Unerschlossene Geschichte(n)

Warum die Historie der Westschweizer LGBTQIA+-Literatur aufgearbeitet werden muss

Werke und Autor:innen aus der LGBTQIA+-Community der Westschweiz finden bislang wenig Beachtung und waren vor dem Jahr 2000 sogar weitgehend unsichtbar. Ein Forschungsteam hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, sie ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Das mehrstufige Projekt mündet in einen Essay, der Ende 2027 im Verlag Paulette éditrice erscheinen soll.

Im französischen Original erscheint dieser Text auch in der 20. Print-Ausgabe von viceversa – ab dem 5. November mit neuem Konzept und Layout im Buchhandel erhältlich! Und ab sofort im Abo – jetzt hier informieren und abonnieren! 

 

Wo sind die LGBTQIA+[1]-Bücher aus der Romandie? Wer sind die lesbischen Autorinnen aus der Waadt? Gibt es literarische Darstellungen von trans Personen? Wer sich mit der Zeit vor dem Jahr 2000 beschäftigt, wird es schwer haben, Antworten auf diese Fragen zu finden. Es gibt durchaus Inhalte, über die es sich zu sprechen lohnt, doch sie sind in Vergessenheit geraten, wurden übersehen, geleugnet oder missverstanden. Aus dem Wunsch und der Notwendigkeit heraus, dieses literarische Erbe aus dem Schatten zu holen, haben wir ein unabhängiges Forschungsprojekt ins Leben gerufen, um die Geschichte der queeren Literatur in der Westschweiz öffentlich zugänglich zu machen. Ein Rückblick auf die Entstehung des Projekts.

Eine Erkenntnis und ihre Folgen

2022 erschien ein Gemeinschaftswerk mehrerer Autor:innen mit dem Titel Écrire à l’encre violette. Littératures lesbiennes en France de 1900 à nos jours (zu Deutsch: Mit violetter Tinte schreiben. Lesbische Literaturen in Frankreich von 1900 bis heute) im Verlag Le Cavalier Bleu.[2] Der Band liefert einen Überblick über das bisher gesammelte Wissen zum  Thema, von lesbischen Texten der Belle Époque bis zu den queeren Werken der jüngsten Vergangenheit. In der Westschweiz gibt es keine vergleichbare Arbeit, keine ernstzunehmenden Studien, weder zu lesbischer oder schwuler Literatur noch zu den anderen Buchstaben des Akronyms LGBTQIA+, allenfalls ein paar vereinzelte Artikel.[3] Der Mangel an Sichtbarkeit, bzw. die Unsichtbarkeit, die vor den grossen gesellschaftlichen Veränderungen der 2000er Jahre herrschte, gilt für die Gesamtheit der «betroffenen» Werke und Autor:innen, also derjenigen, die sich als queer (entschuldigen Sie den Anachronismus) einordnen lassen. Es sei daran erinnert, dass die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität erst 1990 von ihrer Liste der psychischen Erkrankungen gestrichen hat.

Wir, die Verfasser:innen dieses Artikels, hatten noch bis vor zwei Jahren Schwierigkeiten, überhaupt einschlägige Werke zu nennen, trotz unserer schwulen, lesbischen und trans Identitäten, trotz unseres Interesses für Literatur und trotz unserer akademischen Ausbildung in der Schweiz. Diese Erkenntnis warf zahlreiche Fragen rund um den Literaturbetrieb auf, gab den Anstoss zu einem ersten Überblick über lesbische Darstellungen im 20. Jahrhundert[4] und weckte unsere Leselust. Aus diesem Antrieb heraus entstand unser Vorhaben, das Buch, das wir vermissten, selbst zu schreiben. Es erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da es, im Gegensatz zum bereits genannten französischen Band, nicht zurückblickt, um die bereits zurückgelegte Strecke zu würdigen, sondern Neuland erschliesst und einen gemeinsamen Weg ebnet. Wir möchten dazu beitragen, dass weitere, gezieltere Studien angeregt, neue Ansätze entwickelt, Korpora erweitert und repräsentativere Ergebnisse erzielt werden.

Es ist am akademischen Milieu, zu erklären, weshalb dieses Thema so lange vernachlässigt wurde. Wir für unseren Teil halten fest, dass Literatur und Forschung gesellschaftlich konstruierte Machtfelder sind. Sie lassen sich nicht von der Welt, in der sie entstehen, loslösen, sondern spiegeln deren Hoffnungen und Handlungsspielräume ebenso wider wie die Sackgassen und Tabus. Die westeuropäischen Gesellschaften haben sich weiterentwickelt, doch die Schweiz macht trotz wichtiger Massnahmen nur langsam Fortschritte.[5] In Feldstudien erhobene Daten zeigen, dass LGBTQIA+-Personen weiterhin einem erhöhten Risiko für Suizid, Depressionen, Gewalterfahrungen und Suchterkrankungen ausgesetzt sind.[6] Ihre Lebensrealitäten und Alltagserfahrungen sind Institutionen und Menschen, die selbst nicht von queeren Identitäten «betroffen» sind, nach wie vor kaum bekannt. Auch in der Buchbranche zeigt sich dieses mangelnde Wissen, etwa – wie wir im Folgenden sehen werden – in den Bibliotheksbeständen und in den bisherigen Darstellungen der Literaturgeschichte.

Ein falsch erfasstes Buch ist ein verlorenes Buch

Bibliotheken beanspruchen für sich eine gewisse Neutralität.[7] Zu ihren Aufgaben gehört es, allen Besuchergruppen offenzustehen und deren unterschiedliche Interessen gleichermassen zu berücksichtigen.  Ein kurzer Blick in die Online-Kataloge lässt diese Neutralität jedoch in einem anderen Licht erscheinen. Wer im Katalog der Genfer Stadtbibliotheken nach «lesbischer Schweizer Roman» sucht, erhält gerade einmal vier Treffer, von denen keiner einen direkten Bezug zum Thema aufweist. Zum Vergleich: Die Suche nach «Schweizer Kriminalroman» liefert 471 Ergebnisse.[8]

Zur Einführung in die Diskussionsrunde «Mémoires queers : luttes et pratiques du souvenir» (zu Deutsch: «Queere Erinnerungen: Kämpfe und Praktiken des Erinnerns») vom 3. Oktober 2024 räumte Frédéric Sardet, Direktor der Bibliothèque de Genève, ein, dass Informationen zu diesem Themenbereich nur schwer zu finden seien, da das Katalogisierungssystem Lücken aufweise. Um entsprechende Inhalte zu finden, muss man also wissen, wonach man sucht, denn die verfügbaren Schlagworte liefern keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Mit anderen Worten: Diese Inhalte sind nur für Spezialist:innen zugänglich.

Sollten Bücher mit Aufklebern gekennzeichnet werden, um entsprechende Titel im Freihandbestand leichter erkennbar zu machen? Diese Frage wurde von mehreren Bibliotheken in der Westschweiz aufgeworfen. Doch abgesehen davon, dass sich das Problem der Katalogisierung auf diese Weise nicht lösen lässt, scheinen sich einige Bibliotheksteams mit dieser Idee nicht wohlzufühlen: Würde eine solche Kennzeichnung nicht dazu führen, bestimmte Werke zu «stigmatisieren», mit dem Risiko, dass sie seltener ausgeliehen oder auf ihr Etikett reduziert würden? Wer würde die entsprechenden Bücher aussuchen, und nach welchen Kriterien? Und wäre es beispielsweise denkbar, Proust mit einem Regenbogen-Aufkleber zu versehen?

Solche Fragen konfrontieren Bibliotheken und Bibliothekar:innen mit ihrem Neutralitätsanspruch. Mylène Badoux, Verantwortliche für Kulturvermittlung an der Stadtbibliothek Vevey, wies bei einer Podiumsdiskussion im Anschluss an die Vorführung des Dokumentarfilms The Librarians im Lausanner Kino Le Cinématographe am 19. Januar 2026 darauf hin, dass LGBTQIA+-Themen im Berufsalltag eine noch stärkere «Sprengkraft» entfalten als andere Diskriminierungsformen wie etwa Sexismus und Rassismus. Auf Badoux’ Initiative hin startete die Bibliothek ein partizipatives Projekt zu den damit verbundenen Herausforderungen (Umgang mit unterschiedlichen Publikumsgruppen, Materialbestand, Veranstaltungsplanung, …). Inzwischen bezeichnet sie sich als «verbündete Bibliothek»[9], bringt also ihre Unterstützung der queeren Community sichtbar zum Ausdruck.

Auch andere Einrichtungen – insbesondere die Bibliothek Filigrane in Genf und die Stiftung Bibliomedia, die in der gesamten Westschweiz tätig ist – haben sich bereits für dieses Anliegen eingesetzt. Einige, die dem Vorhaben zunächst aufgeschlossen gegenüberstanden, haben ihre Bemühungen jedoch angesichts bürokratischer Trägheit, des Drucks durch übergeordnete Stellen – insbesondere auf politischer Ebene – oder interner Meinungsverschiedenheiten wieder aufgegeben. In solchen Fällen führt das Neutralitätsprinzip dazu, dass bestehende Verhältnisse unverändert bleiben. Dabei senden Bibliotheken gerade dann ein wichtiges Signal an historisch marginalisierte Zielgruppen[10], wenn sie systemische Diskriminierungsmechanismen anerkennen und ihre Praxis entsprechend anpassen.

Stille hat viele Formen

Noch bevor wir uns mit der Zugänglichkeit von LGBTQIA+-Werken in Bibliotheken befassen, sollten wir uns fragen, unter welchen Bedingungen diese Werke entstehen und wie sie rezipiert werden. Gerade die Frage der Rezeption ist aufschlussreich: Was können uns Überblickswerke zur Westschweizer Literatur vermitteln, wenn sich bei der Recherche in Bibliothekskatalogen weder einschlägige Quellen noch Bücher finden lassen, die sich gezielt mit diesem Themenbereich auseinandersetzen?

Die Neuauflage der Histoire de la littérature en Suisse romande (zu Deutsch: Geschichte der Literatur in der Westschweiz) gilt als das vollständigste Überblickswerk.[11] In diesem 1728 Seiten umfassenden Band, zu dem zahlreiche Akademiker:innen ihren Beitrag geleistet haben, finden sich jedoch nur wenige Hinweise auf LGBTQIA+-Identitäten, die zudem häufig problematisch dargestellt werden. Das Kapitel «Littérature et politique» (zu Deutsch: «Literatur und Politik») etwa geht überhaupt nicht darauf ein. Im Kapitel «Écriture du corps et érotisme» (zu Deutsch: «Körper und Erotik in der Literatur») heisst es, Anne-Lise Grobéty (1949-2019) wage es, mit ihrem Roman Pour mourir en février[12] mit dem Tabu der weiblichen Homosexualität zu brechen.[13] Das gegenseitige Begehren der beiden Protagonistinnen bleibt im folgenden Kapitel jedoch unerwähnt: Der Roman wird dort als Geschichte einer Freundschaft präsentiert.[14] Was die männliche Homosexualität anbelangt, so wird sie in Bezug auf die wenigen erwähnten Autoren als unüberbrückbare Andersartigkeit dargestellt und mit gesellschaftlichem Aussenseitertum gleichgesetzt. So wird etwa Pierre-Louis Mattheys (1893–1970) «double singularité de poète et d’homosexuel»[15] (zu Deutsch: «doppelte Einzigartigkeit als Dichter und Homosexueller»“) zwar erwähnt, jedoch nirgends in ihren biografischen und gesellschaftlichen Kontext eingeordnet, was ein umfassendes Verständnis seiner Texte ermöglicht hätte. 

Der Fall Edmond Henri Crisinel (1897-1948) ist ein eindrückliches Beispiel für literaturgeschichtliche Ausradierungen. Der Waadtländer war bekannt für Alectone, veröffentlicht im Jahr 1944. Der Erzähler dieses sehr kurzen, poetischen Texts ist Patient in einer psychiatrischen Klinik. Seine Mutter bringt ihm «leicht welke Veilchen» mit, deren violette Farbe – ein Symbol für Homosexualität – sich auch in seinem Morgenmantel wiederfindet … Nach mehreren depressiven Phasen nahm sich Crisinel das Leben, weil er keinen Weg fand, sein homosexuelles Begehren mit seinen protestantischen Glaubensgrundsätzen in Einklang zu bringen. Seine Situation war seinen literarischen Weggefährten ebenso bekannt wie den Forschenden, die sein Werk interpretierten. Von 1954[16] an und bis ins 21. Jahrhundert hinein ist von seiner «Andersartigkeit» und seinem Dasein als «verfemter Dichter» die Rede. Erst 2022 wagt Éric Bulliard es, das ominöse Wort – Homosexualität – zu benutzen und die moralische Krise des Dichters und seinen daraus folgenden Absturz als das zu lesen, was sie waren.[17]

In den übrigen Werken zur Geschichte der Westschweizer Literatur, die wir herangezogen haben, bleibt das Thema unerwähnt. Das ist wenig überraschend, zumindest nicht überraschender als die Fehleinschätzungen der Histoire de la littérature en Suisse romande von 2015: Die Wissenschaft hat nichts beizutragen, weil sie zum Stoff entweder nicht geforscht oder keinen angemessenen Zugang dazu gefunden hat. Es liegen zwar Abschlussarbeiten und Dissertationen vor, doch ihre Ansätze sind nicht ausreichend fundiert, was mitunter problematische Folgen hat. Ein Beispiel dafür ist die 2010 in der renommierten Reihe Le Savoir suisse erschienene Studie von Brooks La Chance, die aus ihrer Dissertation hervorgegangen ist: Jacques Mercanton. Voix de l’Europe secrète. Der psychoanalytische Deutungsrahmen verleitet La Chance zu abwegigen Spekulationen über den Ursprung von Mercantons Homosexualität (!)[18], wobei ihr völlig entgeht, wie kühn Mercanton homosexuelle Figuren in die Westschweizer Literatur einführt, in der sie zu jener Zeit praktisch nicht vorkommen.

Die Kunst des Lesens

Lückenhafte Kataloge, nachlässig zusammengestellte Anthologien, unangebrachte Äusserungen … Es bleibt noch viel zu tun, um die Strukturen und Denkmuster zu durchbrechen, die das literarische Feld prägen. Um dies zu erreichen, verfolgen wir den Ansatz des Querlesens – des Lesens «à l’oblique»[19]–, das sich an den Queer Studies orientiert. Mit intellektueller Neugier und einer Prise Unverschämtheit wollen wir «zwischen den Zeilen lesen» und die Welt «durch die Regenbogenbrille» betrachten.

Begonnen haben wir mit dem literarischen Kanon des 20. Jahrhunderts, in dem sich die LGBTQIA+-Autor:innen und ihre Werke beinahe an einer Hand abzählen lassen. Um weitere ausfindig zu machen, haben wir uns auf eine Spurensuche begeben, die weder zeitlich noch auf bestimmte literarische Gattungen oder Identitäten festgelegt war.

Dabei haben wir zum Beispiel uneindeutige Biografien durchforstet: eine Autorin, die zeitlebens unverheiratet blieb und in Paris eine neue Heimat fand, ein Autor, der mitten in der AIDS/HIV-Epidemie in jungen Jahren starb … Solche Hinweise, denen bislang kaum jemand Beachtung geschenkt hat, haben uns neue Türen geöffnet, die uns wiederum zu einer systematischeren Recherche in Einzelveröffentlichungen und Gesamtwerken sowie zu vielschichtigen Diskussionen geführt haben. Bis jetzt haben wir rund einhundert relevante Titel ausfindig gemacht – Romane, Erzählbände, Lyrik und mehr.

Querlesen heisst auch, erzählerische Mittel und Codes deuten zu lernen. So taucht etwa das vielsagende Violett, das bei Crisinel zu finden ist, immer wieder auf. Verschiedene Andeutungen und Umschreibungen (zum Beispiel «besondere Freundschaften») drücken aus, was nicht offen ausgesprochen werden durfte. Und manchmal sagt ein Blick mehr als tausend Worte. Mitunter ist es eine ganze Geschichte, die sich – obwohl auf dem Papier heterosexuell – als sehr aufschlussreich erweist, wenn man sie richtig zu deuten weiss. Rufen wir uns zudem in Erinnerung dass Verschlüsselung in manchen Zeiten der beste Weg zur Publikation ist. Lässt man solche Analyseansätze ausser Acht, verarmt die Lektüre eines Werks.

Diese Überlegungen legen einen Perspektivwechsel nahe. Es geht nicht mehr um die heute gängigen Praktiken, sondern um die Strategien, mit denen Menschen in der Vergangenheit ihren Weg fanden und deren Verständnis wesentlich vom jeweiligen Kontext abhängt. Wer die Lebensbedingungen und Erfahrungen queerer Menschen in der Vergangenheit nicht kennt, läuft Gefahr, Entscheidendes zu übersehen. So gerät leicht aus dem Blick, welchen Wert Texte haben, die literarisch vielleicht nicht herausragen, dafür aber seltene, wichtige und mutige Zeugnisse ihrer Zeit sind. Die Gründe für Scham und Zurückhaltung verschwimmen. Und auch die Selbstzensur, deren gesamte Tragweite wir niemals werden ermessen können, wird ausser Acht gelassen. Sich dazu öffentlich zu äussern und/oder sich zu einer queeren Identität zu bekennen, war lange Zeit mit gesellschaftlicher Ächtung, behördlicher Beobachtung, sozialer Isolierung, Gefängnis und Gewalt verbunden … Diese Realität nicht zu berücksichtigen hiesse, die Logik der Diskriminierung fortzuschreiben, indem man den Betroffenen vorwirft, sie durchlitten und Wege gefunden zu haben, mit ihr umzugehen.

Die Literatur und ihre Geschichte als Bollwerk

Wie viele andere LGBTQIA+-Personen waren auch wir in unserer Jugend auf der Suche nach queeren Vorbildern. Doch gerade in der Literatur waren diese nur selten zu finden. Das Gefühl der Einsamkeit ist bei jungen betroffenen Menschen oft besonders ausgeprägt, da ihre Angehörigen ihre Situation nicht nachempfinden können: Anders als bei anderen Minderheiten, etwa Menschen mit Migrationshintergrund, bei denen kulturelle Traditionen und identitätsstiftende Elemente in der Regel innerhalb der Familie weitergegeben werden, sind queere Menschen häufig darauf angewiesen, sich die Gegenwart und Vergangenheit ihrer Community selbst zu erschliessen, so gut es eben geht.

In Cousu pour toi (Scribes/Gallimard, 2023) veranschaulicht der Waadtländer Schriftsteller Mathias Howald dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit und danach, sich selbst durch den anderen zu verstehen – einen anderen, der anders und doch ähnlich ist. Abends schaut sich der Erzähler in seinem Zimmer heimlich eine Sammlung VHS-Kassetten an, darunter auch eine Ausgabe des TSR-Kulturmagazins Viva zum Thema HIV/Aids. Dabei hat er ständig Angst, seine Eltern könnten plötzlich hereinkommen. Werden heterosexuelle Menschen jemals wirklich begreifen, wie gross unser Mangel an Repräsentation ist?

Im Jahr 2026 gibt es durchaus Grund zur Freude: Die Akzeptanz von LGBTQIA+-Personen hat zugenommen, wir haben neue Rechte erkämpft, in den Buchhandlungen gibt es uns gewidmete Regale, Minderheiten-Archive erfahren neues Interesse und Verlage sträuben sich seltener, Bücher zu diesen Themen zu veröffentlichen. Auch die Darstellungen queerer Menschen sind positiver geworden – der «Homo-Fluch» scheint gebrochen. Über einem Teil der Community schwebt er jedoch weiterhin, insbesondere über trans- und intergeschlechtlichen Personen.

Doch in einer Welt, in der Nationalismus und Faschismus wieder an Bedeutung gewinnen und gewaltsame Übergriffe weiterhin an der Tagesordnung sind, ist es umso wichtiger, gegen die Unsichtbarmachung queerer Menschen anzukämpfen. Unsere Forschung will dazu beitragen, sie ist politisch. Zum einen gilt es, daran zu erinnern, dass LGBTQIA+-Personen zu allen Zeiten existiert und versucht haben, sich Gehör zu verschaffen. Zum anderen kommt eine Vielfalt an Vorbildern und Erzählungen der gesamten Gesellschaft zugute: Fiktionale Werke schaffen einen fruchtbaren Boden für Empathie, Demokratie und sozialen Zusammenhalt. Die Vergangenheit zu feiern und queere Leben zu dokumentieren, ist kein Akt der Spaltung. Im Gegenteil, es ist ein gemeinschaftliches Projekt, das in die Zukunft blickt.

Unsere grössten Hindernisse sind oft das Schweigen und die Gleichgültigkeit. Immer wieder hört man, es gebe gar keinen Kampf mehr zu führen oder er nehme zu viel Raum ein. Vielleicht ist das eine Art und Weise für Kleingeister und Miesepeter, ihr Desinteresse zu rechtfertigen. Anstatt aufzugeben, haben wir uns dazu entschieden, aktiv zu werden. Und Sie?


Quellen und Anmerkungen

[1] Das Akronym steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche, queere, intergeschlechtliche und asexuelle sowie weitere Identitäten, also alles, was sich ausserhalb von Heteronormativität und/oder Geschlechterbinarität bewegt.

[2] Der Band wurde von Aurore Turbiau, Alex Lachkar, Camille Islert, Manon Berthier und Alexandre Antolin konzipiert und verfasst.

[3] Siehe beispielsweise Guy Poitry, «Retours et rencontres : compagnons d’armes ou d’amours», in: Daniel Maggetti und Philippe Kaenel, Gustave Roud. La plume et le regard, Infolio, Gollion, 2025, S. 157-164, sowie Valérie Cossy, «L’Angleterre de Catherine Colomb : un site queer pour élaborer la subjectivité d’une romancière romande», in: Sylviane Dupuis, Anne-Frédérique Schläpfer und Jérôme David, Catherine Colomb. Une avant-garde inaperçue, Genf, MētisPresses, 2015, S. 109-132.

[4] Nathalie Garbely, «Faire entendre la voix d’Ida Erne», in : Autrement que les autres. Une histoire d’amour lesbien des années 1950, Paulette éditrice, Lausanne, 2024, S. 7-26; deutsche Originalausgabe: Ida Erne: Anders als die andern. Eine lesbische Liebesgeschichte aus den 1950er Jahren, eFeF-Verlag, Wettingen, 2022.

[5] Trotz der strafrechtlichen Einstufung von Hassdelikten und Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung im Jahr 2020 sowie der Einführung der Ehe für alle im Jahr 2021 liegt die Schweiz hinsichtlich der Rechte von LGBTQIA+-Personen unter dem Durchschnitt der Länder der Europäischen Union: https://www.ilga-europe.org/report/rainbow-map-2026/ (abgerufen am 31.07.2026).

[6] Siehe beispielsweise den Bericht «Gesundheit von LGBT-Personen in der Schweiz», den der Bundesrat am 9. Dezember 2022 in Erfüllung des Postulats 19.3064 von Nationalrätin Samira Marti veröffentlichte.

[7] Siehe beispielsweise das «Positionspapier zum Konzept der ‹Neutralität› der Bibliothekarin / des Bibliothekars» vom März 2025, ausgearbeitet von der Kommission Berufsethik von Bibliosuisse: https://www.bibliosuisse.ch/Portals/0/2025_04%20Neutralitat%20Positionspapier.pdf (abgerufen am 12.05.2026).

[8] Anm. d. Übers.: Diese Angaben beziehen sich auf die Suchfunktion des französischsprachigen Katalogs unter Eingabe der Suchbegriffe «roman lesbien suisse» und «roman policier suisse». Sucht man im Katalog der Zentralbibliothek Zürich nach «lesbischer Schweizer Roman», «Roman Schweiz lesbisch» o.ä., erhält man keine Treffer. Bei «Kriminalroman Schweiz» sind es 257 Ergebnisse und bei «Schweizer Kriminalroman» 191.

[9] Siehe die Website der Stadtbibliothek Vevey: https://biblio.vevey.ch/Default/lgbt.aspx (aufgerufen am 07.05.2026). 

[10] Leseempfehlung: Samia Swali, «Accueillir des publics LGBTIQ+ dans les bibliothèques de Suisse romande», Masterarbeit, Haute école de gestion, Genf, 2020.

[11] Roger Francillon (Hrsg.), Histoire de la littérature en Suisse romande, Neuauflage, Zoé, Carouge-Genève, 2015 [1996-1999].

[12] Erschienen im Verlag Cahiers de la Renaissance vaudoise, 1970; deutsche Ausgabe: Um im Februar zu sterben, übersetzt von Christa Fischer, Kindler Verlag, Berlin, 1971; Neuübersetzung von Andreas Grosz, pudelundpinscher, Linescio, 2016.

[13] Vgl. ebd., S. 1545.

[14] Vgl. ebd., S. 1569.

[15] Ebd., S. 832.

[16] «Hommage au poète Edmond-Henri Crisinel, 1897-1948», in : Pays du lac, Cahiers de poésie, Bd. 2, Nr. 2, Dezember 1954.

[17] Éric Bulliard, Crisinel. Veiller au seuil du néant, Gollion, Infolio, 2022.

[18] Wissenschaftlicher Berater dieses Bandes war Roger Francillon, leitender Herausgeber der Histoire de la littérature romande, auf deren Lücken wir bereits hingewiesen haben.

[19] Wir beziehen uns auf die Schriftstellerin und Aktivistin Monique Wittig, die 1982 treffend feststellte: «Tout écrivain minoritaire (qui a conscience de l’être) entre dans la littérature à l’oblique si je puis dire.» (Zu Deutsch: «Alle Minoritätenautorïnnen (die sich dessen bewusst sind) betreten das Feld der Literatur als Quereinsteigerïnnen, wenn ich das so sagen darf.») Siehe ihr Vorwort zum Djuna-Barnes-Sammelband La Passion, Paris, Flammarion, 1982, bzw. den Sammelband Das straighte Denken, ins Deutsche übersetzt von Arabel Summen und Benjamin Dittmann-Bieber, Leipzig, Merwe, 2023.