Booklove pur (Unterwegs in der Deutschschweiz 2/3)
Fandom in der Literatur: Ein Besuch an der Topshelf Night, dem grössten Booktok-Festival der Schweiz.
Innert Kürze hat mich der Account von Meggy Maahs verschluckt: Allein auf TikTok folgen der Booktokerin 108’400 Personen. Das von ihr kreierte Universum leuchtet auf meinem Handybildschirm in Variationen von Pink, und Maahs mit ihrem föhnfrisierten Haar schwatzt zu mir wie mit einer Freundin. Auf ihrem Kanal empfiehlt und bespricht die Influencerin Bücher, führt Ranglisten und Hot Takes auf, stellt Szenen aus Romanen nach. Und das alles mit ausdrucksvoller Mimik und einer Begeisterung, die ansteckt. Zwischendurch teilt sie Persönliches, etwa im Post «Ich glaube, ich bekomme heute einen Antrag». Beinah verpasse ich den Halt in Lenzburg.
Auf dem dortigen Schloss findet diesen Juli zum dritten Mal die Topshelf-Night statt. Mit mir im Bus vor allem junge Frauen Anfang bis Mitte zwanzig, viele tragen bedruckte Jutebeutel mit Buchhandelsketten-Logos drauf, oder einem Spruch über die Liebe zum Buch. Ich muss an die «Swifties» denken. Das Topshelf ist das einzige Festival in der Schweiz, das sich auf Genres wie New Adult, Romantasy und Romance fokussiert. Wer es besucht, gehört zu einer Community, die vorwiegend auf Plattformen wie Instagram, Tiktok und Youtube unterwegs und sehr aktiv ist – sich aber selten in echt trifft. Bookfluencerin Meggy Maahs ist auch da.
Mir ist diese Welt bisher nur am Rande begegnet, als handle es sich um eine Nische des Literaturbetriebs – was natürlich fundamental falsch ist: New Adult ist heute der eigentliche Umsatzmotor der Branche. Zwischen 2020 und 2023 haben sich die Verkaufszahlen dieser Titel mehr als verdoppelt, die sich in erster Linie an Leser:innen zwischen 18 und 30 Jahren richten, aber inzwischen ein deutlich breiteres Publikum erreichen.
Nur: Im Kulturteil der Zeitungen, die ich lese, kommen diese Bücher nicht vor, und in den (unabhängigen) Buchhandlungen, die ich besuche, stehen sie nicht in den Regalen. Was ich weiss, speist sich aus flüchtigen Eindrücken und Vorurteilen: pastellfarbene Cover, aufwendig gestaltete Farbschnitte und romantische Liebesgeschichten, für die Besucherinnen auf den Buchmessen lange Schlangen bilden, um ein Autogramm der Popstar-Autorin zu ergattern. Eine Parallelwelt, losgelöst von meiner eigenen, obschon wir das gleiche Hobby teilen: das Lesen.
«Du verliebst dich in eine Welt»
An den Bäumen im Innenhof des jahrhundertealten Anwesens baumeln Bücher, auf den grossen Holztischen kleben aus Buchseiten gefaltete Origamifiguren, auf der Wiese im Schlossgarten sind Decken und Kissen fürs zurückgezogene Lesen ausgebreitet. Die digitalen Räume dieser Community sind global und anonym, hier werden sie in eine fast schon überemphatische gemütliche Unmittelbarkeit überführt. «Castle Magic» und «Booklove pur» beschreibt das Festival dieses Ambiente im Programmheft. Zwei Besucherinnen posieren vor dem Schlossturm für Selfies. Mit ihren langen weissen Kleidern und Haarbändern sehen sie aus, als seien sie einem Historienfilm entsprungen. Mittelalter-Core? Definitiv.
Ich spreche die beiden an. Kurz darauf sitzen wir an einem Holztisch neben dem Barockgarten. Nur Lara möchte erzählen, sie hat einen Haarkranz und besucht das Festival mit ihrem siebenköpfigen Fantasy-Buchclub. Die Runde treffe sich einmal im Monat in einem Park in Aarau, gerade lese man One Dark Window von Rachel Gillig.
Die 27-Jährige ist auch auf TikTok, wo sie sich informiert über das Gelesene, Buchtipps erhält und sich mit anderen austauscht. «Du verliebst dich in eine fiktive Welt und in Charaktere und möchtest deswegen online mehr davon hören.» Und fährt fort: «Wenn du einer Person schon folgst, dann nimmst du eher Lesetipps an. Da geht es um Vertrauen.»
Zu uns an den Tisch setzt sich Julia, sie besucht das Festival alleine und zum ersten Mal.
Die 31-Jährige erzählt, sie habe als Kind viel gelesen, aber in der Schule die Freude daran verloren, zu verkopft seien ihr die Bücher gewesen. «An einem Flughafen ein paar Jahre später habe ich zufällig ein Buch aufgegriffen, einen Fantasy-Roman, und dieser brachte mich wieder zum Lesen.» Später seien Bücher-Kanäle auf Youtube ihre Verbindung in diese Welt geworden: «Im echten Leben hatte ich keine Kontakte, die lesen.»
Für die meisten die «Gateway-Drug», die Einstiegsdroge, erzählt mir Lara, sei ACOTAR, kurz für A Court of Thorns and Roses (dt. Das Reich der Sieben Höfe) von Sarah J. Maas. Die Romantasy-Serie erzählt, grob umrissen, von der jungen Jägerin Feyre, die in ein Feenreich entführt wird und sich dort in einen Hochlord verliebt. ACOTAR ist einer der grossen Tiktok-Erfolge der letzten Jahre, weltweit hat Sarah J. Maas mittlerweile über 75 Millionen Bücher verkauft. «Das hat ein riesen Fandom, riesig.» sagt Lara euphorisch. «Wenn du hier rumfragst, hast du Acotar gelesen, dann sagen dir neun von zehn Leuten: geil». Julia widerspricht: «Ich habe es nicht gelesen, bei Hypes dieser Grösse bin ich skeptisch.»– «Aber Fourth Wing?» – «Ja, klar.»
«Es ist Eskapismus»
Allein der erste Band von Rebecca Yarros’ Bestseller Fourth Wing wurde in der ersten Woche nach Erscheinungstermin 2,7 Millionen Mal verkauft, die gesamte Reihe bereits mehr als 12 Millionen Mal.
Die grossen deutschsprachigen Verlage sind längst aufgesprungen: Ullstein baut sein 2014 gegründetes Romance-Imprint Forever kontinuierlich aus, Rowohlt setzt seit 2018 mit KYSS auf das Genre. In der Schweiz lancierte Zytglogge mit der Reihe Castletown College 2025 eine eigene New-Adult-Sparte.
Selbst bei Literaturfestivals hält New Adult inzwischen Einzug. Nebst der Topshelf Night, die sich vollumfänglich New Adult verschreibt und auf eine Initiative des Aargauer Literaturhauses zurückgeht, plant nun auch die BuchBasel eine eigene New-Adult-Sparte («Yours truly»). Und zum Thema wird auch geforscht, etwa von Prof. Christine Lötscher an der Universität Zürich, die sich insbesondere für die Lese- und Fankultur interessiert.
Dass New Adult und Romance deshalb so richtig ernst genommen würden, lässt sich daraus eher nicht folgern. Denis Scheck, der vielleicht prominenteste Literaturkritiker Deutschlands, bezeichnete Fourth Wing als «Hirnpest in Buchform». Darauf angesprochen meint Julia: «Ich fühle mich oft judged, vom Literaturbetrieb, der die Sparte in qualitativer Hinsicht abwertet, aber auch von Männern, die sie als Frauenliteratur abtun.» Für sie brauchen «wichtige Messages» nicht immer komplizierte Satzformen, man könne diese auch in einem «zugänglich geschriebenen Buch» überbringen. Etwas anders Lara: «Romance zu lesen ist Eskapismus. Ich möchte dort abschalten von der realen Welt.» Ich denke an die Harry-Potter-Bücher, die ich als Jugendliche immer gleich auf der Stelle verschlang. Mich wie damals in einer Geschichte zu verlieren, diesem Gefühl laufe ich eigentlich heute noch hinterher.
Empowerndes patriarchales Begehren?
Romantasy will aber mehr, insbesondere auch «empowern». Der Begriff wird an diesem Festival sehr, sehr häufig fallen. Empowernd seien zum einen die Geschichten, die erzählt werden, etwa wenn weibliche Figuren mit Superkräften sich gutaussehende Typen (oder übernatürliche Wesen) angeln, sie somit Stärke, Macht und Lust für sich selbst beanspruchen. Oder wenn sie sich von diesen Typen lossagen: «Bei ACOTAR geht’s unter anderem um häusliche Gewalt. Auf Bookstagram habe ich viele Geschichten von Frauen gehört, die das Buch ermutigt hat, ihren Mann zu verlassen», erzählt Lara. Empowernd sei auch der gemeinsame Austausch, das Fandom.
«Verhebt» diese Erzählung? Romance-Romane sind nach wiederkehrenden Mustern, sogenannten «Tropes», gebaut. Das sind romantische oder erotische Fantasien, oftmals stereotyp und heteronormativ, die auf eine Formel heruntergebrochen die Handlung vorhersehbar machen und rege für die Vermarktung der Bücher eingesetzt werden. Grosser Beliebtheit etwa erfreut sich die «Friends to Lover» –Trope, auch prominent zum Einsatz kommt die «Forced Proximity», – sie etwa trifft ein, wenn zwei Figuren im Lift stecken bleiben. Was sich als Kontinuität im Trope-Gefilde aber festhalten lässt: Der starke, mächtige, sportliche, reiche, gutaussehende Mann wartet immer gleich um die Ecke. Wie sie mit dieser unermüdlichen Reproduktion von patriarchal geprägtem Begehren umgehen, das man in vielen der New-Adult-Romane antrifft, frage ich Julia und Lara. Wie sie das aushalten würden, die ständigen Boss-to-Lover-Rettungsfantasien, die «Not like other girls»-Heldinnen, die «typisch Weibliches» abwerten oder die Situationen, in denen mal wieder nonchalant übergriffiges Verhalten als Beschützerinstinkt romantisiert wird. Ich trete offene Türen ein. «Ich bin sehr feministisch und habe trotzdem Fantasien, zum Beispiel dominiert zu werden», sagt Julia. Vor allem aber gehe es ihr beim Lesen darum, Verantwortung abgeben zu können. Davon trage sie, gerade als Frau, ausserhalb der Lektüre bereits genug.
Auf Booktok gibt es haufenweise Content über «Bookboyfriends», beliebte männliche Romanfiguren, und was die so alles in der fiktiven Welt sagen dürfen. Zum Beispiel: «Du gehörst mir», eine Aussage, die zwischen den Buchdeckeln zur romantischen Geste verklärt wird. Treffen Männer im echten Leben ähnliche Aussagen, sagt Julia, wird sie wütend und wehrt sich. «Die meisten Leser:innen wissen, dass das kein wünschenswertes Männlichkeitsbild ist, das sie da vorfinden.»
Auch Lara hält die Welten von Literatur und Leben mühelos auseinander: «Die Kritik muss in der fiktiven Welt nicht stattfinden – das ist etwas, womit wir uns im Buchclub viel auseinandersetzen. Im Buch kannst du es geniessen.» Ich suche in der Literatur die Reibung mit der Welt, die Nähe zu ihr, eine solche Trennung halte ich selten aus.
Schliesslich aber ist es der Austausch innerhalb der Community, der einen wesentlichen Aspekt dieser Lesekultur ausmacht: Online wird diskutiert, reflektiert, eingeordnet, werden Widersprüche benannt, Grenzüberschreitungen thematisiert. Und Julia schiebt nach: «Viele der Male Main Characters unterscheiden sich drastisch von vergleichbaren Männern in der Realität, sie sind in den Büchern kompetent und eigenständig, brauchen keine Frau, die den Haushalt schmeisst, sie an Dinge erinnert oder bemuttert.» Und ich frage mich, ob ich einen solchen «MMC» nicht auch einmal ausprobieren sollte.
Ich bin froh, schliesst sich mir Julia noch eine Weile an, um weitere Veranstaltungen zu besuchen – quasi als Vermittlerin. Smut sei Englisch für «Schmutz», in der Romance-Community ein Begriff, um über die Anteile und Explizitheit der Sexszenen in einem Buch zu sprechen. Weitere Begriffe, über die mich Julia aufklärt: SuB für den «Stapel ungelesener Bücher», ein nicht fertig gelesenes Buch ist ein «DNF» und steht für «Did not finish» und eines, das auf ein besonders anspruchsvolles folgt, nennt man «Palate Cleanser». Sind diese Wörter nicht bereits erfunden worden, oder warum spricht hier niemand von Kinks, von Fetisch, von Leselisten? Ich behalte die Frage für mich, ich weiss ja auch um Bedeutung von Sprache, von Slang, wenn es um Gruppenzugehörigkeiten geht.
Wo bleiben KI und Big Tech?
Was am Festival aber kein Bedürfnis zu sein scheint, ist die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Branche und den Inhalten. Allein die Tatsache, dass sich die Community in Räumen wie TikTok oder Instagram trifft und somit den Algorithmen der Tech-Giganten ausgesetzt ist, hätte für meinen Geschmack mal erwähnt werden dürfen. Auch KI war mit keinem Wort Thema. Dies in einem Buchsegment, das einen beispiellosen Output hat – und wo bereits heute ein beträchtlicher Teil mutmasslich mit Hilfe von KI generiert wird. Da aktuell noch keine Nachweispflicht für solche Inhalte besteht, fehlen genaue Zahlen. Es ist aber naheliegend, dass KI besonders dort zum Einsatz kommt, wo Geschichten auf die Erwartungen und Vorlieben der Leser:innen zugeschnitten werden, wie das bei New Adult und Romance nicht selten der Fall ist. «Was das Leser:innenherz will», heisst es im Programmheft denn auch stimmigerweise,
Viel lieber widmet man sich am Festival dem Lesen selbst: In den Bühnentalks werden Lesegewohnheiten so ausführlich besprochen wie die jeweiligen Plots. Knickt man Eselsohren? Kindle ja oder nein? Wie viele Bücher schafft man in einem Monat, wie gross ist der «SuB»? Dieser Fokus aufs Lesen als Praxis, auf die Bücher als (Sammel-)Objekte, das zeichnet die Szene vielleicht aus.
Eine kritische Note ist dann doch noch zu hören. Am letzten Podium über Reichweite der Plattformen und Abhängigkeit vom Buchmarkt, sprechen drei Autorinnen über die Bedingungen ihrer Arbeit, den hohen Druck, die Erwartungen der Verlage, die New Adult vielfach auch als Massenware herausgeben. Meggy Maahs auf dem Podium sagt an einer Stelle: «Ich wäre froh, wenn ich nicht drei Bücher pro Jahr schreiben müsste.» Julia neben mir sieht hier auch aus Leser:innensicht ein Problem: «Der Markt wird gegenwärtig überflutet mit Pseudo-Autoren, die mit KI Bücher generieren, um vom aktuellen Hype finanziell zu profitieren.» Aber auch ohne KI sei der Output sehr hoch und die Qualität leide. Man wünsche sich geradezu, dass der Hype wieder abflache – und man sich auf wenige, dafür gute Titel konzentriere.
Beim Abstieg von der Burg durch dunkles, etwas beängstigendes Dickicht denke ich an die gemütliche Stimmung im Rittersaal, an die Wohlfühloase da oben, in der sich Besucher:innen auf Matratzen und Decken ausgebreitet haben und dem spätabendlichen Podium lauschen wie einem Hörspiel. Die Leser:innen sind wahrscheinlich der beste Teil dieser Welt, die mir vor kurzem noch so fremd war.