier.

Schliesslich darf an einem von mir organisierten literarischen Salon auch Giorgio Genetelli nicht fehlen. Für mich ist er der Inbegriff eines Künstlers. Geld, ein bequemes Leben, ein schickes Outfit sind ihm völlig egal. Er mag Fussball, Wein, Geselligkeit. Und hat einen aussergewöhnlichen Stil – wenn man eine anonyme Erzählung liest, merkt man sofort, ob sie von ihm stammt. Ein grossartiger Flucher, einige Jahre älter als wir, ein Vielredner mit schiefen Zähnen, der oft Sätze von sich gibt, die man sich notieren möchte. Er hat fast immer Recht, und wenn er nicht Recht hat, nimmt ihm das nichts von seiner Schönheit.

Ich habe das Wohnzimmer gemütlich hergerichtet, mit zusammengewürfelten Stühlen, Gläsern, Kerzen. Im Kamin brennt ein Feuer. Ich habe für den Abend sogar eigens eine Playlist erstellt. Bestimmt wird jemand am Anfang, wenn alle noch schüchtern sind, die Mandeln in den Feigen, die ausgewählten Musikstücke, den Crudèll der Fratelli Meroni kommentieren.

Fehlanzeige. 

Alle treffen mehr oder weniger gleichzeitig ein, ausser Hmine und Fazioli, die sich verfahren haben, weil ich ihnen den Weg falsch beschrieben habe.

«Wir setzen uns draussen hin, auf die Terrasse. Häuser sind nur zum Schlafen da», stellt Genetelli sofort klar, und fügt an: «Gib mir ein normales Bier, ich mag normale Dinge.»

Wir ziehen die Jacken wieder an. Tragen einige Kerzen, einige Flaschen hinaus auf die Terrasse. Zum Glück ist Ottavia da: Sie isst Meringue um Meringue und geniesst den Wein.

Am Anfang spricht nur Genetelli. Über Fussball. Und darüber, wie übel er Gemüse findet. Und ich denke: Bestimmt fragen sich meine Gäste nun, warum ich sie alle hergebeten habe, um Gene zuzuhören. Aber offensichtlich mögen sie ihn genauso wie ich, und wir lachen alle viel.

Ich kann mich entspannen.

Später eine Bemerkung von Fazioli: «Nur Schriftsteller, die sich nicht gut kennen, reden über Verlage. Unter uns können wir über anderes reden.»

Ein Glück, dass er da ist und nach bisweilen absurden Diskussionen Bilanz zieht, uns korrigiert, wenn wir Namen falsch aussprechen, und sich dafür beinahe entschuldigt: «Ich arbeite nun mal beim Radio.» Wir kommen auf die RSI und ihre vielfältigen Aktivitäten im Kulturbereich zu sprechen, auf die Gefahren, die ihr und damit auch uns drohen. Drei von uns haben vor Kurzem an der Sendung Neo teilgenommen, in der wir ein Streichholz in der Hand halten und – ohne uns dabei die Finger allzu sehr zu verbrennen – ein Buch vorstellen mussten, das wir mögen. Hmine erzählt, er habe sich für einen Essay gegen Schulnoten als Bewertungssystem entschieden. Genetelli wettert über Noten, und der Gedanke an Vermessung führt ihn unversehens in die Urgeschichte: «Wir müssten zurück in die Zeiten der Jäger und Sammler, als man Tiere und Kinder noch in Ruhe liess. Danach fingen die Hirten und Bauern an einzuzäunen, zu nummerieren, sie erfanden die Schule, sperrten die Menschen ein.» Und schon ist er beim Wolf. Schafe sind ihm unsympathisch. 

Ich versuche, wenigstens die Ziegen zu verteidigen, während Genetelli androht, zu Hause «ein Massaker unter schlecht gescherten Schafen anzurichten, verfickt nochmal». Fazioli bleibt die Ruhe selbst: «Dennoch interessant, dass die erste Schuld der Landwirtschaft pädagogischer Natur war.» Fazioli und Genetelli an einem Tisch ist schon Dada.

«Schreiben ist eine Qual», sagt Fazioli später. «Schreiben ist ein Vergnügen», kontert Genetelli, «tausendmal besser, als sich mit der Hacke durch ein Scheissbeet zu arbeiten, nicht?» Genetelli ist in Hochform: Gerade sind zwei Bücher von ihm erschienen, ein drittes folgt bald, und in Solothurn wurde ein Film gezeigt, der auf seinem grossartigen Roman Becaària basiert. Besser könnte es nicht laufen.

An diesem Abend hätte auch eine der drei Töchter von Andrea Fazioli kommen sollen, die älteste: «Oh, ein literarischer Salon … das ist genau das, was mir fehlt», soll sie verträumt gesagt haben, dachte dabei aber wahrscheinlich an ein etwas anders geartetes Ambiente. Sie liebt die Zirkuswelt, Jane Austens Bücher, das Schreiben. Der Vater wünschte sich Töchter mit Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern, die ihnen ein Auskommen sichern und sie zu Expertinnen für etwas machen. Vergeblich. Er gab ihnen Geschichten und Mysterium mit und jetzt leben sie von Geschichten und Mysterium.

Gegen elf fragt Hmine erstaunt, ob es den ganzen Abend so weitergehen werde oder – an mich gewandt – ob ich für meine Reportage noch etwas benötige. Tatsächlich habe ich keine Struktur vorbereitet, mich darauf verlassen, dass sechs in einen Raum gepferchte Schreibende phänomenales Material liefern werden. Ich lächle verlegen (was er wohl über mein Vorgehen denkt?) und sage, für mich sei das wunderbar so, und dann reden wir von gemeinsamen Freunden. So ist das Tessin: Alle kennen alle. Derweil deklamiert Genetelli Gedichte im Dialekt von Preonzo, und Fazioli weist darauf hin, dass Elfsilber in dieser melodiösen Sprache klar bevorteilt seien, «eine Frage der Endbetonungen».

Im Laufe des Abends witzeln wir ausgiebig über Alexandre Hmine, weil er nur ein einziges Buch publiziert hat und nicht sicher ist, ob er die Erfahrung noch einmal machen will. Er hat auch ein besonderes Literaturformat für Gymnasiasten organisiert, und als wir ihm neue Ideen liefern, versichert er: «Ich lasse euch gern den Vortritt!» Wir wünschen uns alle, dass er wieder Geschichten erzählt, schlagen immer neue Titel für eine Fortsetzung von Milchstrasse vor, vielleicht inspiriert ihn ja einer, aber ihm gefällt es offensichtlich, Dinge nur einmal zu tun. Wir denken auch ständig über einen guten Titel für meine Reportage nach: Va a cheghèe – «Leck mich am Arsch» – findet am meisten Anklang, unnötig zu erwähnen, von wem die Idee stammt, Erfolg hat aber auch Mensch, du hast wohl einen Knebelvertrag, was an Fazioli gerichtet war und sich auf seine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Verlag Guanda bezog. Als Hmine erklärt, dass er eine Laktoseintoleranz entwickelt hat, führt das zu einer neuen Idee: Sojamilchstrasse.

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv des Abends ist unsere Bitte an Marco und Ottavia, uns ein paar ihrer Gedichte vorzulesen. Sie zögern zunächst.

Dafür erzählen sie uns vom Anfang ihrer Liebe: Beide studierten in Fribourg, und einmal sassen sie im Zug nebeneinander. Ottavia wurde von ihrer Schwester angerufen und begann im reinen Dialekt von Ponto Valentino (Bleniotal) zu reden; Marco verstand kein Wort. Wahnsinn, diese Sprache, diese Musik, dieser Rhythmus … Kurz, er nahm darin wahr, was Dichtern eben so auffällt. Als sie am selben Bahnhof ausstiegen, erkundigte er sich: «Was war das für eine Sprache?»

Sie mochten einander. Wir fragen, wann sie entdeckten, dass sie beide schreiben. Sie antwortet: «Zuerst kam die Sympathie, dann die Poesie.»

Erst zu einem späteren Zeitpunkt gestanden sie einander, dass sie lasen, schrieben und von einem Lesezirkel träumten; wenig später waren sie Mitglied einer Gruppe junger Lyrikbegeisterter. «Wir lasen uns Sachen vor, trafen uns auf ein Bier, redeten über alles Mögliche … Dann stellten wir nach und nach Texte für eine Anthologie zusammen, mit dem Titel Respiri in divenire.» Sie machten eine Lesereise, schrieben später einzeln weiter. Im vergangenen Jahr wurde Ottavia ans Babel Festival eingeladen, während Marco kürzlich dreissig Gedichte in einem Heft der Reihe Quaderni di poesia contemporanea platzieren konntedie im Verlag Marcos y Marcos erscheinenNun bringt er es mit sechs weiteren Autorinnen und Autoren unter die Leute. Für ihn ist das Schreiben wie «ein Holzsplitter, der rauswill». Die beiden leben in Bellinzona und unterrichten; sie möchte gern ins Bleniotal zurück, vielleicht kann sie ihn überzeugen. «Wer weiss, nach diesem Abend», sagt sie und zwinkert mir zu. 

Auf der Terrasse riecht es nach Pfeife, Zigaretten, Kerzen mit Waldbeerduft. Wir sprechen fast nur Dialekt, jeder in seinem. Auf dem Simano leuchtet der Schnee im Mondlicht. Leopardi wird erwähnt, Hmines Lieblingsdichter. «Immer ein Graus war mir dieser einsame Hügel und das Gehölz und auch das Meer», dichtet Genetelli Leopardis berühmte Zeilen um.

Wir unterscheiden zwischen Autobiografie und «Raubzügen durch die eigene Erfahrungswelt»: Worte von Menschen, denen wir begegnet sind und die uns unbewusst denkwürdige Sätze geschenkt haben, wie zum Beispiel «die Mäuse kamen weinend aus dem Küchenschrank», wenn man hungerte, was unseren Schriftsteller aus Preonzo zu einem Gedicht inspirierte. Später Marcos Frage, ob Alexandre sich erinnere, dass er sein Lehrer war; Hmine macht grosse Augen, und der junge Lyriker lacht ohne Groll: «Wegen dir bin ich sogar sitzengeblieben …»

Eine einzige Frage stelle ich: Wen aus dem Tessin hättet ihr zu einem literarischen Salon eingeladen? Sofort kommen die Namen der Meister: Fabio Pusterla und Alberto Nessi. Dann Matteo Beltrami, Fabio Andina, Dario Galimberti. Nicht im Tessin lebend: Noè Albergati, Sara Catella, Begoña Feijoó Fariña. Das Gespräch wendet sich bald wieder anderem zu, und dann endlich liest Marco zwei Gedichte vor. Wir sind bezaubert von seiner Sicherheit, nachdem er den ganzen Abend so wenig gesagt hat; als er zu sprechen anfängt, wird er wunderschön, selbstsicher, plötzlich fällt auf, wie stilvoll er angezogen ist. Die letzte Zeile lautet: 

Und ohne Zurückhaltung rede ich jetzt.

Alle klatschen, Genetelli umarmt ihn.

Später allgemeines Gähnen, uns ist kalt, die Stimmen werden heiser. Es ist ein Uhr. Hmine bricht auf, danach Gene (er lässt seine Brille auf dem Tisch liegen), wir ziehen uns ins Haus zurück und wärmen uns einen Moment am Kamin auf. Marco nimmt ein Manuskript aus der Tasche und fragt schüchtern, ob ich es lesen würde: Eine alte Frau, die ein bewegtes Leben hinter sich hat, hat ihm ihre Geschichte erzählt, er hat versucht, sie aufzuschreiben. Ihn interessiert meine Einschätzung. Auch Fazioli sagt: «Ich muss dir ein Buch schicken, das bei mir in der Schublade liegt, es könnte dir gefallen, weil du ja wahre Geschichten magst.» Hurra, ja, ein Fazioli, der wahre Dinge schreibt: Das würde mir sehr gefallen.

Der Abend geht zu Ende, ich habe zwei unveröffentlichte Manuskripte bekommen und viel bereits Publiziertes nachzuholen. Ich will mir Zeit für Lyrik nehmen. Sechs Menschen haben fünf Stunden zusammen verbracht, ohne dass jemand sich aufgespielt hätte oder auf Abstand geblieben wäre, ein Abend, über den wir noch lange reden werden. Und wie schön, dass ein befreundetes junges Paar vielleicht ins Dorf ziehen wird.

Wenige Stunden später redet meine Tochter beim Frühstück nur von den Kraftausdrücken, die sie gehört hat, sie ist begeistert vom literarischen Salon. Wir essen den Käse aus dem Maggiatal, den Gene ihr mitgebracht hat. Ich muss auf den Zug, eine Buchvorstellung in Bern, in der Kornhausbibliothek, zusammen mit anderen Schreibenden. Ich mache mir Sorgen, dass die Atmosphäre dort förmlicher sein könnte, lauter ernste Menschen … Stattdessen bin ich begeistert über zwei neue Bekanntschaften, wir lassen uns gegenseitig von unseren Büchern zu Tränen rühren, später gehen wir essen, und wieder geht es los mit Gesprächen …

Aber am Vormittag im Zug habe ich die erste meiner drei Viceversa-Reportagen geschrieben. Und eine Nachricht an Genetelli geschickt: «Du hast deine Brille in Ponto vergessen», tippe ich, «und ich habe geschrieben.» Er antwortet sofort: «Oh, auch du nicht zu bremsen.»

Die Brille ist ihm wurst.

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