Artikel auch auf: Französisch

«Tentativa de venganza» (Open Call Sofalesungen 6/6)

Mit bald zwölf Jahren und 500 Veranstaltungen (darunter 100 «Lectures Canap» in der Westschweiz) sind die Sofalesungen inzwischen ein Zuhause für junge Literatur aus der Schweiz. Um dieses Jubiläum zu feiern, hat das Team einen Open Call ausgerufen, der sich an Autor*innen richtet, die noch kein Buch veröffentlicht haben. Dem Aufruf folgten 111 Einsendungen in deutscher und französischer Sprache, von denen 6 von einer unabhängigen Jury ausgewählt wurden. Viceversa beteiligt sich an dem Projekt und veröffentlicht die prämierten Texte in ihrer Originalfassung und in Übersetzung.

Tentativa de venganza, I

Wir balsamieren ihn ein. Erst seine Füsse, die dicken knollenartigen Zehen. Seine verhältnismässig viel zu schmalen Knöchel. Nur halb so breit wie die Hände meiner kleinsten Schwester. Dann seine Waden, blauadrig, weich, lauwarm. Der Balsam, den wir angemischt haben, riecht nach Nadelwald. Dabei besteht er aus Löwenzahn und Minze, gemischt mit Olivenöl. Kurz überlege ich, mir selbst auch ein Fläschchen abzufüllen, es unter meinem Kopfkissen zu verstecken, dort bei den anderen Dingen, die ich vor meinen Schwestern verberge (die gestohlenen Glitzerohrringe der Mutter, der getrocknete Salamander, die Bibel, das aus der Bravo ausgeschnittene Bild von Beckham mit nacktem Oberkörper). 

Ich entscheide mich dagegen ein Fläschchen abzufüllen, das wäre vielleicht morbide. 

Ich reibe also an seinen Knien herum, während meine Schwestern seine anderen Extremitäten bearbeiten. Sein Gesicht sehe ich von hier aus nicht. Darum bin ich froh. Unsere jüngste Schwester steht etwas abseits und zerkaut ihre Fingernägel. Immer wieder spuckt sie die abgebissenen Nagelreste zu Boden, segelnde Mondsicheln aus Keratin.

Ich versuche, ihr so etwas wie einen aufmunternden Blick zuzuwerfen, ziehe die Augenbrauen hoch, blase die Backen auf, aber sie sieht weder weg noch zu mir hin. Die moosgrünen Augen irgendwo nach innen gerichtet. 

Wir reiben und schmieren. Dann wickeln wir ihn ein, in die zerschnittenen dünnen Bettbezüge unserer jüngsten Schwestern: Scooby-Doo bedeckt seine herabhängenden Wangen, Elsa den Bauch, seine Beine stecken in Spidermans Netz. Er regt sich nicht, sein Atem geht schwer. Ich versuche mir darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen. Ich bin ja bloss hier wegen der Schwestern. 
Nachdem er eingewickelt ist, stellen wir uns im Kreis um ihn herum, alle acht. 

Carmen, die Älteste von uns steht über seinem Kopf. 

Dann nichts. 

Verhaltenes Hüsteln von den Schwestern am Fussende her. 

Das Bellen des Nachbarhunds.

Carmen sagt etwas, spricht aber viel zu leise, als dass wir hier unten sie verstünden. 

Hä?, sage ich also. 

Und jetzt die Spinne, zischt sie. Gerne hätte ich etwas über ihren Wichtigkeitskomplex gesagt, der sie dazu verleitet, das Gefühl zu haben jede überall müsse ihr egal wie leise sie spricht zuhören. Aber vielleicht wäre das auch morbide. Ich halte also den Mund. Eine der Schwestern geht zu unserem Terrarium (das eigentlich der Schuhkarton meiner Fussballschuhe mit Löchern drin ist) und holt die haarigste schwarze Spinne daraus hervor. Dann setzt sie ihm die Spinne aufs Herz, die einzige nicht einbandagierte, nicht einbalsamierten Stelle seines Körpers. Und dann warten wir.

Die Spinne sitzt. Sie sieht uns an, aus ihren acht Augen. Wir schauen zurück aus unseren sechzehn. 

Ja und jetzt?, sage ich, an niemanden so richtig (also an Carmen) gewandt.

Wir warten, bis sie zubeisst, sagt Carmen in dem Tonfall, den sie schon früher immer draufhatte, wenn ich ihr bei den Hausaufgaben eine ihrer Meinung nach besonders idiotische Frage gestellt hatte.

Okay und was, wenn sie nicht beisst?

Lass ihr Zeit.

Wir lassen der Spinne also Zeit. Wir hüsteln, das Parkett knarzt, die Sonne sinkt. Irgendwann schicke ich einige der jüngeren Schwestern ins Bett. Carmen presst ihre Lippen aufeinander, so dass sie zu einem schmalen Strich werden. Die Spinne rührt sich nicht. Ich summe ein Lied. Carmen flucht wüst. Die Spinne tut keinen Wank. Irgendwann holt meine Lieblingsschwester eine Pinzette aus dem Bad. 

Sie braucht einen Grund zuzubeissen, sagt sie.

Sie zupft der Spinne eines ihrer Beine aus. Ich sehe weg. 

Dann noch ein Bein.

Noch eins.

Die Spinne beisst zu.

Nichts geschieht. 

Bloss ein kleiner roter Fleck auf dem massigen Herzen eines Mannes. 

Wir warten weiter. 

Irgendwann sind ausser Carmen, der Spinne und mir alle in ihren Betten verschwunden.

Wir packen ihn schweigend wieder aus. Die rote Stelle ist blassrosa.

Vielleicht-

Carmen wirft mir einen so bösen Blick zu, dass ich mir auf die Zunge beisse. Eine Weile starren wir auf den kaum sichtbaren Stich auf seiner Brust.

Hast du vielleicht eine bessere Idee?, fragt Carmen irgendwann entnervt.

Ich hab ja von Anfang an gesagt, wir kleben ihm einfach den Mund zu und versenken ihn im See aber auf mich hört hier ja keine. 
 

Tentativa de venganza, II

Wir sammeln Hagenbutten. Die jüngste Schwester kratzt sich an den Sträuchern die nackten Arme auf. Sie beschwert sich nicht, aber ihre Unterlippe zittert unkontrolliert, wie sie es immer tut, kurz vor dem grossen Geheul. Vor drei Tagen hat sie verkündet, mit dem Sprechen aufzuhören, aber Heulen geht scheinbar trotzdem noch. Ihre Tränen lösen bei mir ein unangenehmes Surren unter der Bauchdecke aus, also werfe ich ihr meinen Pulli gegen den Kopf. Sie zieht ihn sich über und verzieht ihren Mund in einem Lächelversuch. 

Die Hagebuttensträucher wachsen im Kreis, dort, wo wir unsere Wellensittiche begraben. Kleine Schildchen markieren die Gräber. Die Weibchen hiessen alle Bonita, die Männchen Bonito. Auf die idiotischen Namen besteht Carmen. Je fünf liegen begraben unter den Büschen. Wir sammeln die roten Beeren und sagen ein Gebet für die Bonitos und Bonitas auf. (Wir kennen nur eines, es geht so: Azul, azul, azul, que los pajaritos en el cielo solo vean azul, que las niñitas con alas crezcan, que los muertos las protejan.[1])


Als unsere Finger schon kirschrot eingefärbt sind, verkünde ich, dass wir genug gesammelt haben. Ich trage die Kleinste huckepack zurück ins Haus und schicke sie ins Bett. 

Die Küche ist vollgestellt mit Töpfen und Pfannen. Seitdem der letzte Vater gegangen ist, kocht meine Lieblingsschwester Yara ständig Marmelade ein. 

Ich setze mich neben sie an den Tisch.

Sie füllt Zucker ab, ich pule die Kerne aus den Hagebutten.

Die Kleinen Nüsschen lege ich in eine Schale.

Was machst du damit?, fragt sie mich.

Juckpulver. Selbstgemacht. Lokal. Bio. 

Aha.

Sie lässt weiter Zuckerkörner in Töpfe rieseln.

Carmen ist wütend auf dich, sagt sie nach einer Weile nachdenklich.

Ist Carmen je nicht wütend auf mich?
Darüber scheint sie eine Weile ernsthaft nachzudenken, zwischen ihren Augenbrauen bildet sich die schiefe Denkfalte, dieselbe die alle in unserer Familie haben. Dann wiegt sie den Kopf hin und her, so dass ein paar ihrer Locken in die Marmelade fallen. Ich fange eine Locke und lecke sie ab. Yara wirft mir einen ihrer ermahnenden Blicke zu, den sie von den Erwachsenen gelernt hat, sagt aber nichts weiter. Die Marmelade ist süss, vielleicht die süsseste bisher. Je mehr Yaras Herz den letzten Vater vermisst, desto süsser die Marmelade, das weiss ich. Aber ihr Herz ist ja nicht mein Problem. Ich flechte ihre schwarzen Locken zu einem Zopf und sehe den Hagebuttennüsschen beim Trocknen zu. 

Nach acht Stunden sind sie trocken und ich packe sie in ein kleines Stoffsäckchen. Die Hälfte gebe ich der jüngsten Schwester zur Selbstverteidigung. 

Mit der anderen Hälfte schleiche ich mich in das Zimmer des neuen Mannes.

Verteile die Nüsschen in seinen Hosen.
Seinen Hemden.

Seinem Bettbezug. 

Und falls ich auf dem Rückweg einen Zwischenstopp in Carmens Zimmer mache und auch auf ihrem Kopfkissen ein paar verteile, dann kann mir das wirklich keine übelnehmen.
 

Tentativa de venganza, III

Der neue Mann im Haus geht als erstes zu Bett und steht als letztes auf. Von Frühstück hält er nichts, sogar Yaras Zuckermarmelade verschmäht er. Hofverrat, sage ich. Er hört mich nicht. Er hört uns nie und beschwert sich trotzdem ständig, dass wir laut seien, wie ein Haufen Hühner, spuckt dabei Kautabak in unsere Tomatenstauden.

Er hat keine Ahnung von Hühnern, die sind nämlich nur laut bei Gefahr. Wenn der Fuchs kommt, der Bussard, oder der Nachbar mit der Schaufel, um sie totzuschlagen. 

Überhaupt frage ich mich, ob er Ahnung von irgendetwas hat, der neue Mann. 

Ob er Dinge tut. 

Fast habe ich Lust ihn zu fragen, wo er hinfährt, tagsüber, mit dem verrosteten Jeep des letzten gesichteten Vaters.

(Der letzte gesichtete Vater ist der der beiden kleinsten Schwestern, er verschwand nach einer fiesen Attacke, welche ein Hornissennest und einen Streit mit der Mutter beinhaltete, in dem die Worte maldito gusano llorón[2] fielen.)


Der neue Mann hat sich eingepflanzt in unser Leben, mit seiner ledrigen Haut und den dicken Fingern. Dem modrig-süssäuerlichen Geruch seiner Schweisstropfen in den Nackenfalten. Er sieht uns nie an. Er sitzt einfach da. Wie Gestein. Wie Fels. Als wären wir ihm egal.

Aber wir wohnen schon seit Jahren mit Geistern. 

Die kleinsten Schwestern zeichnen sie manchmal und kleben die Bilder an den Kühlschrank. Carmen hängt sie wieder ab, weil sie eine maldita aguafiestas[3] ist.

Wenn sie mal wieder besonders nervt, stelle ich mir nachts den Wecker und hole Olivenöl aus dem Schrank, verteile Tröpfchen auf ihrer Kopfhaut. Morgens steht sie auf und knurrt, dass das doch nicht normal sei, dass ihre Haare so schnell fetten, was für scheiss Gene uns da vererbt worden seien. Yara wirft mir tadelnde Blicke zu aber schweigt. Und Carmen flucht. Weil sie die Älteste ist, und im Schach immer gewinnt hat sie Anrecht auf die meisten und die besten Flüche.

Sie darf sagen:

Me cago en tus muertos[4]

Hija de las mil putas[5]

Cabeza de rodilla[6]

Cara de boludo[7]

Mal parida[8]


Während sie Fluchvorherrschaft hat, habe ich momentan nur Anrecht auf einen, weil ich schlecht im Schach bin und eine der mittleren Schwestern bin. Aber er ist mir heiliger als die Gebete und ich benutze ihn ständig:
La madre que te parió[9]

Der neue Mann toleriert uns wie er die Ameisenstrasse auf dem Fenstersims in der Küche toleriert. 

Wir vergöttern jede einzelne der Ameisen, die durch unsere Küche ziehen und wir hassen den Mann.

Denn ein Mann kann nur eines heissen: Mehr Schwestern.

Und wir haben schon nach Geburt der vorvorletzten Schwester und dem Einzug des vorletzten gesichteten Vaters (der nach dem Vorfall mit dem Stier des Nachbars und dem gespaltenen Vorschlaghammer verschwand) entschieden, dass wir jetzt genug sind. 


Die Geister sind freundlich und breitschultrig, sagen die kleinsten Schwestern.

Einmal sitze ich mit Yara im Garten. Wir zähmen die Nachbarskatze, möchten das sie zu uns überläuft. Oder desertiert. Wir sprechen über die Geister. Der neue Mann fährt vor, sieht uns an, seine Wangen hängen hinab, wie Pfannkuchen. Seine Augen werden schmal. Es gefällt ihm nicht, das mit den Geistern. 

Wir beschwören also die Geister.

Wir sagen ihnen: Möge der seltsame Mann gefressen werden vom Teufel und seinen schrecklichen Töchtern. Mögen sie seine dicken Zehen frittieren und seine Finger zu Marmelade verarbeiten.
Aber nichts geschieht.

In der Nacht wecke ich Yara mit Wiesenfuchsschwanz im linken Nasenloch. Sie niest, sie niest am schönsten von uns. Elegant und verhalten, nicht wie Hyänen, nicht wie wir anderen.

Ich ziehe Yara hinter mir auf den Dachboden, wir ziehen uns die verschlissenen Kleider des ersten gesichteten Vaters an, (der von Carmen und mir, der mit den breiten Kratergrübchen beim Lachen, der mit den schmalen Fingern gitarrenseitenzupfend, der mit denselben Locken die sich in meinem und Carmens Nacken bilden bei Regen, der der die Orangen vom Baum pflückte und sie für uns schälte, der der verschwand im Fluss sagen die einen, im Meer sagen die anderen.) 

Alle Geister sind Männer, also ziehen wir seine Hemden und Jacketts an und machen Männergeräusche vor der Türe des neuen Mannes, um ihn zu vertreiben. 

Beim vorvorvorletzten gesichteten Vater haben wir gelernt, dass sich Männer am besten von anderen Männern vertreiben lassen. (Der vorvorvorletzte gesichtete Vater verschwand nach dem grossen Kleiderschwund des Nachbarn. Den nackten Juli, nennen wir die Zeit auch. Oder den Juli des grossen Vorwurfs der Untreue.)

Wir stehen also in den Vaterkleidern vor dem Schlafzimmer des neuen Mannes und rufen durchs Schlüsselloch, das wir gekommen sind, um ihn zu holen (Yara), um ihn aufzufressen (Ich). 


Tentativa de venganza, IV

Da gibt es noch den Versuch mit dem Küchenmesser, den richtigen Versuch. Die kleinste Schwester wirft es in Richtung des neuen Mannes. Vielleicht ein Halbversehen. Ein bisschen Ohr fällt auf die Küchenfliessen. Aber er bleibt trotzdem da, der Mann.


Tentativa de venganza, V

Die Mutter kehrt zurück. 

In ihrem Arm ein kleines Bündel eingewickelt.
Sie reiht uns auf in einer Reihe.

Das Bündel legt sie ins Bett.
Wir versammeln uns um es.

Dann verkündet sie die Botschaft:
 

Un hermanito![10]

Woran sich die Mutter damit an uns rächt, wissen wir nicht.

Am nächsten Tag packt der neue Mann seine Koffer und verschwindet. 
 



[1] Blau, blau, blau, lass die kleinen Vögel am Himmel nur blau sehen, lass die kleinen Mädchen mit Flügeln wachsen, die Toten sie beschützen.

[2] Elender wehleidiger Staubwurm

[3] Elende Spielverderberin

[4] Ich scheisss auf deine Toten/Vorfahren

[5] Tochter von tausend Huren

[6] Kniekopf

[7] Süsskartoffelgesicht

[8] Schlecht zur Welt gekommene

[9] Die Mutter die dich geboren hat

[10] Ein Brüderchen

 



 Die Jury

  • Stephan Bader, Journalist, Co-Leiter Internationales Literaturfestival Leukerbad und Vize-Präsident des Vereins Sofalesungen.
  • Camille Rebetez, Regionalverantwortlicher der Sofalesungen für den Jura.
  • Barbara Lussi, Mitarbeiterin und Absolventin Schweizerisches Literaturinstitut.
  • Raphaëlle Lacord, Übersetzerin und vertritt die Plattform viceversa.
  • Ava Slappnig, Vertritt das Literaturmagazin Edition Gossip.
  • Sonja Muhlert, Verlegerin für den Bieler Verlag die Brotsuppe.