Wer klopfet da?
Ein feministisches Zine, ein Kollektiv für postmigrantische Perspektiven, eine Lyrikreihe auf Tour durch die Literaturhäuser: Die freie Szene zeigt, was möglich ist, wenn Selbstverständlichkeiten zur Disposition stehen.
Ich gehöre wohl zu jener Sorte Mensch, die nichts für selbstverständlich hält. Das prägt auch meinen Blick auf Kultur. Wenn ich eine Lesung oder ein Konzert besuche, lande ich oftmals (und immer wieder auch unpassenderweise) bei Grundsatzfragen: Warum so und nicht anders, musste das wirklich sein, hätte man nicht – ? Und bin umso dankbarer, wenn der Funke überspringt.
Mein Eindruck ist, und er gefällt mir, dass im Deutschschweizer Literaturbetrieb derzeit vermehrt Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden, gewiss auch, weil der zeitgeistige Wind in diese Richtung weht. Initiativen, die vom Rande her auf Literatur zugreifen, machen das besonders unbefangen, besonders radikal – und möglicherweise auch besonders gut. Für meinen ersten Bericht aus der deutschschweizerischen Literaturszene richte ich meinen Blick darum auf drei Projekte, wo Selbstverständlichkeiten noch in weiter Ferne liegen, allerhand zur Disposition steht, aber auch fast alles möglich scheint.
Gossip am Küchentisch
Ich erinnere mich an eine Rede, in der die Autorin Monique Schwitter von «Literatur als Lebensmittel» gesprochen hat. Eine Form von Nahrung, die sich zuweilen lustvoll verschlingen lässt, manchmal nur in Happen geniessbar oder schwer verdaulich ist. Aber ohne die es nicht ginge. Das Bild trage ich seither mit mir herum. Vielleicht war die Freude auch deshalb so gross, als ich in die «Rezepte»-Ausgabe von Gossip eintauchte – ein feministisches Zine voller literarischer Exkurse übers Kochen und Kulinarisches.
Im Vorwort heisst es: «Wir trafen uns in unserer Küche, die gleichzeitig auch unser Verlagshaus ist, haben Ideen und Zutaten zusammengetragen, gekocht, gegessen und geplant» – guter Gossip wachse um den Küchentisch. Literatur wird hier ins Zuhause verfrachtet, in eine Alltäglichkeit überführt, die Nähe, Community, Begegnung verspricht.
Das erste Mal begegnet ist mir die Edition Gossip nicht als Magazin, sondern in Form von bedruckten Longsleeves. Plötzlich bemerkte ich den schnörkeligen Schriftzug an der Kleidung einer auffallend hohen Zahl von Twenty- und Thirtysomethings – auch abseits von Literaturveranstaltungen. So selbstverständlich und ohne Cringe-Effekt funktioniert Merch in der Literatur selten (man denke an die Suhrkamp-Caps).
Den Gossip-Initiantinnen geht es nicht nur um das Zeigen der vielfältigen literarischen Stimmen und Perspektiven von Finta-Autor:innen, sondern auch darum, einen Raum zu schaffen für feministische Erzähltraditionen und Praxen, wie Gossip, eine «einst mächtige Form weiblicher Solidarität und Wissenszirkulation», oder auch das Kochen welche sind.
Mit diesem Programm, sorgfältig und klug kuratiert, hat die Edition Gossip einen Nerv getroffen. Innerhalb kürzester Zeit war die erste Auflage von 300 Exemplaren ausverkauft. «Es besteht offensichtlich ein Bedürfnis nach feministischen Projekten in der Literatur», meint Ava Slappnig im Gespräch. Aus diesem Bedürfnis heraus hat sie das Magazin 2024 mit einer guten Freundin, der Grafikerin Alina Scharnhorst, ins Leben gerufen.
In den letzten Jahren sind vielerorts Kollektive, Lesereihen und Literaturmagazine entstanden, die zu wichtigen Bühnen gewachsen sind und immer mehr Schreibenden den vielgesuchten niederschwelligen Einstieg in die Literaturszene bieten. Ihre Veranstaltungen finden in Ateliers, Bars oder Plattenläden statt, mit der gleichen Selbstverständlichkeit bespielen sie Literaturhäuser und Theater. Und oft haben sie eine spürbar politische Haltung.
Schnell professionell
So wie Gossip. Was als DIY-Projekt zwischen Freundinnen begann («Wir studierten an einem Gefäss für Geschichten herum und probierten das dann einfach aus.»), hat schnell einen professionellen Anstrich bekommen. Gossip erscheint zweimal im Jahr, pro Ausgabe sind über ein Dutzend Autor:innen und Illustrator:innen beteiligt. Jedes Magazin erscheint in einem zum Heftthema passenden grafischen Gewand, die Launches sind ebenfalls kuratiert, jener zur Rezept-Ausgabe fand in einer Dönerbude statt. Diesen für die Literatur eher untypischen Räumen wohnt das Potenzial inne, auch Personen anzusprechen, die keinen oder wenig Bezug zum Literaturbetrieb haben.
Für ihr Projekt investieren Slappnig und Scharnhorst im Schnitt zwei Tage pro Woche, Löhne zahlen sie sich bisher keine aus. Der Frust punkto Finanzen sei ständig da, sagt Ava Slappnig, und wäre die Freude an der kreativen Arbeit nicht so gross, würde die Frage, warum sie das eigentlich machen, sie wohl öfter heimsuchen.
Slappnig und Scharnhorst scheint bewusst zu sein, was sie sich hier aufgeladen haben: «Wir halten uns die Möglichkeit frei, das Projekt jederzeit anzupassen, etwa unser Team zu erweitern oder das Magazin in grösseren Abständen herauszugeben.» An ihrer Unabhängigkeit aber, daran lassen sie keine Zweifel, halten sie fest.
Ein Tag und eine Nacht
Am Vortag eben noch von einer Reise zurückgekehrt, bringt Artan Islamaj unser Gespräch an einem Samstag unter, zwischen einer öffentlichen Führung, die er leitet, und einem Podiumsgespräch, an dem er teilnimmt. So ganz abschalten schien für ihn auch in den Ferien nicht möglich. Jedenfalls hat er währenddessen eine fast 500-seitige Jubiläumsausgabe von zwischentext gelayoutet, wie er lachend erzählt. Islamaj ist Literaturwissenschaftler, im Kollektiv übernimmt er auch gestalterische Aufgaben, zudem arbeitet er als Co-Geschäftsleiter des Thinktanks Institut Neue Schweiz (INES) und unterrichtet Englisch an einem Gymnasium.
Seit der Gründung von zwischentext vor fünfeinhalb Jahren ist Artan Islamaj Teil des zurzeit sechsköpfigen Kollektivs, zusammen mit Emina Garibović, Vanessa Casertano, Tolga Yalın, Mërgim Gutaj und Oana Popa. Unter Uni-Freund:innen entstanden, setzte sich zwischentext mal aus zwei, mal aus acht Personen zusammen und würde sich selbst, so sagt Islamaj nicht ohne ironischen Tonfall, als ein «postmigrantisch-plus-Allies-Zürich-based-akademisch-linker-Kreis» bezeichnen.
Zwischentext begann als Zine, organisiert aber mittlerweile auch Literaturveranstaltungen und Schreibworkshops. Das Kollektiv versteht sich als interdisziplinäre Plattform und als Raum für (post-)migrantische Perspektiven. Damit füllen sie eine Leerstelle im Schweizer Literatur- und Kunstbetrieb – kaum ein Projekt in der Deutschschweiz verschreibt sich so konsequent der Repräsentation einer (post-)migrantischen Schweiz. Ein zentraler Pfeiler von zwischentext ist die Mehrsprachigkeit, auch im zweimal jährlich erscheinenden Zine mit bis zu 50 Mitwirkenden und über 300 Einsendungen pro Ausgabe. Beiträge, die nicht auf Deutsch oder Englisch verfasst sind, werden online kontextualisiert oder übersetzt – im Heft selbst stehen die verschiedenen Sprachen ganz selbstverständlich nebeneinander. Nicht zuletzt auch, damit die deutschsprachige Mehrheitsgesellschaft die Erfahrung machen kann, wie sich das anfühlt, mal auch einfach etwas nicht zu verstehen, wie das der Lebenswirklichkeit seiner und der Eltern fast aller Mitglieder des Kollektivs entspricht.
Und ein kleiner Einschub zu schweizerischen Eigenheiten: Obwohl die Mehrsprachigkeit ausdrücklich erwünscht ist, gelangen bei den Open Calls noch eher Einsendungen aus Ländern wie Japan oder Südafrika in ihr Postfach als Texte aus der Romandie oder dem Tessin. «Röstigraben is well and alive», sagt Islamaj.
An die Türe klopfen
Wie die Ideen und der Tatendrang aus Artan Islamaj nur so heraussprudeln, ist wohl eine Bedingung bei diesem immensen, ja fast schon grössenwahnsinnigen Output. «Die Liebe für zwischentext und wofür wir stehen ist unbeschreiblich», sagt er, die Wertschätzung der Community sei enorm. Darum ist es für ihn im Moment auch tragbar, pro Woche im Schnitt «einen Tag und eine Nacht» dafür aufzuwenden. Branchenübliche Honorare konnte zwischentext bisher keine zahlen, weder an sich selbst noch an die Schreibenden, das Geld auf dem Konto reiche lediglich für symbolische Zustüpfe.
Zwischentext bewegt sich mühelos zwischen den Welten. Mal bespielen sie Literaturhäuser oder das Schauspielhaus Zürich, mal organisieren sie Lesungen in einem Hinterhof, einem Plattenladen oder in einem Architekturbüro. Ihre Veranstaltungen in grossen Häusern sind meist innert kürzester Zeit ausverkauft. «Wir müssen zwar immer noch anklopfen», sagt Islamaj, «aber die Türen gehen öfter und schneller auf.» Noch handelt es sich lediglich um temporäre Öffnungen. «Der Literaturbetrieb ist nach wie vor ein exklusiver Club, der migrantische Perspektiven strukturell unterrepräsentiert.»
Diesen Frühling feiert das Kollektiv die zehnte zwischentext-Ausgabe und hat sich auch dafür viel vorgenommen. Zum 500-Seiten-Zine (aka: Buch), das Texte von über 130 Personen versammelt, kommen zwei Festivals, in Zürich und in Biel. Gesucht: postmigrantische Antworten auf den im schweizerischen Diskurs stark politisierten Begriff der Heimat, in – so die Ausschreibung – der «Sprache deiner Wahl».
Lyrik wie am Lagerfeuer
Als ich im Februar eine Veranstaltung von Die Wanne im Literaturhaus Zürich besuchte, staunte ich über den Andrang. Man musste mir einen zusätzlichen Stuhl organisieren, der Raum war bis in die hintersten Ecken gefüllt – und das für Lyrik. Zudem schien das Publikum durchmischter als sonst. Ein kluger Kniff: Die Bühne befand sich in der Raummitte. «Es war eine krasse Lesesituation. Die Lesenden waren exponiert und hatten immer einen Teil der Besucher:innen im Rücken», sagt Eric Ehrhardt, Gründer der Lyrikreihe. Der Effekt aber war ein anderer. Beim Hinausgehen meinte eine Besucherin zu ihrer Kollegin: «Es hat sich angefühlt, als würden wir alle um ein Lagerfeuer sitzen.»
Eric Ehrhardt ist Schriftsteller; sein Debüt «Im Klauhof» ist Anfang April im Ritter Verlag erschienen. Und er ist Literturvermittler und Veranstalter: Vor rund einem Jahr hat er Die Wanne gegründet, mit dem Abend in Zürich – im Programm die Autor:innen Laura Leupi, Ariane Koch, Yevgeniy Breyger und Jennifer Eckert – legte die Reihe los. Im März machte Die Wanne mit einer komplett neu zusammengestellten Runde Halt im Literaturhaus St. Gallen, und Ende Mai wird sie – wieder in neuer Besetzung – im Literaturhaus Basel zu Gast sein.
Lyrik ist eine Nische innerhalb der Literatur und das ist auch im Literaturbetrieb zu spüren, wo die Gattung zurückhaltend programmiert wird – in erster Linie aus Angst, dass sie schwer zugänglich sei und wenig Publikum anziehe, wie Eric Ehrhardt sagt: «Aber gerade die Lyrik hat ein ausgesprochen unterhalterisches Potenzial.» Er versteht diese denn auch in ihrer ganzen Breite, dazu gehören auch Graphic Novels, szenische Texte oder performative Arbeiten. Lyrik zeige, was Sprache überhaupt ist, nicht ist, sein kann. Bilder und Klang von Sprachformen seien in ihr so wichtig wie gedankliche Tiefe, zudem öffne sie intime und komplexe Gesprächsräume. Dass Lyrik es in einer von Polarisierungen und Vereinfachungen getriebenen Öffentlichkeit so schwer habe, lasse sich deshalb auch als Symptom begreifen.
An den Rändern, unter dem Radar
Vier Künstler:innen pro Abend lautet das Konzept, mit dem Die Wanne auf die angetönte institutionelle Leerstelle reagiert. Man wolle bewusst in Literaturhäusern stattfinden, um Lyrik in «etablierte Räume hineinzutragen», wie Ehrhardt meint. Das macht das Projekt nicht nur organisatorisch, sondern aus naheliegenden Gründen auch finanziell besonders aufwändig. Denn, die Crux dabei: Zwar hosten die Literaturhäuser die Veranstaltungen und stellen ihre Infrastruktur zur Verfügung – die Kosten und das finanzielle Risiko trägt jedoch allein Die Wanne. Eric Ehrhardts Arbeit, ein Pensum von ungefähr zehn bis zwanzig Stellenprozenten, erfolgt unentgeltlich. Obendrauf zahlen viele Geldgeber:innen keine oder nur geringe Beträge, da die Reihe in einem bereits subventionierten Haus stattfindet.
Manche Autor:innen beginnen ihre Karriere mit Lyrik – und für andere bleibt sie Realität als prekärste aller literarischen Formen, schlecht bezahlt und schwer vermittelbar. Umso wichtiger sind Initiativen, die, wie auch Edition Gossip und zwischentext, spielerisch und lustvoll Neues erproben, Leerstellen füllen und obendrein den Institutionen bisweilen auch mal den Spiegel vorhalten. Antrieb solcher Projekte sind Personen, die für die Sache brennen. Das aber soll nicht über die prekären Bedingungen hinwegtäuschen, unter denen diese Arbeit geleistet wird. Einstimmig haben die drei Mit-Initatint:innen betont, dass früher oder später ein Teil der Arbeit entlohnt werden müsse, damit sie weitermachen können. Denn was sie leisten, ist professionelle Literaturvermittlung.
An den Rändern, unter dem Radar, all diese Verortungen sind ohnehin hinfällig, wenn es um das Beschreiben der freien Szene geht: Wo Zentrum und Brennpunkt dessen sind, was in der Literatur passiert, ist zumindest Interpretationssache.
Auch mein nächster Beitrag führt in eine Welt mittendrin im Literaturgeschehen und doch am Rande: Am Booktok-Festival «Topshelf Night» auf dem Schloss Lenzburg treffen sich im Sommer zum dritten Mal Blogger:innen, Autor:innen und Leser:innen von New Adult Fiction, vielleicht der Boom-Sparte der Literatur. Klar kommerziell orientiert, hat sie zweifellos höchst lebendige, eigenständige Lesekulturen hervorgebracht. Noch ist mir diese Welt weitgehend fremd – mal sehen, welche Selbstverständlichkeiten sich in Lenzburg verschieben.