Auf dem Jahrmarkt des Prekariats (Neues von jenseits des Röstigrabens 2/3)
Wie schafft man es, in der Westschweiz vom Schreiben zu leben? Sicher nicht, indem man sein Wochenende mit Signierstunden verbringt – eine Kunst, die einem viel abverlangt und wenig einbringt. Unser Korrespondent hat es selbst erlebt.
«Hast du deine Kühlbox dabei?» – Mein Tischnachbar ist hier schon zum fünften Mal eingeladen und hat seine Gewohnheiten: Stifte fest im Lederetui, E-Zigarette aufgeladen, gekühlte Bierflaschen unter dem Holzstuhl versteckt. «Du wirst sehen, es zieht sich zwar etwas, aber es lohnt sich», bläst er mir aus einer Karamellwolke entgegen. Es ist Samstag, 9:27 Uhr. Ich mache es mir hinter dem Papierberg bequem, den mein bescheidenes literarisches Oeuvre bildet, und dann beginne ich wie 170 weitere Autor:innen, die hier mit Blick auf den Genfersee aufgereiht sind, in die Menge zu lächeln, in der Hoffnung, so ihren Weg in die Richtung meiner Bücher zu lenken. Ein halbes Volk zieht vorbei.
Anfang September bummeln Tausende Menschen durch das Festival Le livre sur les quais in Morges, drängen sich vor den Medienstars der Pariser Herbstprogramme, machen Selfies mit den Krimi-Grössen und werfen im Vorbeigehen einen halb mitleidigen, halb herablassenden Blick auf die Buchproletarier aus der Romandie, die einsam warten, bis Mama vorbeikommt, um Hallo zu sagen. Aber Mama kommt immer, und dann kommen auch noch ein paar andere – mein festgefrorenes Pfannenverkäuferlächeln war also nicht für die Katz. Und auch ich gebe mich schliesslich diesem seltsamen Ritual hin, bei dem man etwas in das eigene Buch kritzelt, während ein zukünftiger Leser uns sein Leben erzählt, um dann zu entdecken, wie wir unseres in dem Buch erzählen, das er gerade kauft. Für Jacques, viel Spass beim Lesen, herzliche Grüsse, Thierry.
Denn die Menschenmassen sind nicht wegen mir gekommen, sondern wegen ihr: der Widmung. Dieser seltsamen Geste irgendwo zwischen Fron und Freundlichkeit, zwischen Sitzen und Stehen, die der dem Fetischismus offenbar nicht völlig abgeneigten Leserin versichert, dass mein Buch nun ihr gehört, ihr allein. Für Martine, viel Spass beim Lesen, herzliche Grüsse, Thierry. Nach den zehnten herzlichen Grüssen an einen mir völlig fremden Menschen muss ich an ein Bonmot denken, das dem Literaturnobelpreisträger William Golding zugeschrieben wird: «Eines Tages wird jemand ein nicht signiertes Buch von mir entdecken, und es wird ein Vermögen wert sein.» Gut, da habe ich noch Spielraum – die Auflage meines Buches ist tausendmal so gross wie die Warteschlange vor meinem Tisch.
Ein bisschen Taschengeld
Apropos Vermögen: Während ich beobachte, wie die Feel-Good-Influencerin vis-à-vis ihre Geschichtchen verkauft wie geschnitten Brot, frage ich mich, was wir, die wir in der Westschweiz Literatur zu unserem Beruf gemacht haben, eigentlich davon haben, an diesem Künstlermarkt teilzunehmen. Ein Trostpflaster der Anerkennung für unsere kleinen narzisstischen Wunden. Das Gefühl, zwar allein zu sein, das aber gemeinsam. Und klar, die Honorare: Nach Jahren des Tauziehens ist die Veranstaltung am Genfer See mittlerweile davon abgekommen, Sichtbarkeit als Ersatz für jegliche Bezahlung anzusehen – zumindest so halb: Die mediale Anklageschrift einiger Rebellen, später aufgegriffen vom Autor:innenverband A*dS und von Pro Helvetia, führte 2020 dazu, dass Lesungen und Podiumsgespräche fortan mit 300 Franken vergütet wurden – seit dem vergangenen Jahr sind es 350 Franken (nicht lachen, ihr Zürcher:innen da hinten). Wer aber, wie mein Standnachbar, keinen Auftritt hat, geht nach wie vor leer aus.
«Eine ‹angemessene› Vergütung ist eine Voraussetzung für unsere Unterstützung», erklärt mir Aurélia Maillard Despont, Fachspezialistin für französischsprachige Literatur bei Pro Helvetia, als sie an meinem Tisch vorbeikommt. «Bei den Festivals und Messen in der Romandie war die Diskussion um die Vergütungen in den letzten Jahren ein Dauerbrenner. Sie liegen in den meisten Fällen immer noch unter unseren Erwartungen; die Richtung stimmt, aber es ist noch Luft nach oben.» Zu diesem Taschengeld kommen zwar noch das Raclette am Samstagabend und die Essensgutscheine hinzu, die Biere aus der Kühlbox muss man wiederum abziehen. Einige Tage zuvor hatte die US-Schriftstellerin Madeline Cash erklärt, sie sei «leider gezwungen, den Besuch bei Le livre sur les quais dieses Jahr abzusagen». Bei dem Nachnamen ahnt man, wieso.
Nicht zu vergessen natürlich (wie konnte ich!) der magere Prozentsatz auf die mageren Verkaufszahlen: Ich zum Beispiel verdiene an jedem signierten Buch 1 Franken 84. Danke, Jacques, Martine, Mama, und viel Spass beim Lesen, herzliche Grüsse. Zum Glück habe ich viceversa – man kann kaum erahnen, wie sehr einem so ein Mandat als «Literarischer Korrespondent für die Westschweiz» dabei hilft, aus dem vorgespurten Weg in die Armut auszuscheren –, denn mit zwei Büchern pro Stunde werde ich mein Wochenende nicht rentabel gestalten können.
Es ist noch zu früh für ein Bier, aber schon zu spät, um noch Gesprächsthemen mit meinem E-Zigaretten rauchenden Nachbarn zu haben. Da ausser der blendenden Sonne und den schlendernden Familien nichts in Sicht ist, beschliesse ich, meinen Ausguck über diesem Meer der Langeweile zu verlassen, um ein paar Kolleg:innenstimmen einzuholen: Wovon lebt ein Autor, eine Autorin hierzulande?
Ich bahne mir meinen Weg durch den Passant:innen und beobachte sie aus der Ferne, wie sie aufgereiht dastehen wie Gemüsehändler an einem Markttag. Manche lesen, andere schreiben, um sich oder anderen etwas vorzumachen, einige starren ins Leere. Neben einer Handvoll Marktschreier aus Frankreich, die ihren Erfolg nicht verdient haben, erkenne ich einen Lehrer, eine Radiojournalistin, einen Millionär (der zählt nicht), eine Schauspielerin im Herbst ihrer Karriere, und so weiter bis ans Ende des Zeltes. Doch ausser diesen kleinen Kulturbeamten und anderen Maschinist:innen des Service public begegne ich vor allem Seiltänzern der Prekarität, die aus der Not eine Tugend machen und mit Literatur irgendwie zu überleben versuchen.
«Es ist eine tägliche Anstrengung, nicht zu viel darüber nachzudenken; ich lebe von einem halben Jahr zum nächsten. Im Moment läuft es ganz okay», gesteht mir Carla Demierre, die 2023 ihre Stelle als Dozentin an einer Kunsthochschule aufgegeben hat, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Ihrem eigenen Schreiben, aber auch dem von anderen. Denn Schreibwerkstätten – zuweilen Masterclass genannt, um wichtig, oder Atelier, um arty zu wirken – sind heute zum eigentlichen Broterwerb von Autor:innen geworden. Zweifellos weiss Carla, nachdem sie zwölf Jahre lang an der HEAD in Genf das kreative Schreiben gefördert hat, wie man angehende Poet:innen begleitet.
Aber mir sind schon unzählige andere begegnet, die sich, noch bevor sie auch nur eine Broschüre veröffentlicht haben, als «Literaturcoaches», als «Geburtshelfer für den Geist» oder als «Kreativitätsbooster» ausgeben – Kostenpunkt: 300 Franken pro Termin. Von «transformativem Schreiben» bis hin zur «existentiell-narrativen Therapie» ist alles Mögliche im Angebot. Und vielleicht hat die Influencerin Charlotte Ensaigne, die ihren Lehrerinnenjob Ende Februar hingeschmissen hat und nun in Vevey Schreibworkshops organisiert, in einer Instagram-Story am ehrlichsten umschrieben, worum es geht: «Es heisst zwar Schreibworkshop, weil darin geschrieben wird, aber Schreiben lernen tut man dabei nicht wirklich – im Grunde ist es ein Ort, an dem man in einem klaren Rahmen seine Meinungsfreiheit ausleben kann, und dann gibt’s einen grandiosen Apéro.»
In Immobilien investieren
Ein Geschäft, das auch Alice Bottarelli gerne betreibt, die ich ein paar Tische weiter treffe und die mir eine grosszügige Widmung in ihr Buch schreibt – mal eine Abwechslung zu den herzlichen Grüssen. Auf die Frage, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreite, antwortet sie mir: als Akrobatin. «Wie viele andere habe ich mehrere Hüte auf: Verlegerin, Moderatorin, Performerin, Workshopleiterin, Radiokolumnistin, Dramatikerin … Sich als Künstlerin halten zu können, ist eine tägliche Herausforderung, für die man vielfältige Kompetenzen und Aufträge jonglieren muss, um sich den Lebensunterhalt, gleichzeitig aber auch die Zeit für langfristige Projekte zu sichern.»
Eine prekäre Situation, die andere buchstäblich mit dem Hammer in der Hand zu bekämpfen versuchen. Ich denke an Antoine Rubin zurück, der mir diesen Sommer im Postauto zu einem Festival in den Bergen seine Arbeit als Trockenmaurer erklärte: Drei bis vier Baustellen und drei bis vier Monate pro Jahr setzt er irgendwo auf der Jurakette ein Puzzle aus Steinen zusammen. «Trockenmauern zu errichten ist einer der wenigen Jobs, die man noch by doing erlernen kann. Es ist körperlich anstrengend, lässt mir aber Zeit zum Schreiben.» Aus dem ständigen Zusammensetzen von Kalksteinblöcken heraus entstand schlussendlich Calcaires, das dieses Jahr mit einem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. In Immobilien zu investieren, zahlt sich eben aus, dachte ich mir, während das Posthorn seinen symphonischen Dreiklang erklingen liess, um der Alp die bevorstehende Ankunft der Schriftsteller anzukündigen. Die übrigens dort oben besser fürs Reden bezahlt werden als hier unten fürs Autogrammeschreiben.
Vielleicht muss ich mich in eine der besonders langen Signierschlangen einreihen, um endlich auf eine Autorin zu stossen, die ganz von dem lebt, was sie schreibt. Nach langen Minuten des ungeduldigen Anstehens dringe ich endlich zu unserem literarischen Exportschlager vor, übersetzt in 35 Sprachen, bekannt und beliebt bis in die Volksrepublik China. Elisa Shua Dusapin ist überall: auf den Bühnen der Literaturpreise, auf Theater- und Kinoplakaten, in Buchhandlungen auf der ganzen Welt. «Und doch verdiene ich in der Regel deutlich unter dem Schweizer Mindestlohn», flüstert sie, während sie den Stift über ihr Buch gleiten lässt: Für Thierry, in Freundschaft, Elisa. «Ich komme über die Runden, weil ich sehr bescheidene Ansprüche habe: Ich wohne in Porrentruy, eine Wohnung in Genf oder Lausanne könnte ich mir nie leisten.» Eine Woche später ist sie in Paris zu einem Abendessen im Élysée-Palast eingeladen, Präsident Macron kommt auch. Heben selbst solche prestigeträchtigen Einladungen ihren Verdienst nicht über den einer Kassiererin?
«Paradoxerweise sind die Dinge manchmal gerade an den renommiertesten Adressen am kompliziertesten», erklärt Dusapin: «Wenn ich um die Erstattung meiner Reisekosten bitte, wird mir zu verstehen gegeben, ich würde mich aufspielen – dabei beziehen alle, die links und rechts von mir sitzen, grosszügige Gehälter. Ich tue mich manchmal schon schwer damit, im Ausland als eine Art nationales Aushängeschild präsentiert zu werden, aber so wenig Gegenleistung zu bekommen.»
Dieses «so wenig» hat auch sie dazu gebracht, Schreibworkshops zu leiten, um für ihren Lebensunterhalt nicht auf ihre Tantiemen angewiesen zu sein. «Das war schon immer mein Sicherheitsnetz, denn ich möchte mein Schreiben keinen kommerziellen Zwängen unterwerfen. Ich hatte das Glück, zu Beginn meiner Karriere mehrere Stipendien und Preise zu erhalten, das hat mir ein Sicherheitspolster verschafft. Aber nichts und niemand kann mir garantieren, dass ich langfristig über die Runden komme. Im Vergleich dazu, was die überwiegende Mehrheit der Schriftstellerinnen und Schriftsteller erlebt, kann ich mich nicht beklagen, klar … Und doch bleibt es ein Flickenteppich aus kleinen Einnahmen da und dort.» In der Schlange hinter mir wird es unruhig; die Leute trippeln vor Ungeduld, endlich zum glorreichen Wunderkind der Westschweizer Literatur vorzudringen, also lasse ich sie zurück und gehe weiter.
Herr Doktor, eine Diagnose bitte!
Der Mittag rückt näher und mit ihm noch mehr Publikum. Bis Sonntagabend werden 40.000 Menschen diesen Jahrmarkt des Prekariats besucht haben, auf dem die Kassen trotz allem klingeln. Ein Widerspruch? «Das Vergütungssystem für Autor:innen muss komplett neu gedacht werden», ruft Matthieu Corpataux aus, den ich am Ende des Quais treffe. Auch er trägt viele weitere Hüte neben demjenigen, der stets seine hochgewachsene Erscheinung krönt: Er ist Lyriker, Akademiker, Verleger und, nicht zu vergessen, Festivalleiter. «All diese Tätigkeiten haben mich zu einer empirischen Erkenntnis geführt: Der Autor ist der grosse Verlierer in der Buchverwertungskette.» Um die Spielregeln zu ändern, hat er die Textures-Literaturtage in Freiburg gegründet, in deren Budget die angemessene Vergütung der Autor:innen Priorität geniesst. Und ausserdem die Agentur Mégafeux, die poetische Performances produziert und vermittelt, mit dem Ziel, das Schreiben zu entmystifizieren und szenische Darreichungsformen zu finanzieren.
Bringt man diesen Doktor der Literaturwissenschaft auf das Thema Vergütung zu sprechen, liefert er eine vernichtende Diagnose: «Das heutige Urheberrecht ist ungerecht und illusorisch! Was eigentlich das geistige Eigentum am Werk entschädigen soll, ist zu einer Form der Vergütung des Schaffensprozesses verkommen. … In Frankreich mag das in den 1960er Jahren funktioniert haben, als das Taschenbuch und das Verlagsmarketing aufkamen, aber das System hat sich überlebt. In der Schweiz war diese Rechnung von Anfang an eine Illusion. Man ging offensichtlich davon aus, dass das symbolische Kapital der Veröffentlichung ausreiche, um das fehlende ökonomische Kapital auszugleichen.» Manche Westschweizer Literaturveranstalter halten es nach wie vor für normal, Autor:innen einzuladen und sie mit nichts ausser Sichtbarkeit zu entlohnen (Zürich, Schluss mit dem Gekicher!). «Je näher man sich die Realitäten in der Deutschschweiz anschaut, desto absurder erscheint die Situation in der Romandie. Es ist Zeit, das Problem auf institutioneller Ebene anzugehen und eine echte Kultur der Autor:innenvergütung zu etablieren!»
Bis dieser glorreiche Tag kommt, werde ich noch ein paar Bücher signieren müssen. Das schaffe ich aber nicht, wenn ich herumtrödle. Also arbeite ich mich durch die 170 Prekären – abzüglich des Millionärs, der Influencerin, der Krimi- und einiger weniger Bestsellerautor:innen – zu meinem Holzklappstuhl zurück. Der Bücherberg ist nicht viel kleiner geworden, das Bier in der Kühlbox lauwarm, der Standnachbar vermutlich schwimmen gegangen. Aber ich weiss jetzt, womit ich mein Wochenende verbringe: viceversa wartet auf meine Reportage.