Die zwei jüngsten Bücher von Francesco Micieli sprechen in ihrem Titel beide von einer Grossmutter. Seine Dresdner Poetikvorlesungen heissen Der lachende Zahn meiner Grossmutter, seine neue Erzählung Hundert Tage mit meiner Grossmutter. In der Erzählung begleitet ein zweiundzwanzigjähriger Enkel seine aus Italien in die Schweiz eingewanderte Grossmutter in die grösste Fremde, in den Tod. Für den Weg dahin braucht die Sterbende Helfer, lebende und tote. Mit dem Auftauchen der letzteren wechselt die nüchterne Sicht des erzählenden Enkels mehrmals zwanglos in eine Art magischen Realismus. Gibt es ein gelingendes Sterben? Grossmutter und Enkel suchen es beide im geistigen und körperlichen Arbeiten daran und in einer Mischung aus einfühlsamer Nähe und humorvoller Distanz. Dem Autor gelingt so das, was grosse Kunst bewirkt: dass wir uns im Nachempfinden einer untröstlichen Trauer zugleich beglückt fühlen. (Daniel Rothenbühler in Viceversa 11, 2017, siehe auch Fokus «Die Fraglichkeit jeder Verwurzelung»)