Im Namen der Mutter
Mutterschaft in der Literatur der italienischen Schweiz
Literarische Texte, die Geburts- und Mutterschaftserfahrungen unzensiert schildern, sind ein globaler Trend der letzten Jahre – so sehr, dass einige Wissenschaftlerinnen sogar dazu veranlasst hat, Mutterschaft zu einem eigenen Genre zu erklären. Das Phänomen zeigt sich auch in der italienischen Schweiz, wo in den letzten Jahren Romane, autobiografische Essays, Gedichte und hybride Texte erschienen sind, die diese Erfahrungen auf neue, innovative Weise schildern.
Im italienischen Original erscheint dieser Text auch in der 20. Print-Ausgabe von viceversa – ab dem 5. November mit neuem Konzept und Layout im Buchhandel erhältlich! Und ab sofort im Abo – jetzt hier informieren und abonnieren!
Im Jahr 2006 prägte die kanadische Wissenschaftlerin Andrea O’Reilly den Begriff Motherhood Studies, um ein neues, interdisziplinäres akademisches Forschungsfeld zu definieren, das sich der Mutterschaft widmen sollte. Die theoretischen Grundlagen zur Beschreibung dieser Erfahrung und des Erlebten waren allerdings nicht neu, sondern im Laufe der vorangegangenen Jahrzehnte in Publikationen von Adrienne Rich (1976) und Sara Ruddick (1989) gelegt worden. In Von Frauen geboren. Mutterschaft als Erfahrung und Institution schlägt Rich vor, zwischen Mutterschaft als Praxis und Erfahrung (Mothering) und einer als Institution und Ideologie verstandenen Mutterschaft (Motherhood) zu unterscheiden; eine Unterscheidung, die in der Folge zum begründenden Prinzip der Motherhood Studies wurde. Während die Institution auf das patriarchale System verweist, das Mütter benachteiligt und unterdrückt, bergen die Arbeit und das Erlebte von Müttern das Potenzial, zu einer gerechteren Gesellschaft und zur Emanzipation der Frauen beizutragen. Mutter oder Nicht-Mutter zu sein, gehört für O’Reilly in eine Reihe mit Kategorien wie Gender, Class oder Race und muss von einer intersektionalen Analyse zwingend berücksichtigt werden. Aus diesem Grund verfolgen die Motherhood Studies einen matrizentrischen, feministischen Ansatz (d.h. das Erleben und die Identität der Mutter stehen im Zentrum der Analyse) und vertiefen matrifokale Erzählungen (d.h. Erzählungen aus der Perspektive der Mütter), um mütterliche Erfahrungen aufzuwerten und in ihrer grossen Bandbreite zu beleuchten.
In ihrem Buch The Mother/Daughter Plot (1989) wies Marianne Hirsch auf das Fehlen von Erzählungen hin, welche die Erfahrung aus der Perspektive der Mütter wiedergeben. Eines der zentralen Ziele der Motherhood Studies ist es, diese Lücke zu schliessen. Dazu werden matrifokale Erzählungen geschaffen und analysiert, um die darin vorherrschenden Themen, Tabubrüche und neuen Darstellungen zu beschreiben. Wie Miriam Johnson in Strong Mothers, Weak Wives schreibt, wird eine Gesellschaft nicht durch das Fehlen von Männern, sondern durch die Zentralität von Frauen als Mütter und Schwestern matrifokal. Folglich wird die Mutter in diesen neuen Texten, die in den letzten Jahren vermehrt aufgekommen sind, in einer kulturell und sozial relevanten Rolle dargestellt und hervorgehoben, die auch für die Plotentwicklung wesentlich ist. Die Geschichten werden aus der Perspektive der Mutter geschrieben und erzählt; so wird ihre Bedeutung unterstrichen, während traditionelle, stereotypisierte Bilder infrage gestellt und Tabus in Zusammenhang mit intimen und persönlichen Erfahrungen wie Unfruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt, Stillen, Wochenbettdepression, Adoption, perinatale Trauer, Mutterschaft als Alleinstehende und mütterliche Ambivalenz gebrochen werden.
Das Aufkommen von Texten, die das Erleben von Müttern unzensiert schildern, ist ein globales Phänomen der letzten Jahre und hat manche Forscherinnen sogar die Frage aufwerfen lassen, ob sich Mutterschaft gerade zu einem eigenständigen literarischen Genre entwickle. Diese Tendenz zeigt sich auch in der italienischen Schweiz, wo in den letzten Jahren Romane, autobiografische Essays, Gedichte und hybride Texte publiziert wurden, welche diese Erfahrung auf neuartige und bisher wenig verbreitete Weise erzählen. Zu den kürzlich erschienenen Veröffentlichungen gehören Chiara cantante e altre capraie von Doris Femminis (2016), Perché non sono nata. Ritrovarsi dopo una gravidanza interrotta von Anita Koehler Sanaysha (2018), Ione von Tiziana Mayer (2018), Le Malorose von Sara Catella (2022), Volontà von Olimpia De Girolamo (2024) und La forza dell’attesa. Un viaggio nell’infertilità von Monica Trabalza (2025).
In diesem Beitrag dienen mir die von O’Reilly erarbeiteten Grundsätze des feministischen Motherings als Inspiration, um eine Auswahl aktueller Beiträge aus der italienischen Schweiz vorzustellen, die mit Schwangerschaft, Entbindung und der Zeit nach der Geburt verbundene Themen aus Sicht der Mütter verhandeln. Das sind Cinquanta lune von Maria Rosaria Valentini (2024), Volevo andare a partorire in Olanda. Storia di un taglio cesareo annunciato von Isabella Pelizzari Villa (2018), Quello che ci unisce. Dalla levatrice Lucia al nostro e vostro parto von Angela Notari (2019) und Dove nascono le madri von Virginia Helbling (2015).
Maria Rosaria Valentinis Roman erzählt die Geschichte von vier Frauengenerationen und vertieft ihre Schwangerschafts-, Gestations-, Geburts- und Mutterschaftserfahrung. Ich-Erzählerin des Romans ist Gi, eine alleinstehende, 39-jährige Frau, die die Reproduktionsgeschichte ihrer Familie rekonstruiert. Sie beginnt mit der Urgrossmutter Fiorina, die Italien zugunsten des Tessins verlässt, wo sie die Tochter Coralla zur Welt bringt. Nach dem Tod der Mutter legt diese ihrerseits die ganze Strecke in Gegenrichtung bis nach Latium zurück, wo sie eine Wahlfamilie findet, die bereit ist, sie und ihre Tochter Cora, die Mutter der Erzählerin, aufzunehmen. Gi erzählt von ihrer liebevollen Beziehung zur Grossmutter und dem konfliktreicheren Verhältnis zur Mutter, um die sie sich mit ihren Schwestern wie um eine Tochter kümmert. Neben den Geschichten der Frauen ihrer Familie berichtet die Erzählerin auch von ihrem persönlichen Weg zur Mutterschaft über künstliche Befruchtung. Am Ende dieser Reise, die sie allein und im Geheimen antritt, nähert sie sich ihrem Kindheitsfreund Bixio neu an, mit dem sie ein queeres Wahlfamilienmodell verwirklicht.
Den Prinzipien des feministischen Motherings entsprechend werden die Kernfamilien in Cinquanta lune als fluide, alternative und nicht patriarchale Realitäten dargestellt. Gemäss Fiona Joy Green können sich feministische Mütter bewusst dazu entscheiden, ihre Kinder allein, als Paar, im Zusammenschluss mit anderen Frauen, Müttern oder Erwachsenen, in einer Partnerschaft mit einer Transperson oder innerhalb von heterosexuellen Beziehungen grosszuziehen, die nicht die typischen Geschlechterrollen der klassischen Kernfamilie reproduzieren. Inspiriert von Grossmutter Coralla, die ihre Tochter ohne Vater, aber mit helfenden Verwandten aufgezogen hat, wird Gi dank eines Samenspenders erst ohne Partner schwanger, bevor sie dann mit Bixio und ihren Schwestern ein alternatives Familienmodell gründet.
Die autobiografischen Erzählungen von Angela Notari (Quello che ci unisce. Dalla levatrice Lucia al nostro e vostro parto) und Isabella Pelizzari Villa (Volevo andare a partorire in Olanda. Storia di un taglio cesareo annunciato) handeln einmal von einer selbstermächtigenden, und einmal von einer traumatischen Geburtserfahrung, die mithilfe von therapeutischem Schreiben aufgearbeitet wurde. Obwohl die geschilderten Erfahrungen unterschiedlich sind, schwingt in beiden Texten der Selbstermächtigungsbegriff von Wanda Thomas Bernard und Candace Bernard mit. Ihnen gemäss geschieht Selbstbestimmung über die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins und spiegelt sich in der Kontrollfähigkeit, der Ausübung der eigenen Entscheidungsmacht und im Engagement zugunsten eines sozialen, kollektiven Handelns wider.
Notaris autobiografisches Schreiben ist durchdrungen von einem Geist der Schwesternschaft. Sie will die Rolle der Hebammen in ihrer positiven Erfahrung hervorheben und ihre Leser:innen über die Möglichkeit aufklären, zu Hause oder in einem Geburtshaus in Begleitung einer selbstgewählten Hebamme sicher zu gebären. Weiter sollen Mythen und Stereotype rund ums Gebären abgebaut und ganz generell der Tendenz entgegengewirkt werden, Schwangerschaft und Geburt stark als medizinische Vorgänge zu betrachten. Pelizzari Villa wird beim Schreiben ihres hybriden Textes zwischen Autobiografie und wissenschaftlichem Essay vom gleichen aktivistischen Gedanken angetrieben. Sie erzählt von der Geburt ihrer Zwillinge, die in einem Kaiserschnitt gipfelte, als traumatische Erfahrung, der sie passiv ausgeliefert war. Die Autorin zitiert wissenschaftliche Erkenntnisse und gibt den Lesenden so nützliche Informationen mit, um bewusst andere Entscheidungen in Zusammenhang mit der Geburt treffen zu können.
Das queere Familienmodell, das Maria Rosaria Valentini in ihrem Roman entwirft, stellt eine tragfähige Alternative zum traditionellen, patriarchalen Schema dar, indem es Frauen die Möglichkeit eröffnet, sich für die Art von Mutterschaft zu entscheiden, die sie wünschen – und für jene familiäre Hilfe, die sie dabei am wirksamsten unterstützt. In den autobiografischen Beiträgen von Pelizzari Villa und Notari hingegen äussert sich das selbstermächtigende Moment im Teilen ihrer persönlichen Geschichten, von Wissen und praktischen Informationen. Sie kommen als regelrechte matrizentrische Manifeste daher, die Entscheidungsfreiheit und das Recht auf eine selbstbestimmte und sichere Geburtserfahrung einfordern.
Dieser Sinn für Schwesternschaft geht einem Verständnis der Mutterschaft als Ideologie und Institution ab, wie es in der heutigen Gesellschaft immer noch hochgehalten wird, und trägt dazu bei dass Frauen mit den Folgen der Geburt und der Bewältigung eines Lebens mit Baby oft alleingelassen werden und darin konkurrieren. Diese Einsamkeit in einer neuen Situation und die Ambivalenz gegenüber der Mutterschaft kommen im Roman Dove nascono le madri von Virginia Helbling deutlich zum Ausdruck. Die Erzählerin berichtet vom langsamen Aufeinanderfolgen der Tage nach der Geburt, hebt die erlebten Schwierigkeiten sowie den Identitäts- und Autonomieverlust hervor und setzt sich mit den Gefühlen von Unzulänglichkeit und Widerstreben auseinander, diese neue Aufgabe anzunehmen. Im Roman wird das Modell des in den heutigen westlichen Gesellschaften propagierten intensive mothering – also der Vorstellung, dass die Mutter der Betreuung des Kinds höchste Priorität einräumt und sich dafür aufopfert – eingehend untersucht. Die Mutterrolle, die bei Frauen als selbstverständlich und natürlich angesehen wird, sowie die Erwartung, dass hauptsächlich die biologische Mutter Fürsorge leistet, werden infrage gestellt. Die Protagonistin verkörpert die Last dieser neuen Rolle, die sie widerwillig annimmt, ohne zu ahnen, dass sie so erschöpfend, fordernd und entpersönlichend sein würde. Die Erzählung zeigt auf, inwiefern der Anspruch des intensive mothering schwer auf den biologischen Müttern lastet, sie mangelhaft und schuldig fühlen lässt und sie schliesslich sozial isoliert. Ganz im Sinne der Motherhood Studies entlarvt Helbling das stereotype und eindimensionale Bild der Mutter und erzählt von der Zeit nach der Geburt mit all ihren dunklen Seiten. In Dove nascono le madri findet man alle typischen Aspekte matrifokaler Erzählungen wieder, die von Elisabeth Podnieks herausgearbeitet wurden: Es sind von Müttern geschriebene und erzählte Texte, die die mütterliche Identität und Erfahrung aus subjektiven Perspektiven wiedergeben. Diese stellen traditionelle, vereinfachende Vorstellungen infrage, die eine sich aufopfernde «gute Mutter» einer egoistischen, trägen und nicht-fürsorglichen «schlechten Mutter» gegenüberstellen.
Um es mit den Worten Podnieks’ zu sagen, lässt sich abschliessend feststellen, dass die im besprochenen Korpus dargestellten Mütter die Regeln des patriarchalen Systems kennen, diese aber bewusst brechen und umschreiben. Die Beispiele aus der zeitgenössischen Literatur der italienischen Schweiz fügen sich harmonisch in ein globales, grenz-, sprachen- und genreübergreifendes Phänomen ein, das Erzählungen hervorbringt, die Mutterschaft und Mutterschaftserfahrungen auf breit gefächerte, ambivalente, ehrliche und bisweilen auch störende Weise abbilden. Mit ihren in der hiesigen Realität angesiedelten matrifokalen Erzählungen tragen die Autorinnen dazu bei, Tabus zu zerbröckeln und die Grundlagen von Mutterschaft als komplexe und subjektive menschliche Erfahrung neu zu definieren.
Bibliografie
-Wanda Thomas Bernard und Candace Bernard, «Passing the Torch: A Mother and Daughter Reflect on Their Experiences across Generations», Canadian Women’s Studies Journal/Cahier de la femme, Vol. 18, 2-3, Summer-Fall 1998, S. 46-50.
-Sarah Blackwood, «Is Motherhood a Genre?», Blog. Los Angeles Review of Books, 2018, Link.
-Alice Brown, «Representing Childbirth in Literature. From third to first person», Mothers and Writers, 2022, Link.
-Sara Catella, Le Malorose. Confidenze di una levatrice, Bellinzona, Casagrande, 2022.
-Brenda O. Daly und Maureen T. Reddy (a cura di), Narrating Mothers. Theorizing Maternal Subjectivities, Knoxville, The University of Tennessee Press, 1991.
-Olimpia De Girolamo, Volontà, Mendrisio, Gabriele Capelli Editore, 2024.
-Lauren Elkin, «Why All the Books About Motherhood?», The Paris Review, 2018, Link.
-Fiona Joy Green, «Feminist Mothering», in The Routledge Companion to Motherhood, herausgegeben von Lynn O’Brien Hallstein, Andrea O’Reilly und Melinda Vandenbeld Giles, Abingdon-New York, Routledge, 2020, S. 36-50.
-Doris Femminis, Chiara cantante e altre capraie, Savona, Pentàgora, 2016 (zweite Auflage: Ronco Scrivia, temposospeso, 2025).
-Virginia Helbling, Dove nascono le madri, Mendrisio, Gabriele Capelli Editore, 2015.
-Marianne Hirsch, The Mother/Daughter Plot. Narrative, Psychoanalysis, Feminism, Bloomington, Indiana University Press, 1989.
-Miriam Johnson, Strong Mothers, Weak Wives. The Search for Gender Equality, Oakland, University of California Press, 1990.
-Anita Koehler Sanaysha, Perché non sono nata. Ritrovarsi dopo una gravidanza interrotta, Edizioni Kindle, 2018.
-Tiziana Mayer, Ione, Lugano, Alla chiara fonte, 2018.
-Angela Notari, Quello che ci unisce. Dalla levatrice Lucia al nostro e vostro parto, Bellinzona, Salvioni, 2019.
-Lynn O’Brien Hallstein, Andrea O’Reilly und Melinda Vandenbeld Giles, «Introduction», in The Routledge Companion to Motherhood, herausgegeben von Lynn O’Brien Hallstein, Andrea O’Reilly und Melinda Vandenbeld Giles, Abingdon-New York, Routledge, 2020, S. 1-15.
-Andrea O’Reilly, «Maternal Theory. Patriarchal motherhood and empowered mothering», in The Routledge Companion to Motherhood, herausgegeben von Lynn O’Brien Hallstein, Andrea O’Reilly und Melinda Vandenbeld Giles, Abingdon-New York, Routledge, 2020, S. 19-35.
-Andrea O’Reilly, «Matricentric Feminism», in The Routledge Companion to Motherhood, herausgegeben von Lynn O’Brien Hallstein, Andrea O’Reilly und Melinda Vandenbeld Giles, Abingdon-New York, Routledge, 2020, S. 51-60.
-Isabella Pelizzari Villa, Volevo andare a partorire in Olanda. Storia di un taglio cesareo annunciato, Mendrisio, Tipoprint SA, Edizioni Vignalunga, 2018.
-Elizabeth Podnieks, «Matrifocal Voices in Literature», in The Routledge Companion to Motherhood, herausgegeben von Lynn O’Brien Hallstein, Andrea O’Reilly und Melinda Vandenbeld Giles, Abingdon-New York, Routledge, 2020, S. 176-190.
-Adrienne Rich, Of Woman Born. Motherhood as Experience and Institution, New York-London, W. W. Norton and Company, 1976.
-Adrienne Rich, Von Frauen geboren. Mutterschaft als Erfahrung und Institution, übersetzt von Gesine Stempel und Meo H. Rentzel, München, Frauenoffensive, 1979.
-Sara Ruddick, Maternal Thinking. Toward a Politic of Peace, Boston, Beacon Press, 1995.
-Monica Trabalza, La forza dell’attesa. Un viaggio nell’infertilità, Pregassona, Edizioni Fontana, 2025.
-Maria Rosaria Valentini, Cinquanta lune, Roma, Castelvecchi, 2024.