Was heisst das, eine der Kunst eigene Sprache?
Lassen Sie mich die folgenden Überlegungen in der ersten, in diesem Text mit mir übereinstimmenden Person anstellen, denn sie befassen sich mit heiklen, ja geradezu explosiven Fragen. Dabei ist es keineswegs meine Absicht, unnötig zu provozieren. Ich stelle nur beunruhigt fest, dass im kulturellen Umfeld von 2026 gewisse Äusserungen, die mir schockierend und defätistisch vorkommen, keinerlei Reaktion hervorrufen, während andere, die in meinen Augen gerechtfertigt sind, in ein Wespennest stechen.
Schauen wir uns zuerst dieses ganzseitige Porträt an, das in der Printausgabe der Zeitung Le Temps erschienen ist. Sein Hauptgegenstand, ein Mann, kneift die Augen leicht zusammen. Es wirkt so, als hätte man absichtlich einen starken Lichtstrahl auf sein Gesicht gerichtet, das sich im Übrigen in die Höhe reckt, wie um besser in die Zukunft zu sehen. Auf einem kleineren Bild in der gleichen Zeitung, die der von ihm geleiteten, berühmten kulturellen Institution viel Platz einräumt, erscheint sein Gesicht sympathisch, ohne eine gewisse Selbstzufriedenheit zu verbergen, die von halbmondförmig aufstrebenden Lippen betont wird.
Auf die Frage:
Warum ist die Literatur im Programm [des Centre culturel suisse] so wenig präsent?
antwortet der Mann mit dem sympathischen Auftreten:
Sie war vor dem Umbau gut vertreten, wird es aber künftig weniger sein. Wir hatten jährlich zwei Veranstaltungen, die sich mit literarischen Neuerscheinungen befassten, eine im Herbst, eine im Frühling. Das war spannend zu planen, aber die Events fanden kein Publikum. Wenn 25 Leute im Saal sassen, mussten wir schon zufrieden sein. Dafür haben wir eine Buchhandlung im CCS, deren Aufgabe es ist, Schweizer Autor:innen und Verlage ins Rampenlicht zu rücken. Es wird Signierstunden geben und wir werden eine Buchmesse veranstalten.
Der Journalist fragt daraufhin:
Und was ist mit Autorenlesungen?
Antwort der halbmondförmig aufstrebenden Lippen:
Für solche Veranstaltungen gibt es kein Publikum.
In dem Moment erwarte ich als Leserin, als Autorin und auch als Journalistin ein Nachhaken, etwa in den Worten:
- Ist Ihnen bewusst, was Sie da sagen?
- Nehmen Sie überhaupt je ein Buch zur Hand?
- Wie können Sie so etwas derart gelassen aussprechen, in dieser schrecklichen Zeit, und in Ihrer Stellung als Leiter des Centre culturel suisse in Paris, in Frankreich, dem Land der Literatur und der Bücher, wo Ihre Institution nach einem vierjährigen Umbau ihre Türen wieder öffnet?
Aber der Journalist von Le Temps, Alexandre Demidoff, hakt nicht nach. Er geht zum nächsten Thema über. Gut, es könnte auch sein, dass Demidoff den Leiter des CCS, Jean-Marc Diébold, sehr wohl danach gefragt hat, ob er die Tragweite seiner Aussage ermesse, wir wissen es nicht. Wie auch immer, diejenigen unter uns, die dem vielfältigen Literaturschaffen der Schweiz verbunden sind (sagen wir es einmal so), wurden ordentlich abgekanzelt, und dies vom Leiter einer der bekanntesten Schweizer Institutionen im Ausland (nun, es gibt auch nicht so viele davon).
Ich las dieses Interview vom Samstag 21. März ironischerweise auf der Rückfahrt vom Genfer Salon du livre. Solchermassen erbaut (als Autorin) suchte ich (als Journalistin) reflexartig nach Zahlen, die ich auch sofort fand, da Le Temps sie veröffentlicht hat. Das CCS wurde 1985 eröffnet, die Renovierung kostete 7,8 Millionen CHF, davon ging 1 Million an die technische Ausstattung; das Jahresbudget der Institution beträgt 1,8 Millionen, wovon die Hälfte in die Lohnkosten fliesst (13 Personen arbeiten für das Kulturzentrum). 650’000 CHF werden dem künstlerischen Portefeuille zugeordnet (hoffen wir, das besagtes Portefeuille zu diesem Preis mit einem Goldrand verziert ist) und 300'000 CHF müssen die Betriebskosten decken (zu denen bestimmt auch die Häppchen gehören, die an den Vernissagen der hochkarätigen Events gereicht werden). Ein bisschen was bleibt vielleicht übrig, um eine Buchmesse auf die Beine zu stellen, mit einem Zuckerwatte-Stand oder zwei.
Ein Frühling, im Ernst?
Die Schlagzeile des Artikels, der die Wiedereröffnung des Schweizerischen Kulturinstituts in Paris feiert, lautet: «Der Frühling des Centre culturel suisse». Mit keinem Wort wird darin die gleichzeitige Beerdigung der Bücher und der Literatur erwähnt.
Natürlich tat die Zeitung gut daran, nicht weiter zu bohren. Früher konnte man eine gute Nachricht verkünden und sogleich eine schlechte folgen lassen, in Bezug auf dasselbe Ereignis, denn die Welt war nun mal so und (fast) alle sahen das ein. Heute ist es viel einfacher geworden: Kulturnachrichten müssen von A bis Z positiv sein, und positiv ist allein, was sich mit Bildern illustrieren und mit steigenden Zahlen untermauern lässt: Besuchszahlen, Verkaufszahlen, Anzahl der anwesenden Insta-Klick-Stars. Zu berichten, dass eine Veranstaltung zwei oder drei Dutzend Anwesende zu interessieren oder gar fesseln vermochte, die dies bemerkenswert fanden und jenes besonders schätzten, ist da nicht mehr möglich. Menschen, die man einzeln zählen kann, interessieren niemanden mehr. Ihre Meinung ebenso wenig. Erstrebenswert ist heute eine eine nicht näher differenzierte, aber sichtbare Masse. Sie muss sich nicht ausdrücken und nicht sagen, was sie denkt. Und wenn diese Masse sich wiederum eifrig in Datennetzen zeigt, die sich in Dauerschleifen drehen, dann ist das gut, denn so vielen um sich selbst kreisenden Schleifen verdrehen ringsum die Köpfe.
Das Centre culturel in Paris konnte also seine Wiedereröffnung feiern, ohne dass sich jemand um die Literatur-Leiche im Keller sorgte. In diesen für die Kultur so glänzenden Zeiten weiss jede(r), dass niemand mehr liest noch Lust auf eine Autorenlesung hat, stimmt’s? Also geht man besser gleich mit gutem Beispiel voran und verkündet reihum, dass es wirklich nicht mehr angeht, fünfundzwanzig Personen in einem Saal zu versammeln.
Und gleichzeitig geben sich mitten in diesen künstlerisch so schillernden Zeiten gewisse Leute, die literarische Texte hervorbringen oder vermitteln, tagtäglich alle Mühe, Menschen zu Büchern und Lesungen zu bewegen. Und das Verrückteste ist: sie tun es oft mit Erfolg.
Von Herrn Diébold erfahren wir noch, die neue Generation der Schweizer Künstler sei « feierlustig und politisch unterwegs». Ein weiterer Grund zur Freude. Denn es ist tatsächlich eine wahre Kunst, und akrobatisch noch dazu, in einer verheerten Welt die Gläser klingen zu lassen. Die neue Generation zeige sich darin meisterhaft, erfahren wir. Und ahnen dabei, dass diejenigen nicht dazu zählen, die nur schreiben und ein Publikum von fünfundzwanzig Personen anziehen können, die weder feierlustig noch politisch sind.
Die Politik ist eben sehr wichtig
So sehr, dass es für Künstler:innen fast obligatorisch geworden ist, dass sie sich, noch bevor sie von ihrer Arbeit sprechen, der Kunst der erwarteten Stellungnahmen befleissigen. Sie müssen unmissverständlich Opfer bezeichnen und kompromisslos Täter anprangern. Selbst wenn diese Fragen in keinem Zusammenhang zum vorgestellten Werk stehen. Und selbst wenn diese Statements sie nicht daran hindern, sich alsbald wieder ihren eigenen Angelegenheiten zuzuwenden.
Kürzlich konnte man das in der Berlinale von letztem Februar mitverfolgen. Bei der Pressekonferenz wurde der Jurypräsident, der Filmemacher Wim Wenders, dazu aufgefordert, zu Israel und dem Gazastreifen Stellung zu nehmen. Und da wagte es dieser Künstler, der weder feierlustig noch politisch unterwegs ist (seine Filme beweisen das hinreichend …) doch tatsächlich, zu sagen, das Kino solle sich «aus der Politik heraushalten», zu der es «ein Gegengewicht» darstelle. Der Boomerang liess nicht auf sich warten und knallte ihm alsbald ins Gesicht. Unter anderen zeigte sich die berühmte Schriftstellerin Arundathi Roy «schockiert und empört» und erklärte sogleich, sie werde auf ihre Teilnahme an der Berlinale verzichten. Danach verkündeten viele Künstler ihr vernichtendes Urteil über die unsinnigen Worte des deutschen Filmemachers, dem es wichtig schien, daran zu erinnern, dass ein Künstler seiner Kunst verpflichtet ist. Und dass die Sprache seiner Kunst nicht die Sprache der Politik ist.
Der achtzigjährige Wim Wenders wagte es, ein solches Prinzip von Berlin aus zu vertreten, einer Stadt, die besonders ruhig durch die Geschichte glitt, auf der Bühne eines noch wenig etablierten, erst 1951 gegründeten Festivals … Wer glaubt ernsthaft, dass die Berlinale noch nie von Konflikten geschüttelt wurde, die ebenso abgrundtief waren wie die von der kriminellen israelischen Politik verursachten Gräben? Wenders, dessen Reaktion bestimmt zu kurz griff, dachte vielleicht, man verstehe ihn auch heute noch. Wie man ihn verstanden hätte, bevor die verschiedenen Sprachen, die der Politik, des Aktivismus, eines Grossteils der Medien, der sozialen Netzwerke und sogar unserer zwischenmenschlichen Beziehungen, vor allem eine Sprache der kurzen, kategorischen Sätze wurden, eine Sprache der Sätze, die ausschliessen und auf Anhieb einen Feind bezeichnen, den es zu vernichten gilt. Darf ich daran erinnern, dass Wenders zwar Präsident einer Jury war, aber an einem Filmfestival, nicht an einem Strafgericht? Und damit verantwortlich für die Diskussion von Filmen, einer Kunstform, in der es darum geht, die Welt und die Menschen mit mehr oder weniger Talent und wenn möglich mit vielen Nuancen so zu zeigen, wie sie sind.
Die Sprache einer Kunstform ist nicht die Sprache der Politik
Was mag das nur heissen?
Nun ja, dass du, wenn du politischen oder humanitären Aktivismus betreiben willst, zu einem Aktivisten wirst und dich dementsprechend verhältst. Du engagierst dich in Organisationen, die konkrete und wirkungsvolle Aktionen durchführen. Du kannst sogar ein Buch schreiben darüber, wie man solche Aktionen am besten durchführt. Oder diese Aktionen in Rollenspielen einüben, wie im Theater. Oder du wirst Journalist:in und berichtest darüber, was an der Front passiert, wenn möglich von beiden Seiten, denn so will es die Berufsethik. Aber du gibst nicht vor, Kunst zu schaffen und dabei eine Sprache zu entwickeln, die zu dieser Kunst gehöre, sei es nun Literatur, Theater oder Film. Denn das ist nicht dasselbe. Es handelt sich nicht um dieselbe Ebene. Nicht in dem Sinn, dass eine Ebene «höher» wäre als die andere, darum geht es nicht. Die Regeln sind nicht die gleichen. Und vor allem ist es nicht das gleiche Register. Wie in der Musik. Und es gibt keinen Grund, diese Register zu vermischen, indem man eine Kunstform in eine Sprache zwängt, die nicht die ihre ist, und in der sie gefangen und missbraucht wird, in der sie sich nicht entfalten kann. Das Risiko ist in der Tat gross, dass so ein Buch, Film oder Theaterstück keine lebendigen Personen zeigt, die sich mit einer komplexen Realität herumschlagen, sondern Marionetten, die zum Zweck einer Beweisführung gegängelt werden. Ist die Kulturgeschichte denn nicht voll solcher – in Vergessenheit geratener – Erzeugnisse, deren Erschaffer sich von politischen Regimes oder bestimmten Anliegen einspannen liessen? Was nicht bedeutet, dass viele dieser Anliegen nicht absolut berechtigt und sozialpolitisch gesehen notwendig waren.
Wer versteht diese Unterscheidungen noch, jetzt, da niemand mehr liest? Geschweige denn darüber diskutieren will, was eine Sprache ausmacht? Jetzt, da so wenige Künstler, und Menschen im Publikum, verstehen, dass die Kunst, in welcher Form auch immer, niemals auf ihren «Gegenstand» reduziert und auch nicht gänzlich von ihm eingenommen werden darf?
Der Kunst verpflichtet
Es ist eine simple Maxime, die Wim Wenders, dieser Erschaffer von Bildern, Regisseur des Films «Der Himmel über Berlin» (1987) und vieler anderer die Jahrzehnte überdauernder Werke, zu formulieren versuchte – eine Maxime, die so alt ist wie die Welt und existiert, seit die Menschen mit der bestehenden Welt unzufrieden sind und sich eine andere vorstellen, erschaffen: Ein Künstler ist seiner Kunst verpflichtet, ganz und gar. Verlorene Liebesmüh im Jahr 2026!
Auch ich verteidige dieses Prinzip, als Autorin, sobald ich mich in einen literarischen, fiktiven Text vertiefe. Meine Aufgabe ist es nicht, mich in den Dienst einer politischen Position oder eines sozialen Anliegens zu stellen, sondern nach und nach eine literarische Sprache zu erschaffen, damit mein Text die ganze Komplexität der Welt in sich trage, ihre Brutalität und ihre Schönheit, ihre Mehrdeutigkeit, ihre Schattierungen, auch das, was unfassbar ist, weil es sich eben nicht fassen lässt. Damit mein Text auch meine eigenen Schwindelgefühle mit sich führe, meine Unruhe, meine Verlegenheit, meine Poesie. Wie Wim Wenders und viele andere denke ich, dass ein Spielfilm, ein literarischer Text sich nicht an eine zerstreuungswütige oder augenblicksempörte Masse richtet, sondern an Individuen, von denen jedes anders ist als die andern. Und die oft miteinander uneins sind. Dass ein künstlerisches Werk politisch werden kann. Nicht in dem Sinn, wie man es versteht, wenn es auf den Markt kommt, sondern eher so, dass es noch Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte später zu uns darüber spricht, was uns verbindet, was uns trennt, was uns berührt, uns gleicht, uns zerstört.
Eine Frage der Vereinnahmung
Das Ausmass der politischen Gewalt ist heute so gross, dass unser Gefühl der Ohnmacht unerträglich wird. Es ist also verständlicher denn je, sich als Bürgerin, als Bürger zu engagieren. Die Frage bleibt jedoch dieselbe wie in der Vergangenheit: Wofür, wie und in welchem Namen findet das Engagement statt? Wenders – das sagt er übrigens in einer späteren Stellungnahme, in der er sich genauer ausdrückt – ruft dazu auf, die Sprachen nicht zu vermischen. Konkreter noch warnt er davor, das legitime politische Engagement die Sprache unserer Kunst vereinnahmen zu lassen, sodass wir dazu gedrängt werden, in unserem Kunstwerk zu sagen: «Dies sind die Feinde, die es zu vernichten gilt». Ich stelle mir viele Fragen, wenn Künstler sich als solche engagieren, in Protestdemonstrationen, hinter Fahnen und anderen nationalen Symbolen, welcher Art auch immer. Leider höre ich diese Künstler nie fordern, die Fahne müsse weiss sein, oder zur Empathie aufrufen für alle Menschen, die wegen der Kriege leiden. Mein Unbehagen wächst noch, wenn sich Institutionen und kulturelle Orte zu «apartheidfreien Zonen» ausrufen. Die Frage ist doch: Was ist ein Kulturort? Ein Ort, dessen Bestimmung es ist, sich als weisse Zone gegen eine schwarze Zone abzuheben und Sperrgürtel zu errichten, die zwangsläufig immer enger werden? Der sich das Recht nimmt, die Guten einzulassen, die Bösen abzuwehren? Oder aber ein Ort, wo diskutiert wird, wo Weltanschauungen aufeinanderprallen?
Jede:r antwortet, wie er oder sie es für richtig hält. Die Diskussion ist noch lange nicht beendet, und sie ist sehr wichtig.
Es steht auch allen frei, zu denken, ein Film, der sich für aktuelle sozialpolitische Probleme engagiert, oder auch ein Buch, eine Ausstellung, könne die Welt verändern, könne diese Probleme lösen. Ich glaube das keinen Moment. Dafür glaube ich – und stelle es zuallererst als Leserin, Zuschauerin, Zuhörerin fest – dass ein literarisches Werk, ein Theaterstück, eine Ausstellung meinen Horizont erweitert, mich sensibler macht für Andersartigkeiten, Nuancen, Komplexitäten, die ich vorher nicht wahrgenommen habe. Ich denke, dass die Kunst uns mit der Zeit bearbeitet. Ein wenig, wie das Wasser eines Flusses im Vorbeiströmen langsam die Form der Steine verändert. Wegen dieser langsamen, untergründigen Arbeit bin ich sogar überzeugt, dass es sinnvoll ist, zehn Personen in einem Raum zusammenzubringen, oder auch fünfundzwanzig oder fünfzig, die bei einer Lesung zuhören, sich Gedanken machen, Fragen stellen. Nicht auf kommerzieller Ebene sinnvoll. Aber mehr denn je in dieser Welt, in der das Vokabular der Brutalität und Ausgrenzung unseren Geist, und immer häufiger auch unsere künstlerischen Ausdrucksformen besetzt.