Sämtliche Sprachen des Schmerzes
Reicht es aus, sich in der ungerechten und gewalttätigen Welt von heute schreibend einzubringen? Für Vanni Bianconi bedingen sich Schreiben und Handeln gegenseitig: Er argumentiert, dass Kultur und Schreiben mit tätigem Engagement verbunden sein müssen, auch wenn das bedeutet, sich Gefahren auszusetzen.
Was heisst das, eine der Kunst eigene Sprache?Vor exakt einem Jahr, zur selben Stunde noch vor dem Morgengrauen, machte ich mich auf den Weg von diesem kleinen Dorf, dem zweitletzten italienischsprachigen vor dem Gotthard und dem oltralpe, ans andere Ende der italienischsprachigen Welt, nach Sizilien. Man hatte mich an Bord der Global Sumud Flotilla gerufen, der grössten Friedensflotte der Geschichte, die sich aufmachte, die militärische Blockade Gazas auf dem Seeweg zu durchbrechen.
Wir wurden dann abgefangen, nur wenige Seemeilen von Gaza entfernt, aber noch in internationalen Gewässern, beschossen, misshandelt und im Hochsicherheitsgefängnis von Aschkelon in der Negev-Wüste eingesperrt. Kurz: Wir haben es nicht geschafft, die Blockade zu durchbrechen. Aber zumindest für den einen Monat unserer Mission haben wir die Welt aus ihrer Apathie und Reizüberflutung aufgerüttelt, eine Welt, die uns intensiv verfolgte, die auf die Strassen und die Plätze ging und der wir das Gefühl gaben, einen Körper und eine Stimme zu haben – so haben es mir viele Menschen über Monate immer wieder geschildert, wenn sie mich auf der Strasse anhielten, mich umarmten und weinten. Ein Jahr später hat sich die Lage in Gaza nur noch verschlimmert, und die Welt, überflutet von Nachrichten jenseits des Vorstellbaren, ist wieder in ihren Dämmerzustand zurückgefallen.
An die Kommandobrücke meines Bootes, der Wahoo!, hatte ich in grossen Buchstaben ein Gedicht von Zbigniew Herbert gemalt. Heute können es die israelischen Tourist:innen lesen, sich die gestohlene Wahoo! ansehen kommen, die im Hafen von Ashdod wie eine Trophäe zur Schau gestellt wird. Des Herrn Cogito Vermächtnis[1] lautet:
sei tapfer wenn der verstand trügt
nur dieses zählt in der allerletzten Bilanz
und wie der ozean sei dein machtloser zorn
sooft du den ruf der erniedrigten und der beleidigten hörst
niemals verlasse dich deine schwester verachtung
gegen die spitzel henker feiglinge – sieger
sie werden zu deinem begräbnis kommen die handvoll erde erleichtert werfen
der borkenkäfer wird deinen in ordnung gebrachten lebenslauf schreiben
und übe keine vergebung wahrlich es liegt nicht in deiner macht
zu vergeben im namen derer die in der frühe verraten wurden
hüte dich dennoch vor überflüssigem hochmut
betrachte dein narrengesicht im spiegel
und wiederhole: ich wurde berufen – gabs denn nicht bessere
Dieses Gedicht ist einer der Gründe, warum ich getan habe, was ich getan habe, und geschrieben habe, was ich geschrieben habe – schon immer, so gut ich konnte, und seit zwei Jahren noch einmal auf eine neue Art und Weise. Genauer gesagt, seit ich im Sommer 2024 in Sarajevo war, um das Grab von Abdulah Sidran zu besuchen, jenem Dichter, der die Belagerung durchstand, ohne seine Heimatstadt zu verlassen, der darüber schrieb, der seine langjährige Zusammenarbeit mit Emir Kusturica wegen dessen politischen Positionen beendete.
Dort zu sein, während mir die Luft in der Brust brannte angesichts dessen, was die Welt in Palästina zuliess (und zulässt), und zuzuhören, wie von einem anderen genozidalen Krieg erzählt wurde, dem in Jugoslawien in den 1990er-Jahren, erzählt sowohl von den Älteren, die ihn erlebt haben, als auch von den Jungen, die mit seiner Allgegenwart leben, hat mir klar gemacht, körperlich klargemacht, dass Geschichte keine Aneinanderreihung von Tragödien ist. Das ist sie zwar, aber einige dieser Tragödien prägen unsere Zeit und bestimmen, wer wir sind, als Individuen und als Gesellschaft in dieser Zeit. Die offene Wunde von Gaza, die offene Wunde von Sarajevo. Wo mir nun auch bewusst wurde, wie ich 1992 als Teenager zwar schon Gedichte über Bosnien geschrieben, aber nie, nie daran gedacht hatte, mich dort persönlich einzubringen.
Als ich in jenem Sommer 2024 nach Sarajevo kam, befand ich mich in einer Krise. Einer Krise hinsichtlich des Sinns meiner Lebensentscheidungen, hinsichtlich dessen, was ich getan hatte und was nicht. Einer Krise, aus der ich augenblicklich herausfand, als ich mir selbst ein einfaches Versprechen gab. In jenem Sommer 2024 in Sarajevo versprach ich mir, dass ich mich nicht mehr mit Kultur und Schreiben zufriedengeben, sondern mich fortan mit Leib und Seele engagieren würde. Ein paar Monate später war ich im Norden Palästinas, um tagein, nachtaus schützend Präsenz zu zeigen, um meinen Körper und meine Privilegien zwischen die palästinensischen Hirten und die israelischen Siedler und Soldaten zu stellen, die sie jede Nacht und jeden Tag angreifen. Dann ging ich nach Ägypten und marschierte durch die Wüste des Sinai nach Rafah, dann folgte die Flotilla. Aber da war noch etwas anderes. Bald wurde mir klar, dass ich dieses Versprechen – das Versprechen, dass Poesie nicht genug ist – nicht hätte halten können, wenn ich es nicht niedergeschrieben hätte: in Gedichten. Genau in diesem Moment, im Sommer 2024 in Sarajevo, entstand eine Beziehung gegenseitiger Notwendigkeit zwischen Handeln und Schreiben. Schreiben, ohne zu handeln war nicht mehr möglich, aber Handeln, ohne zu schreiben, auch nicht. Beides fing an, sich gegenseitig zu bedingen, ja, aber auch, sich zu artikulieren, zu verwandeln, miteinander zu verschmelzen, Erinnerungen neu zu beleuchten, mich dazu zu bringen, dieses oder jenes Buch zum Lesen zu suchen, neue Ziele und neue Formen des Schreibens und des Handelns zu entdecken. Vielleicht, weil beide das Unmögliche gemeinsam haben: die Unmöglichkeit, die Dinge zu ändern, während man aber es dennoch immer wieder versucht, und das Unmögliche, das im Schreiben zur Möglichkeit wird.
Eine erste literarische Frucht dieses Wechselspiels zwischen Wort und Tat ist das Buch Wahoo! Un’odissea al contrario [deutsch: Wahoo! Eine Odyssee in umgekehrter Richtung], das letztes Jahr bei Marcos y Marcos erschienen ist, und das zweite, in dem dieses Wechselspiel noch subtiler und umfassender ist, ist der Versroman Se viviamo un’altra notte [Wenn uns noch eine Nacht bleibt], der in diesen Tagen bei Casagrande erscheint. Darin findet sich der wegweisende Vers, der dank Herbert, dank Sidran und durch meine, unsere Schuld mein Leben und mein Schreiben zumindest ein kleines bisschen verändert hat:
Hier scheint alles wie ein Schwur, im Dunkeln sitzend abgelegt
an der Schwelle des Hauses, ohne zu wissen, wer wiederkehren wird,
und hier, an der Schwelle nach Gaza, stehst du auf und schwörst.
Teil der Flotilla zu werden, war keine Entscheidung, die ich aus eigenem Antrieb getroffen habe. Ich erhielt einen Anruf: «Wir brauchen dich als Kapitän für eines der Schiffe.» – «Ich habe noch nie einen Fuss auf ein Segelboot gesetzt. Aber ich komme.» Gabs denn nicht Bessere? Zum Glück war ich dann doch nicht Kapitän, sondern verantwortlich für die Crew und die Beziehungen zur IDF. Eine aktive Entscheidung war es also nicht, sehr wohl aber die Folge anderer Entscheidungen. Wenn man schreibt, führt eine Wortschatz- oder Strukturentscheidung zu weiteren, von denen man im Voraus nichts ahnte, die sich aber – wenn man Glück hat – notwendig daraus ergeben. Die Werke der Fantasie haben ihren eigenen Kodex, ihre eigene Gesetzgebung. Diese Gesetzgebung ist vielfältig und wandelbar, aber deshalb im Moment einer Entscheidung nicht weniger unerbittlich. Diese Entscheidung kann dann widerrufen oder verworfen werden, während vielleicht andere Entscheidungen, die sich daraus abgeleitet haben, bestehen bleiben – ja, vielleicht sind es gerade diese, die sie zunichte machen. Aber wenn man schreibt, sind es genau diese Winde und Strömungen der Kohärenz, von Ursache und Wirkung, die einen vorwärts treiben. Warum sollte es im Leben anders sein?
Ich glaube, wir können vom Schreiben etwas über das Leben lernen, so wie wir von den Menschen in Gaza etwas über das Leben lernen können, die, obwohl sie unter den schlimmsten Gräueltaten der Neuzeit leiden, nicht aufhören, sich um andere zu sorgen, mit anderen mitzuleiden: Mit-Gefühl (ein Wort, das jüdisch-christlicher nicht sein könnte: o Politik der Sprache!) bedeutet, gemeinsam zu leiden, gemeinsam durchzuhalten und gemeinsam zu scheitern; wir sind es, die uns als Opfer darstellen, wie so oft, jeden Tag, im Singular.
Deshalb stellt sich für mich die Frage nicht, ob Kunst politisch sein kann oder muss. Wenn im Kern unserer Existenz auf Erden das Augenmerk für die Leidenden, die Gedemütigten und die Geschlagenen liegt, dann ist unser Leben – im Inneren und im Äusseren, im Faktischen – das Fruchtfleisch, das um diesen Kern herum wächst. Wenn ein Mensch schreibt, kann sein Schreiben die pelzige Haut eines Pfirsichs sein oder die bittere Schale der Zitrone: Er kann über das, was er im Kern trägt, unverblümt schreiben, aber auch indirekt, verschlüsselt, zurückhaltend (ein Schreiben, das Erwartungen unterläuft und dank der neuen Kohärenz, die es sich erobert, die Wahrnehmung der Sprache und der Welt bei den Lesenden um einige Nuancen verschiebt, ist politisch). Doch der Samen wächst aus dem Kern, und auf die eine oder andere Weise schreiben wir über das, was wir in unserem Innersten tragen . Die Banalität dieser Schlussfolgerung entspricht derjenigen der Ausgangsfrage. Das bedeutet Engagement, das bedeutet Literatur: dass sich die Formen, Konsistenzen und Aromen von Früchten, Schalen und Kernen nicht wiederholen lassen: Sie müssen Satz für Satz, Vers für Vers, Buch für Buch immer wieder neu erobert werden.
Was die Autor:innen, Künstler:innen und Kulturveranstalter:innen betrifft, die – l’art pour l’art – eine Kunstsprache beanspruchen, die von einem anderen Feuer, einer anderen Luft durchdrungen sei als die Sprache der Politik oder der Rechenschaft: Es ist müssig, daran zu erinnern, dass auch eine Nicht-Entscheidung eine Entscheidung ist oder dass die CIA den abstrakten Expressionismus gerade als disengaged art finanzierte. Lieber sollten wir uns bewusst machen, dass einer der kraftvollsten Lyrikbände der letzten Jahre, Citizen von Claudia Rankine, aus Notizen, Kurzprosa, Zeitungschnipseln kompiliert ist – über Zidanes Kopfstoss gegen Materazzi, über die Tirade von Serena Williams gegen einen Tennisschiedsrichter («I have never cheated in my life. I have a daughter… I have never cheated»)–, die inhaltlich zu einem scharfsinnigeren Diskurs über Alltagsrassismus und die Genealogie von Gesten (und Nicht-Gesten) beitragen und gleichzeitig im Leseerlebnis den geschärften Blick der Poesie erreicht – und zwar gerade wegen der Art und Weise, wie der Band verfasst ist: nicht trotz der Sprache der Berichterstattung, sondern dank seinem einzigartigen Mix von Dringlichkeit und Stil, von Erwartungen und Auflösungen.
Um es noch grundsätzlicher, noch einfacher zu formulieren: Schriftstellerinnen und Regisseure, Aktivistinnen und Politiker sind Menschen, und als Menschen haben sie die Luft, die sie atmen, die Sprache und den Schmerz gemeinsam. Nasser Abu Srour, ein zu lebenslanger Haft verurteilter palästinensischer Schriftsteller, der dank dem Gefangenenaustausch vom Oktober 2025 überraschend nach 33 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, schreibt über die «Generation der Steine», die Jugendlichen der ersten Intifada:
Zwischen zwei Demonstrationen, zwischen den Trauerzügen für die Gefallenen und ihren Beerdigungen fanden wir Palästinenser:innen die Zeit und die Energie, uns um die Sorgen und Probleme anderer zu kümmern [genau, genau das, was wir heute von den Gazawis sehen], um uns mit allen anderen Anliegen solidarisch zu zeigen, um über ihre Forderungen zu weinen, um auf unseren kargen Wänden Platz für die Details ihres Leidens zu schaffen… Wir sprachen sämtliche Sprachen des Schmerzes, fanden aber dennoch den Raum, über Witze zu lachen, die uns oft – und zu Recht – auf die Schippe nahmen.
Heute habe ich mit Nasser telefoniert. Wir haben uns gegenseitig versprochen, dass er mich eines Tages hier in den Schweizer Bergen besuchen wird. Eigentlich hätten wir 2026 am Babel-Festival gemeinsam auf der Bühne stehen sollen, schlussendlich war er per Videokonferenz zugeschaltet (nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde er nach Kairo gebracht, müsste nun aber, um Ägypten verlassen zu können, in Ramallah Dokumente beschaffen, dahin kommt man aber nur via Israel, das ihn zur Fortsetzung seiner lebenslangen Haftstrafe wieder ins Gefängnis stecken würde). Wenn er hier ist, will er als erstes allein auf eine Wanderung gehen, am Tag darauf machen wir sie gemeinsam.
Ob er nun schreibt oder spricht: Nasser überrascht, stösst um, bringt Unvereinbares in Einklang. Es ist, als wäre ihm mit dem Kontakt zur lebendigen Sprache (nichts als Befehle und Beleidigungen in einer fremden Sprache, Geflüster und Schreie und Schweigen in seiner eigenen) auch der Lärm der Welt vorenthalten worden, der uns alle umgibt, als wäre er geschützt geblieben vor der Normalisierung der Lügen im öffentlichen Diskurs, vor den Ablenkungen im persönlichen Gespräch, vor der Rhetorik des Ichs und der Freiheit, vor all den vorgefertigten Sprachschablonen.
Wenn man Nasser liest oder zuhört, hat man den Eindruck, alles sei zugleich im Entstehen begriffen und urzeitlich und zeitlos: Es ist, als ob alles in der Sprache läge, und die Sprache ist die Welt, und im Schmerz, und der Schmerz ist Grosszügigkeit.
Heute am Telefon sagte mir Nasser über die Welt, die er nach 33 Jahren vorfand : «Die Lügen sind verschwunden. Es gibt nur noch Betrug. Wir haben der Welt etwas vorgemacht, und uns selbst genauso. Wir haben unsere Lügen geglaubt, es waren wunderschöne Lügen. Es gibt keine Lügen mehr.»
Betrügen = to cheat. Als ich dieses Wort am selben Tag zweimal hörte, aus dem Mund von Serena Williams und aus dem von Nasser, lief mir ein Schauer den Rücken hinunter – wie von einer Zitrone, wie von einem Pfirsich. Der Samen im Kern ist der gleiche.
Ein Same, den man in fruchtbaren Boden pflanzen und um den wir uns kümmern sollten, auf dass er wachsen kann.
Ambrì, den 27. September 2026
am Tag der Transhumanz
[1] Zitiert nach: Zbigniew Herbert: Poezje / Gedichte. Ins Deutsche übertragen von Karl Dedecius. Kraków: Wydawnictwo Literackie, 2006.
Ein anderes Verständnis zum Verhältnis von Kunst, Sprache und Politik vertritt Catherine Lovey in Was heisst das, eine der Kunst eigene Sprache?