Allegra Felice, das dritte (ungewollte) Kind einer lebensüberdrüssigen Mutter, wird auf einem armseligen Bauernhof geboren. Das Elend, in dem sie aufwächst, ist jedoch nicht nur materiell, sondern stärker noch moralischer Natur. Tatsächlich ist die Familie von einer erbarmungslosen, beim kleinsten Vorwand explodierenden Gewalt geprägt; die Eltern schrecken vor keiner Bosheit und Niederträchtigkeit zurück und bleiben im Übrigen völlig kalt. Es verwundert daher kaum, dass die Kinder, mit Ausnahme der Erzählerin Allegra, in die organisierte Kriminalität geraten und ebenso unmoralisch, ja sogar noch sadistischer sind als die Eltern. Der einzige Lichtblick einer «Menschlichkeit» findet sich in zwei Welpen, deren einer (nicht zufällig Mère genannt) mit Allegra aufwächst. La Chienne-Mère wird jedoch nie sentimental, im Gegenteil: Die raue Prosa birgt, auch dank rhythmischer und klanglicher Effekte, wie sie sich selten in einem Roman finden, eine grosse poetische Kraft, gepaart mit der Spannung einer klassischen Tragödie. (rw)