Hagard

Von: Lukas Bärfuss

Philip, ein erfolgreicher Geschäftsmann und Vater mittleren Alters verguckt sich im städtischen Feierabendgedränge in ein Paar pflaumenblaue Ballerinas. Er folgt der jungen Frau, die sie trägt, zunächst spielerisch, später zunehmend wie ein Besessener. Wie kann jemand einfach plötzlich alles stehen lassen und einem eigentümlichen Sehnen nachgeben, das ins Verderben führt? Das ist die Grundfrage von Lukas Bärfuss’ literarischem Gedankenexperiment, die jedoch unbeantwortet bleibt. Sein Erzähler kennt zwar die Details von Philips Geschichte, ringt aber dennoch um Verständnis der Tragödie. Im Vorbeigehen übt Hagard scharfe Gesellschaftskritik. (fb)

Hagard
In jedem seiner Romane wagt Lukas Bärfuss sich auf neues Terrain. In _Hagard_ folgt er einem Verfolger, und als Leser fühlt man sich fortwährend ganz nah an dessen Kopf. Ein Mann, eben stand er während des Feierabendgedrängels noch am Eingang eines Warenhauses, folgt aus einer Laune heraus einer Frau. Er kennt sie nicht, sieht sie auch nur von hinten, aber wie in einem Spiel sagt er sich: Geht sie dort entlang, folge ich ihr nicht weiter; geht sie in die andere Richtung, spiele ich das Spiel noch eine kleine Weile weiter. Es bedeutet ja nichts, niemand kommt zu Schaden, und der Abstand in der Menge ist so groß, dass die Frau es gar nicht bemerken wird. Eher ist es eine sportliche Aufgabe, sie in der Menge nicht zu verlieren. In einer knappen Stunde hat Philip ohnehin einen wichtigen Termin. Aber schon fragt er sich, ob der nicht auch zu verschieben wäre, bis zur Abendverabredung bliebe ja noch etwas Zeit. Was ihn bewegt, ist erst einmal unklar. Ist der Verfolger einfach ein gelangweilter Schnösel? Ein Verrückter? Ein Verbrecher? Er scheint selbst vor etwas zu fliehen. Etwas Bedrohliches liegt in der Luft, etwas Getriebenes. Ein atemloser Sog entsteht, in den auch der Leser gerät, je länger die Verfolgung anhält. Allen Sinneswahrnehmungen haftet etwas beunruhigend Surreales an. Die aufgerufenen Fragen über unsere Lebenswirklichkeit im 21\. Jahrhundert gewinnen eine unabweisbare Schärfe. (Buchpräsentation Wallstein Verlag)

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