GRM

Von: Sibylle Berg

Vier Jugendliche aus Rochdale, einer nordenglischen Stadt im post-industriellen Niedergang, sind die Hauptfiguren in diesem Roman. Sie wachsen heran in einer Welt geprägt von Vernachlässigung, Missbrauch und Drogen. In GRM Brainfuck prangert die Autorin in einer virtuosen Sprache sämtliche menschlichen und gesellschaftlichen Übel unserer Zeit an. Analyse und Urteil über das Leben, das sie schildert, liefert sie gleich mit: Schuld sind die Digitalisierung, die neoliberale Wirtschaftsordnung und die «toxische Männlichkeit». So berechtigt Bergs Gesellschaftskritik ist, es kommt einem doch alles daran irgendwie bekannt vor. Die alarmistische Inszenierung des Elends hätte auf 300 statt 600 Seiten eine grössere Wirkung erzielt. (Verena Bühler in Viceversa 14, 2020)

«Vermutlich war der Einzelne schon immer unwichtig. Es fiel nur weniger auf.» Die *Brave New World* findet in wenigen Jahren statt. Vielleicht hat sie auch schon begonnen. Jeden Tag wird ein anderes westliches Land autokratisch. Algorithmen, die den Menschen ersetzen, liegen als Drohung in der Luft. Großbritannien, wo der Kapitalismus einst erfunden wurde, hat ihn inzwischen perfektioniert. Aber vier Kinder spielen da nicht mit – sondern gegen die Regeln. Und das mit aller Konsequenz. Willkommen in der Welt von GRM. Sibylle Bergs neuer Roman beginnt in Rochdale, UK, wo der Neoliberalismus besonders gründliche Arbeit geleistet hat. Die Helden: vier Kinder, die nichts anderes kennen als die Realität des gescheiterten Staates. Ihr Essen kommt von privaten Hilfswerken, ihre Eltern haben längst aufgegeben. Die Hoffnung, in die sie sich flüchten, ist Grime, kurz GRM. Grime ist die größte musikalische Revolution seit dem Punk. Grime bringt jeden Tag neue YouTube-Stars hervor, Grime liefert immer neue Role-Models. Als die vier begreifen, dass es zu Hause keine Hoffnung für sie gibt, brechen sie nach London auf. Hier scheint sich das Versprechen der Zukunft eingelöst zu haben. Jeder, der sich einen Registrierungschip einpflanzen lässt, erhält ein wunderbares Grundeinkommen. Die Bevölkerung lebt in einer perfekten Überwachungsdiktatur. Auf der Straße bleibt nur der asoziale, vogelfreie Abschaum zurück. Die vier Kinder aber – die fast keine Kinder mehr sind –, versuchen außerhalb des Systems zu überleben. Sie starten ihre eigene Art der Revolution. (Buchpräsentation Kiepenheuer & Witsch)