Artikel auch auf: Französisch Italienisch

Das erste halbe Buch (Neues aus der Sonnenstube 2/3)

Wie packt man ein erstes Schreibprojekt an? Welche Möglichkeiten bietet die Literaturwelt Einsteiger:innen? Meine zweite Reportage führt uns vom  nach Lugano, vom Premio Chrysalide zu Scrivere Ancora, und lässt Schreibende zu Wort kommen, die … gerade das erste halbe Buch geschafft haben.

Für meine zweite Reportage aus der italienischen Schweiz habe ich beschlossen, mich mit Schreibenden zu treffen, die noch ganz am Anfang sind. Die also an ihrem ersten Buch sitzen, egal, ob Roman, autofiktionaler Text oder literarische Reportage. Mich fasziniert dieser Moment, in dem noch alles geschehen kann, nichts endgültig, alles noch neu ist. In dem man es selbst kaum glauben kann, dass man gerade ein Buch schreibt … Ich zum Beispiel getraute mich beim ersten Mal nicht, es Buch zu nennen. Kam mir wichtigtuerisch vor, dachte: Für wen hältst du dich eigentlich? Der Ordner in meinem Computer hiess scritti, «Texte», und als ich dann einen Verlag gefunden hatte, benannte ich ihn in librus um, das klang nach einem netten Familienfreund, den man jederzeit ein bisschen auf die Schippe nehmen darf.

Beim zweiten Mal war alles schon viel selbstverständlicher, das Eis war gebrochen.

Die ersten drei Schreibenden, die mir von ihren Erfahrungen erzählen, sind die drei Preisträger:innen des Premio Chrysalide (der früher von der Studer/Ganz Stiftung verliehen wurde, während ihn heute die Sophie und Karl Binding Stiftung finanziert). Die Auszeichnung wird in den drei grossen Landessprachen vergeben, Ziel ist die Förderung des schweizerischen literarischen Nachwuchses. In der italienischen Schweiz funktioniert der Preis so, dass alle vier Jahre drei bis fünf Autor:innen ausgewählt und im Rahmen von zwei Textwerkstätten beim Schreiben ihres ersten Buchs begleitet werden. Die Werkstätten finden in Olivone statt, in einem inspirierenden Haus, dazu kommt eine öffentliche Veranstaltung in der Casa della Letteratura in Lugano.

Dieses Jahr wurden Daniela Almansi, Giacomo Matteucci und Jacqueline Haener ausgezeichnet. Lustigerweise quasi Drillinge, die drei sind gleich alt: plusminus achtundvierzig. Darf das an die Öffentlichkeit? Klar darf es das, sie sind sogar ziemlich stolz darauf: «In diesem Alter sollte man anfangen! Nicht mit dem Schreiben, sondern damit, die Texte anderen zum Lesen zu geben. Man kennt sich selbst besser, hat nicht mehr so schrecklich Angst wie in den Zwanzigern oder Dreissigern … Man wagt den Sprung», sagt Daniela stellvertretend. Auf der Geschäftsstelle des Preises bestätigt man mir: Die meisten Eingaben stammen von Schreibenden über vierzig.

Die erste Werkstatt in Olivone findet im Winter statt, Schnee fällt. Rund um die Casa Lucomagno ist alles weiss. Die drei Schreibenden treffen sich mit Vincenzo Todisco, der die Werkstatt zusammen mit seiner Schriftstellerkollegin Raffaella Romagnolo verantwortet. Olivone ist nicht weit von mir zu Hause, also lade ich sie nach den beiden ersten Werkstatttagen auf einen Apéro ein. Man muss sich doch verbünden, austauschen. Ich will ihnen zuhören.

Auch Vincenzo Todisco ist mit von der Partie. Er bezeichnet sich als «klassischen Schriftsteller», und danach gefragt, woran er gerade schreibe, antwortet er: «An einem weiteren traditionell angelegten Roman.»

Ich möchte von ihm auch wissen, worin er seine Rolle sieht und wie man anderen das Schreiben beibringt. Eigentlich dachte ich immer, dass man nur lehren kann, die Augen offenzuhalten, zu lesen, zuzuhören. Aber er sagt: «Schreiben ist ein Handwerk. An eigenen und fremden Texten zu arbeiten ist extrem lehrreich. Wir lesen uns gegenseitig vor, diskutieren Möglichkeiten, reden über das Tempus, den Ich-Erzähler, probieren andere Perspektiven aus. Wir sprechen aber auch über Verlage, die Frage, wie es danach mit einem Text weitergeht.» Vincenzo publiziert übrigens in der Schweiz, während Raffaella Romagnolo immer mit italienischen Verlagen zusammenarbeitet. 

Die nächste italienischsprachige Chrysalide-Ausschreibung folgt im Januar 2027: Alternierend zum Werkstattformat wird alle vier Jahre ein einziger Text ausgezeichnet, der bei Gabriele Capelli Editore erscheint. Alle drei Nachwuchsschreibenden wollen ihr Projekt einreichen. «Wir haben ein Ziel», erklären sie, und es klingt aufregend.

Nach der ersten Werkstatt findet eine Publikumsveranstaltung in der Casa della Letteratura statt. Die drei stellen sich vor, über die Handlung ihrer Bücher erfährt man nur Vages. Sie sprechen vor allem darüber, wie man sich fühlt und wie man vorgeht, wenn man … das erste halbe Buch geschafft hat. Zusammenfassend gesagt habe es die Wucht und Faszination eines Erdbebens. Anfangs schreibe man drauflos, dann fügen sich die Worte nach und nach zu einer Form. Finden ihren Platz, ihren Sinn, ihren Weg. Man erschafft eine Architektur, auf einen Schlag oder allmählich oder beides zugleich. Es gibt auch persönliche Besonderheiten, Giacomo Matteucci beispielsweise erzählt, dass er schon vor einem Jahrzehnt ein erstes Buch geschrieben hat. Er lebte damals in der Toskana, und eines Tages wurde ihm am Bahnhof Pisa der Computer gestohlen, und damit war das Manuskript für immer weg.

«In den drei ausgewählten Manuskripten», so Todisco, «spürte man eine Dringlichkeit, sie hatten etwas zu erzählen. Die Strukturen waren schon solid und boten grosses Entwicklungspotenzial.» Alle drei Romane haben eine autobiografische Komponente, unterschiedlich ausgeprägt, unterschiedlich offen kommuniziert. Giacomos Buch ist ein Bildungsroman und erzählt die Suche eines jungen Mannes nach seinem Platz auf der Welt, unter Prüfungen, Fehlern, Scheitern und dem Wunsch nach Ehrenrettung. Giacomo lebt seit vielen Jahren im Tessin (er liebt Bellinzona, die Seen, die Filanda in Mendrisio) und ist von Beruf Informatiker. Jeden Morgen steht er um sechs auf und schreibt eine Stunde, bevor er zur Arbeit geht.

Jacqueline Haener hingegen erzählt, für sie als Selbständigerwerbende – sie ist Grafikerin und Fotografin – sei es schwieriger, Zeit zum Schreiben zu finden. Den Tag über hat sie oft keine Zeit, und abends ist sie zu müde, um noch über Wörter und Ideen nachzudenken. Es gibt aber Phasen, in denen sie einfach schreiben muss, Müdigkeit hin oder her. In den letzten drei Jahren gab es so viele Momente, in denen Wörter herausdrängten, dass es nicht anders ging. Ich habe einige Texte von ihr gelesen und fand sie grossartig. Sie enthalten Dialoge und Monologe und erzählte Passagen; ihre Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen, ist umwerfend, ein Geheimnis liegt in der Luft, gleichzeitig hat man das Gefühl, alles zu erahnen, alles klingt richtig und wahr und vertraut. Sie schreibt einen Roman, in den sich auch reale Dinge einschleichen, eine Katze, ein Trauerfall, verrückte Menschen.

Daniela näht Stücke zusammen, ihr Werk ist eine Art Patchwork oder Mosaik oder Legohaus. Sie ist übrigens auch Übersetzerin, spezialisiert auf Nonsens, auf Texte, in denen Rhythmus und Assonanzen wichtiger sind als die Bedeutung. Nonsens sei wie Lego spielen, hat sie einmal gesagt, aber mit Wörtern. Bei ihr dreht sich gegenwärtig alles um Häuser, verlorene Häuser, wiedergefundene Häuser. Die Häuser ihrer Kindheit (unzählige Umzüge!), Häuser, die sie in sich geschaffen hat, in denen sie nie oder nie mehr leben wird oder in denen sie sich nach dem Gutenachtsagen mit ihrem Liebsten treffen möchte. 

Sie könne sich nicht jeden Tag eine Stunde dem Schreiben widmen, erzählt sie, eher nehme sie sich einen Tag pro Woche. Sie brauche Zeit, um den Schreibtisch aufzuräumen, den Ton des Buchs zu vergessen, das sie gerade übersetzt, anstelle der fremden Geschichten wieder die eigenen in die Hand zu nehmen, Kaffee zu kochen, erst dann könne sie anfangen.

Da ist noch eine weitere Schriftstellerin, die das erste halbe Buch geschafft hat. Wir treffen uns anlässlich einer Veranstaltung in der Casa della Letteratura. Sie heisst Asiye Tekin, ist Kurdin, Journalistin und lebt seit acht Jahren in Lugano. Wir haben uns kennengelernt, weil ich angefragt wurde, sie im Rahmen von Scrivere Ancora als Tandempartnerin zu begleiten. Unter den Namen Weiter Schreiben beziehungsweise Écrire Encore existiert das Projekt auch in den beiden anderen grossen Schweizer Sprachen.

Ihr erstes Buch begann Asiye noch in der Türkei. Als sie wegen ihrer journalistischen Arbeit zu über zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde, floh sie in die Schweiz. Weiter Schreiben Schweiz unterstützt geflüchtete Schriftsteller:innen, Lyriker:innen und Journalist:innen dabei, ihre Arbeit fortzusetzen. Übersetzungen werden organisiert, Tandems gebildet mit einheimischen Schreibenden, die zu Wegbegleiter:innen werden. Asiye und ich bleiben in Kontakt, ich frage sie, wie es läuft, was sie schreibt, wir gehen zusammen an Literaturfestivals, besuchen Vorträge. Nach Möglichkeit organisiere ich für sie Lesungen und Publikationsmöglichkeiten. Dinge, um die sich Schreibende in der eigenen Heimat selbst kümmern, die in einem anderen Land aber schwieriger umzusetzen sind.

In die Casa della Letteratura hat uns Mara Travella eingeladen. Wir sind zu viert (ich weiss nicht, wie man ein Vierertandem nennt): Auf der Bühne sitzen die Verantwortliche für Scrivere Ancora Svizzera, Daniela Rossi, die Türkisch-Dolmetscherin Cindy Broggini, Asiye und ich. Eine kleine Gruppe, die über ein Netz von Bekanntschaften zusammengefunden hat – auch das Festival Babel und eine befreundete Schauspielerin hatten die Finger im Spiel. Wir sprechen sowohl über die Kurdenfrage als auch darüber, wie ein Buch zu seiner Form findet. In diesem Fall Benzina, ein besonderes Buch, bei dem nicht vergessen gehen darf, warum es geschrieben wurde (vom Krieg erzählen, das Andenken an die Opfer ehren, gewaltsame Tode verhindern, wo möglich), aber auch an jene gedacht werden muss, die es hier in der Ferne lesen werden. Wir haben ein Kapitel ausgewählt und in eine Form gebracht , die sich wie eine literarische Reportage liest: Sie enthält Emotionen und Informationen, die sich gegenseitig tragen, befruchten. Ich lese auf Italienisch, danach Asiye auf Türkisch. Rührung im Publikum. Langer Applaus. Nicht nur Asiye und Scrivere Ancora wird danach gratuliert, sondern auch Mara Travella, die vor etwas mehr als einem Jahr die Leitung der Casa della Letteratura übernommen hat und mutige Entscheidungen fällt. Das Publikum ist jünger geworden, das Programm berücksichtigt Lokales und Globales, füllt den Saal. Auch diesmal gab es mehr Anmeldungen als verfügbare Plätze, und ein Teil der Interessierten musste zu Hause bleiben.

Vor Kurzem wurde die Erzählung Benzina auf Türkisch und Italienisch auf der vielsprachigen Literaturplattform Specimen publiziert, bald folgen weitere Kapitel aus Asiye Tekins Buch.

 

Und dann ist Juni. Giacomo, Jacqueline und Daniela vom Premio Chrysalide sind zurück im Bleniotal, für die zweite Werkstatt. Diesmal besuche ich sie im Garten der Casa Lucomagno, unter dem Holunder beim Brunnen.

Das Haus, das wie eine Künstlerresidenz anmutet, wird von Werner geleitet, der selbst Künstler ist. Jeder Gegenstand ist sorgfältig ausgewählt worden und hat seine eigene Geschichte. Es gibt eine Lampe, die immer eingeschaltet ist und das Porträt einer alten Frau beleuchtet, die Werner zufolge das historische Haus beschützt. Auf jedem Stockwerk warten prall gefüllte Bücherregale, den Gästen hat er Romane von Meinrad Inglin und Fabio Andina in die Hand gedrückt. Er koche zudem göttlich, versichert man mir, das sei der literarischen Qualität sicher förderlich.

Ich bin nur während der beiden letzten Stunden dabei, diesmal ist auch die bekannte italienische Schriftstellerin Raffaella Romagnolo gekommen. Das Gespräch dreht sich um Verlage. Im Tessin gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder zu Hause publizieren, oder sein Glück in Italien versuchen. Hierzulande erhält man öfter eine Antwort – mal positiv, mal negativ –, kennt vielleicht jemanden, der bei Dadò, Casagrande, iet, Ulivo, Capelli usw. arbeitet und erklären kann, wie das Prozedere funktioniert; die einheimischen Verlage unterstützen bei Buchpräsentationen und weiteren Lesungen in Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen oder der Wohngemeinde. Manche Tessiner Verlage beliefern auch den italienischen Markt, aber wenn man direkt in Italien publiziert … nun, dann hat man ein grösseres Publikum, potenziell Millionen von Menschen.

 

Dann nehmen sie Abschied, danken tausendfach, wünschen sich das Beste, mit ihren Arbeitsplänen in der Tasche: Giacomo wird umziehen, vielleicht heiraten, aber was auch immer passiert, seine tägliche Stunde Schreiben will er sich weiterhin nehmen; Jacqueline überlegt, ihre Ferien auf einer einsamen Insel zu verbringen, wo es nur das Meer und das Schreiben gibt; Daniela hingegen plant einen Besuch in einem geheimnisvollen Depot, wo Gegenstände lagern, die ihren Eltern gehörten. Dinge, die vielleicht die inneren und äusseren Häuser ihres Lebens verbinden werden. Wer weiß, vielleicht stösst sie dort auf den Faden, mit dem sie die Stücke zusammennähen kann. Und so werden sie zu einem Ende kommen.

Ihre Bücher fertig schreiben, womit ein weiteres grosses Abenteuer beginnt.

Für sie, die publizieren, und für uns, die wir lesen. 

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