Frühlingserwachen im Westschweizer Verlagswesen
Neues von jenseits des Röstigrabens 1/3
Eine neue Verlegergeneration übernimmt das literarische Ruder der Romandie. Ein Aufschwung, dem unser Westschweizer Korrespondent – man hat ja schliesslich einen Ruf zu verteidigen – bei ein paar Gläschen Wein nachgegangen ist. Und, sind die Verlegergläschen nun halb voll oder halb leer? Erkundungen zwischen Vevey und Genf – via Graubünden.
Neulich, am Ende eines milden Winters, kämpfte etwas oberhalb von da, wo ich wohne, einer gegen seine Reben. Ein gelber Bagger und schlak. Ob er sie ausreisse? «Ich reisse sie aus.» Sein Wein tauge nichts schlak, sogar im Fondue schmecke man es schlak, und die Deutschschweizer wollten ihn nicht mehr. Trotzdem war sie ein Schock für mich, diese Art schlak, die Postkartenidylle zu entstellen, um den Boden auf die Erderwärmung vorzubereiten.
Während der Mann seine subventionierte Kultur kahlschlug, dachte ich an unser Feld, die Literatur, seinerseits überhitzt. Denn der Westhang der Schweiz, im Schatten von Paris und der Suisse alémanique gelegen, ist der Nährboden für ein literarisches Leben, das so reich ist wie unsere Verleger:innen arm. Ein paar ganz subjektiv gepflückte Eindrücke davon möchte ich in meinen saisonalen Reportagen mit Ihnen teilen.
Wenn das Westschweizer Verlagswesen ein Glas Wein wäre, wäre es dann halb leer oder halb voll? Kommt drauf an, worauf man blickt. Ich für meinen Teil schmecke vor allem einen sehr jungen, ungestümen Jahrgang. Eine alte Verlegergarde hat das Ruder abgegeben, wenn nicht gar, schlak, das Handtuch geworfen. Knorrige alte Stöcke sind neuen Trieben gewichen, die Kreativität sprudelt in Strömen, aber gleichzeitig droht Überproduktion, der Markt trocknet aus und die Buchhandlungen darben. Mit den Büchern ist es wie mit dem Landwein, sagte ich mir, immer noch diesen Arbeiter betrachtend, der im karierten Hemd seine Parzelle umgrub: Alle mögen die Idee, aber niemand kauft sie mehr. Wer sind also diese jungen Buchbauern und -bäuerinnen, die so tollkühn sind, davon leben zu wollen?
Mittendrin im hintersten Winkel
Sechs Stunden und vier Züge später hielt ich auf einem rätoromanischen Festival, das der Literatur der Romandie gewidmet war, ein Glas italienischen Sauvignon in der Hand. Nairs, ganz rechts auf der Karte, am anderen Ende des Landes – sicherlich nicht der ideale Ort, um meine Recherche zu beginnen … und doch genau das. Man hatte mich eingeladen, mein neuestes Buch zu performen, und so fand ich mich im prunkvollen Ambiente eines alten, halb im Schnee versunkenen Palastes im Unterengadiner Talgrund wieder – inmitten von Westschweizer Autorinnen und Verlegern. Schon verrückt, dass man sich an den äussersten Rand der Eidgenossenschaft begibt, um dann doch wieder auf dieselben Szenegesichter zu treffen.
Zwischen einem Freiburger Dozent für rätoromanische Literatur und einer Waadtländer Slam-Championne sitzend, traf ich dort Florence Schluchter-Robins wieder, die zurückhaltende Verlegerin von La Veilleuse [D: das Nachtlicht]. Ihr 2023 gemeinsam mit Arthur Billerey gegründeter Verlag mit Sitz in Lausanne hat sich mit sorgfältig editierten und begleiteten Romanen und Essays auf Anhieb einen festen Platz in den Medien und in den Regalen der Buchhandlungen gesichert. Schöne Bücher, mal was anderes! Man kann durchaus sagen, dass das Verschwinden einiger alter, symbolträchtiger Institutionen der Westschweizer Verlagslandschaft (L’Age d’Homme, schlak) das Feld geöffnet und Platz für eine neue Verleger:innengeneration geschaffen hat, die oft nach Frankreich hatte ausweichen müssen, um die Geheimnisse des Metiers zu erlernen. Nach Jahren, in denen der Markt mit entbehrlichen Büchern überschwemmt wurde, steht diese Generation auch für einen anderen Anspruch: weniger ist mehr. Vorbei die Zeiten der Verträge, die per Handschlag bei einem Glas Chasselas besiegelt wurden. Man lehnt mittelmässige Texte ab, investiert in die, die es verdienen, betreibt ein strategisches Fundraising, legt Wert auf die Covergestaltung. Kurz: Man macht seinen Job.
Doch die Konkurrenz ist gross auf diesem kleinen Stück Land, wo sich rund sechzig Verlage tummeln, darunter mehrere junge, dynamische. Ihr Enthusiasmus geht mit Unsicherheit einher. «Sicher, es ist schwierig», gesteht mir Florence mit einer Stimme, die im babylonischen Stimmengewirr des romanischen Banketts fast untergeht. «Nach drei Jahren sind wir gerade erst dabei, unser Gleichgewicht zu finden – mit etwa fünfzehn Veröffentlichungen pro Jahr. Aber das Ganze bleibt extrem fragil.» Zumal auf Seiten der Autor:innen die Erwartungen hoch, zuweilen überzogen sind. Nach einem Januar ohne Neuerscheinung rumorte es schon vernehmlich: Brennt das Nachtlicht noch? Florence sah sich veranlasst, in ihren sozialen Netzwerken eine Klarstellung zu veröffentlichen. «Wir stehen unter erheblichem Druck, sind aber ein sehr kleines Team: anderthalb Festangestellte und ein anspruchsvolles Pensum, die wir in einem teilweise ehrenamtlichen Rahmen leisten, um die Buchschaffenden, mit denen wir zusammenarbeiten, angemessen entlohnen zu können. La Veilleuse ist trotz seiner beachtlichen Ausstrahlung nach wie vor ein kleiner Independent-Verlag, der mit Leidenschaft und beschränkten Mitteln dafür kämpft, ein inklusives und solidarisches literarisches Ökosystem zu entwickeln.»
Ehrenwerte Ideale, in deren Namen auch gestritten wird, wenn nötig auf dem Rechtsweg. Professionalisierung ist nicht ohne Spannungen, Wutausbrüche und Türknallen zu haben. Bei Paulette Editrice, das 2021 sein Coming-out als Plattform für LGBTQIA+-Stimmen feierte, nahm Co-Leiterin Noémie Schaub vergangenes Jahr den Hut. Und La Veilleuse und Mitgründer Arthur Billerey haben im Herbst, so die offizielle Formulierung, «ihre Zusammenarbeit beendet». Wobei letzterer den Lyrikkatalog des Hauses mitnahm, um damit ausgerüstet die Leitung eines geschichtsträchtigen Verlags namens Bernard Campiche Editeur zu übernehmen.
Unter diesen leicht angeheiterten Gens de lettres im rätischen Hinterland sitzend, dachte ich an Bernard zurück, den alten Lautsprecher. Er hatte sich ins Verlegerabenteuer gestürzt, als durch das Ende der Editions Bertil Galland eine Lücke aufgegangen war. Galland habe ihn gewarnt, erzählte mir der Wagemutige vor zehn Jahren: «‹Du wirst auf die Nase fallen›, sagte Bertil. ‹Du wirst dein Geld und deine Freunde verlieren.› Was die Freunde angeht, lag er falsch. Was das Geld betrifft, hatte er recht. Aber ich bereue es nicht, nicht auf ihn gehört zu haben.» In der Zwischenzeit hat Bernard einen schweren gesundheitlichen Rückschlag erlitten und ich habe ihn seit damals nicht mehr getroffen. Schlak? Campiche ist ein Arbeitstier und eine Saftwurzel. Ich war noch nicht geboren, als er den Verlag gründete, der seinen Namen trägt, und seither hat er als Ein-Mann-Unternehmen mehr als 500 Titel herausgebracht, darunter Grand Crus wie Jacques Chessex und Anne Cuneo. Respekt. Es ist nicht einfach, das Ruder abzugeben, wenn man es so geführt hat. Ich verlasse das babylonische Utopia von Nairs und beschliesse, ihn zu besuchen, am Salon du Livre in Genf, wo ich sicher bin, auf seinen schlaksigen Körper und sein jungenhaftes Lachen zu treffen.
Der alte Mann und die Messe
Sechs Stunden, vier Züge, Endstation diesmal links unten auf der Karte. Stellen Sie sich eine Halle mit dem Charme eines Flughafenterminals vor, in der sich ein Labyrinth aus verbissenen Verlegern und opportunistischen Ausstellern ausgebreitet hat. Die Besucher:innen, die nicht für eine Unterschrift dieser oder jener Päpstin des industriell produzierten Massenromans Schlange stehen, irren ziellos durch die Gänge; einige von ihnen lassen sich zu einem flüchtigen Blick auf das Chalet herab, das als Bühne für die lokalen Schreiberlinge fungiert. Auch ich trat dort auf, sass wie meine Kolleg:innen auf einem Schafsfell in einer Billig-Kulisse mit künstlichem Kamin, einer Lawine aus Pappmaché und echten Skiern, die einer falschen Holzwand lehnten. Als wäre unsere Literatur nicht mehr als eine Schneekugel, die man zur Unterhaltung der Passant:innen kurz aufschüttelt. Aber lassen wir das.
Jedes Jahr frage ich mich, was diese Horden von Literatouristen – vor zehn Jahren bis zu 100’000, heute noch die Hälfte – dazu treibt, sich durch diese gigantischen Fertigbau-Buchhandlung zu schieben, zwischen Büchern, aufgehäuft wie Fische auf dem Markt. Und doch komme ich jedes Jahr wieder, vielleicht um mich zu beruhigen: Es gibt in der Westschweiz doch immerhin ein paar mehr Menschen, die lesen, als solche, die schreiben… Wie es dem Markt geht, lässt sich am besten im Gesicht eines seit vier Tagen hier eingesperrten Verlegers ablesen – zwischen den Fältchen der Sorge auf seiner Stirn und denen seines zur Maske erstarrten Business-Lächelns um die Mundwinkel. «Wir halten uns irgendwie», flüstert mir einer zu, was man als ins Positive gedrehte Verzweiflung verstehen muss. «Ganz gut, wir sind noch immer nicht bankrott, also machen wir weiter», lächelt ein paar Stände weiter Alexandre Grandjean, der sich anschickt, die alleinige Leitung von Hélice Hélas zu übernehmen. «So etwas habe ich seit meinen Anfängen noch nie erlebt, die Verkäufe in Frankreich sind richtiggehend eingebrochen, es ist die Hölle», seufzt eine andere, die stark auf den grossen Nachbarn ausgerichtet ist. Zusammengefasst: das übliche Elend. Also treffen sich alle zum Apéro bei den Editions Zoé (die gerade ihr 50-Jähriges gefeiert und mit der Ernennung von Yannick Stiassny zum Co-Verlagsleiter einen Übergang angestossen haben), um den Gamay-Garanoir des Schriftsteller-Winzers Blaise Hofmann aus halbvollen Plastikgläsern zu geniessen, und alles ist gut.
Ich gehe ein paar Meter Spannteppich weiter, zum Stand D46, und da ist er, wie er schon immer da war: Bernard Campiche. Hinter ihm die Porträts der Hausautoren, wie ein Familienalbum, in das sich neue, weniger ergraute Köpfe einschleichen. Er wird niemals genug Bücher verkaufen, um seine Kosten zu decken, aber was macht das schon? Er kennt es nicht anders, dieses Urgestein des Verlagswesens, nach 40 Jahren im Geschäft und ebenso vielen Buchmessen. Ob er die Nase voll habe? Er lacht aus voller Kehle. «Überhaupt nicht! Aber ich spüre, dass man heute anders verlegen müsste, und dafür fehlt mir die Energie. Es ist Zeit aufzuhören. Ich habe mit dem Klavierspielen angefangen, und vor allem freue ich mich darauf, mal etwas anderes als Manuskripte zu lesen», sagt er mir mit seiner immer noch donnernden Stimme, in der aber eine Erschöpfung mitschwingt, die die Erleichterung darüber erahnen lässt, einen Nachfolger gefunden zu haben. «Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich auf ihn gestossen bin. Er ist ein Juwel, beibringen kann ich ihm nichts mehr. Ich stelle ihn als Geschäftsführer ein, bis Dezember arbeiten wir zusammen, und dann kann er machen, was er will!»
Munteres Stühlerücken
«Er» ist Arthur Billerey, der Mitbegründer von La Veilleuse – können Sie mir noch folgen? In einer so kleinen Szene trifft man immer wieder auf dieselben Leute; manche ziehen von einem Verlag zum nächsten, andere arbeiten unter Pseudonym an mehreren Orten. Unter den jungen Westschweizer Verleger:innen ragt niemand heraus, und alle haben mehrere Hüte auf. Arthur, für seinen Teil, ist ebenso sehr Lyriker, wie er Verleger ist. Ich treffe ihn am nächsten Morgen in Vevey auf der Terrasse des Café littéraire – das seinem Namen zwar keine Ehre macht, das ich den Neonleuchten des Salon du Livre aber trotzdem jederzeit vorziehen würde. Etwas weiter am Quai entlang liegt das Hinterzimmer einer Buchhandlung, in das er die Geschäftsstelle der Editions Campiche verlegen will. «Mein Hauptziel ist es, den Verlag am Leben zu erhalten und dabei den betont literarischen Kurs fortzusetzen, den Bernard seit seinen Anfängen vertreten hat», versichert der Dreissigjährige, die Lippen am Kaffee, der Blick auf dem See. Es ist übrigens ein teurer Kaffee. Vom Verlagswesen leben? «Ich glaube, das kriege ich hin, das Potenzial ist da – aber frag mich in fünf Jahren nochmal! Im Moment stürze ich mich mit voller Kraft in die Übernahme und gebe alles, ohne mir zu viele Gedanken zu machen.» Den Namen Campiche durch seinen eigenen zu ersetzen, hat er in Betracht gezogen, sich dann aber dagegen entschieden, um den guten Ruf seines Vorgängers mitzunehmen. «Bernard hat mir völlige Freiheit gelassen, aber ich konnte mir nur schwer vorstellen, in einem Umfeld bei null anzufangen, in dem es immer mehr und immer bessere junge Verlage gibt.»
Welche denn? Arthur nennt die Editions de l’Aire, deren Sitz wenige Strassen entfernt liegt und bei denen er zu Beginn seiner Karriere gearbeitet hat, bevor er sich – wie (fast alle) – mit dem mittlerweile verstorbenen Patron zerstritt, der wartete, bis er unter der Erde lag, bevor er auch nur daran dachte, die Übergabe seines Unternehmens in Betracht zu ziehen. Drei Pedalumdrehungen, und ich erreiche den seinerseits geschichtsträchtigen Verlag, der seit einem Jahr vom jungen Duo Nathan Maggetti und Lucie Tardin geführt wird. Tardin arbeitet zur Hälfte auch für La Veilleuse (klein, diese Welt, hatte ich das erwähnt?), und so empfängt mich Maggetti allein in diesem Büro, dessen abgelebte Wände von vergangenen Heldentaten erzählen, von Leidenschaft und Staub. Erben als Hochamt. Hinter dem Fenster türmen sich Gerüste, davor scheinen 60.000 Bücher die Decke zu stützen. «Nur der Gründer, Michel Moret, wusste, wie sie sortiert waren… Wir mussten den kompletten Bestand neu ordnen und vor allem digitalisieren», erklärt Nathan, der – an diesem Vormittag unterstützt von zwei Praktikanten – noch immer damit beschäftigt ist, einen Schlussstrich unter eine Ära zu ziehen, in der das Verlagswesen ein eigensinniges Handwerk war, ein Untergehen in einer Flut von neuen Texten. Fünfzig Bücher pro Jahr veröffentlichte L’Aire unter Moret, Nathan will auf etwa zehn, dafür sorgfältig lektorierte und betreute reduzieren. «Unter Inkaufnahme durchaus beträchtlicher Kompromisse, insbesondere bei den Gehältern, sehen wir eine Perspektive, den Laden mittelfristig am Laufen zu halten», sagt er mit dem Optimismus eines Winzers im Hagelsturm.
Auf einem grossen Regal hinter ihm stapeln sich die rund 1000 Manuskripte, die seit 2025 eingegangen sind: Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Gedichte. Der Wunsch zu schreiben – ein unerschöpflicher Saft in brüchigem Holz. Für meine nächste Reportage nehme ich mir vor, dessen Quelle auf den Grund zu gehen und diejenigen zu befragen, die schreiben und davon leben wollen.
Die verlegerischen Grossbaustellen hinter mir lassend, kehre ich durch die Weinberge nach Hause zurück. Der Frühling hat etwas von einem Aufstand. Der Mann im karierten Hemd ist weg, seine Rebstöcke auch. Schlak. Vielleicht wachsen auf dem kahlen Boden schon bald die Olivenbäume.