Nach dem im Kosovo spielenden Roman Piccola guerra fredda (Einaudi, 2011) führt uns Elvira Dones in La breve vita di Lukas Santana (La nave di Teseo, 2023) nach Texas, in und um das Gefängnis, in dem der fälschlicherweise des Mordes angeklagte Protagonist über zehn Jahre lang leben muss. Die Unwägbarkeiten im Leben der Hauptfigur verweben sich mit denjenigen vieler anderer Figuren. Der Roman blendet bald vorwärts, bald zurück und zeichnet so das Leben der Hauptfigur nach, indem er von den jüngsten Ereignissen – den letzten Monaten in Freiheit, der Festnahme, der Haft – zu Kindheitserinnerungen übergeht, die ebenfalls von Schmerz und Gewalt geprägt sind. Die Themen, mit denen der Roman uns konfrontiert, sind wichtig, und ihre Benennung mutig: die Todesstrafe, die Voreingenommenheit der Justiz, die vor dem Bandengesetz gänzlich verschwindet, die dramatische Flucht der mexikanischen Bevölkerung in andere, verheissungsvollere Gebiete (wobei klar wird, dass auch in Texas, wo der Roman spielt, Probleme und Ausweglosigkeit vorherrschen). Dem klug konstruierten, mehrstimmigen Roman hätte es allerdings gutgetan, den Wust des Unglücks und Leids der Personen ein wenig zurückhaltender auszubreiten. Das daraus erwachsende Pathos verhindert bisweilen eine angemessene psychologische Tiefe, so dass nicht alle Figuren ganz überzeugen. Auch die Sprache wirkt etwas gezwungen in ihrem Versuch, einen mündlichen Tonfall nachzuahmen. Dennoch fesselt das Buch mit seiner Erzählung, die geschickt auf mehreren Ebenen verläuft, und mit seinem offenen Ende. (Natalia Proserpi, Übersetzung Ruth Gantert)