Viceversa 19: Entre-deux, Dazwischen, In bilico, Tranteren
Les trois rédactrices présentent la nouvelle édition
Zwischen Stuhl und Bank, zwischen Stadt und Land, zwischen Krieg und Frieden, zwischen den Sprachen oder Kulturen, zwischen Skylla und Charybdis, zwischen Lachen und Weinen … Was bedeutet es für eine Gesellschaft oder eine einzelne Person, zwischen zwei Positionen zu sein? Heißt es, hin- und hergerissen zu werden, weder der einen noch der anderen oder beiden zusammen anzugehören? Was passiert bei einem körperlichen oder seelischen Übergang? Findet sich ein Platz hier oder dort, verweigern wir die Binarität, die Wahl oder auch den Kompromiss, bleiben wir »mitten im Dazwischen«?
Editorial
Ruth Gantert
Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Erinnern Sie sich? In Christian Morgensterns Gedicht entsteht ein Haus aus dem Zwischenraum, und der Zaun, seiner Lücke beraubt, wird dadurch zu einem »Anblick grässlich und gemein«. Wie wichtig das »Dazwischen« bis heute ist, zeigen die hier versammelten Beiträge. Sie befassen sich nicht nur mit Zwischenräumen aller Art, sondern auch mit der Frage, wie wir uns darin bewegen. »Wenn ihr nach meinem Tod meine Biografie schreiben wollt, so ist nichts leichter als das. Sie hat nur zwei Daten – Geburt und Todestag. Alle Tage dazwischen gehören mir«, schrieb Alberto Caeiro alias Fernando Pessoa. So gesehen ist unsere ganze Existenz ein »Dazwischen«. Wir erleben dieses faszinierende, unbequeme, schreckliche oder reizvolle »Entre- deux« immer wieder auf verschiedene Art: zwischen Stuhl und Bank, Stadt und Land, Krieg und Frieden, Gegenwart und Vergangenheit; zwischen Gewissheiten und Zweifeln, Schlaf und Wachen, Lachen und Weinen ... Was bedeutet es für eine Gesellschaft oder einen einzelnen Menschen, sich zwischen zwei Polen zu bewegen? Heißt es, hin- und hergerissen zu werden? Weder dem einen, dem anderen noch beiden zusammen anzugehören? Was passiert bei einem körperlichen oder seelischen Übergang? Findet sich ein Platz hier oder dort? Verweigern wir die Binarität, die Wahl oder auch den Kompromiss, bleiben wir mittendrin oder verlieren wir uns »tanteraint ninglur« (Jachen Andry), »im nirgendwo dazwischen«?
Zwischen den Sprachen bewegt sich einmal mehr diese neunzehnte Ausgabe des Jahrbuchs der Schweizer Literaturen, wobei sich das fruchtbare Hin und Her besonders schön in der zweisprachig gesetz- ten Lyrik verfolgen lässt. »Inédits« auf Deutsch, Italienisch, Franzö- sisch und Rätoromanisch erwidern sich über die Textgrenzen hinweg und geraten unverhofft in einen Dialog.
Einen Einblick in ihre Arbeit als Übersetzerin gibt Lis Künzli in »Carte blanche« und erläutert, was es für sie bedeutet, einem Text, aber auch seiner Übersetzung »aufs Wort glauben« zu können.
Die Künstlerin Karien Zevenhuizen stellt in »Visuell« ihre Sicht des Zwischenraums bildlich dar, in den alltäglichen und doch geheimnisvollen Räumen zwischen Fenster und Heizkörper, Balkontür und Vorhang.
»Zu Gast« ist in dieser Ausgabe die Autorin Gertrud Wilker (1924–1984), deren Texte von der Diskrepanz zwischen zwei Welten zeugen, derjenigen der Bedürfnisse, Wünsche und Träume und derjenigen der »kargen Sättigung«, die sie erfahren, wie es in Wilkers Roman Nachleben heißt. »kein kitt, der dich lichtet«, schreibt Simone Lappert, aber vielleicht bietet die Literatur in diesem Widerspruch Nahrung?
Zwischen den zwei Buchdeckeln von Viceversa gehören alle Seiten Ihnen: Verschlingen Sie sie auf einmal oder häppchenweise als Zwi- schenmahlzeit, wir wünschen guten Appetit, bonne lecture auch entre les lignes, in bilico und tranteren!