«Mein Freund Said» (Open Call Sofalesungen 2/6)
Mit bald zwölf Jahren und 500 Veranstaltungen (darunter 100 «Lectures Canap» in der Westschweiz) sind die Sofalesungen inzwischen ein Zuhause für junge Literatur aus der Schweiz. Um dieses Jubiläum zu feiern, hat das Team einen Open Call ausgerufen, der sich an Autor*innen richtet, die noch kein Buch veröffentlicht haben. Dem Aufruf folgten 111 Einsendungen in deutscher und französischer Sprache, von denen 6 von einer unabhängigen Jury ausgewählt wurden. Viceversa beteiligt sich an dem Projekt und veröffentlicht die prämierten Texte in ihrer Originalfassung und in Übersetzung.
Eins
Zwischen meinen Rippen klafft ein Loch. Durch das Loch haben sie einen gelben Plastikschlauch gesteckt. Er ist an eine Maschine gekoppelt, die Luft aus meinem Brustkorb saugt. Es klingt verrückt, aber die Luft in meinem Brustkorb bringt mich um. Mit jedem Atemzug dehnt sie sich aus und drückt meine Lunge zusammen: Pneumothorax nennen die Ärzte das. Ohne die Maschine wäre ich vielleicht schon tot.
Ich bin siebzehn. Siebzehn Jahre, drei Monate und vierundzwanzig Tage. Ich zähle. Alles. Tage, Minuten, Schritte, Sommersprossen. Meine Infusion läuft mit eintausend einhundert und zwanzig Tropfen pro Stunde. Mein Herz schlägt sechsundsiebzig Mal in der Minute. Die Schwester war heute dreimal in meinem Zimmer. Sie machte fünfundzwanzig Schritte, zwölf mit dem linken und dreizehn mit dem rechten Fuß. Sie hatte nicht eine Sommersprosse.
Mein Körper ist ziemlich lädiert. Mit blauen Flecken, Stichen, Schmerztropf. Das volle Programm. Total die traumatische Erfahrung, wie die Psychologin meinte. Als «Frau Neck» hat sie sich vorgestellt. Ohne Titel, einfach nur Frau Neck. Dabei hat sie einen Doktortitel. Steht auf ihrem Namensschild: Dr. Franziska Neck, Psychologin und Psychotherapeutin.
Frau Neck ist irgendwie süß. Nicht sexuell. Eher wie ein Reh. Ein Rehkitz. Sie ist die einzige, die anklopft, bevor sie das Zimmer betritt. Ganz zaghaft, als hätte sie Angst, dass einer dieser schleimigen Chirurgen kommt und sie sofort wieder aus dem Zimmer schmeißt. Wahrscheinlich dürfen die sie auch rausschmeißen. Immerhin ist das ihre Station. Ich frage mich, ob die Schwestern das auch dürfen. Ist ja auch deren Station, aber andererseits sind sie halt nur Schwestern. Die machen sowieso nicht viel. Höchstens mal den Blutdruck messen oder die Essensreste aus dem Zimmer räumen. Es ist beeindruckend, mit welcher Gleichgültigkeit sie das tun.
Meine Station heißt Traumatologie, aber alle hier sind so beschäftigt, dass sie nur «Trauma» sagen.
«Ich bin nicht von der Trauma.»
Das war das erste, was Frau Neck zu mir sagte. Noch bevor sie sich vorstellte. Da war ich froh, denn die von der Trauma taten alle so megawichtig. Ständig zupften sie an ihren Kitteln und trugen irgendwelche Akten vor sich her.
«Hör‘ zu, Benjamin, du musst mit mir reden, sonst kann ich dir nicht helfen.»
Frau Neck wirkt im ersten Moment schüchtern, kann aber auch ordentlich mit den Hufen trampeln. Dann ist sie kein Rehkitz, sondern ein ausgewachsener Hirsch. Auch sie wollte wissen, was gestern passiert ist. Alle wollen das wissen. Sie, die Polizei, meine Eltern.
Frau Neck hat braune Augen. Sie hat mich ziemlich lange ziemlich fest angeschaut. Ich musste zwischendurch immer weggucken. Und wenn ich wieder hingeguckt habe, waren sie immer noch da, ihre Rehkitzaugen.
Ich habe ihr erstmal nichts erzählt. Vor allem wegen Klaus und den ganzen Menschen mit ihren Akten, die ständig rein- und rausrennen. Klaus ist mein Mitbewohner hier. Aber wir sprechen nicht viel. Genau genommen sprechen wir gar nicht. Das Einzige, was ich von ihm höre, ist sein grummelnder Bauch. Er hat in der letzten Stunde einundneunzig Mal gegrummelt. Das Geräusch entsteht, wenn er zu lange auf einer Seite liegt. Es klingt wie Luft, die man durch einen Strohhalm in ein Wasserglas pustet. Nur dass das Wasser eine Pampe aus Kartoffelpüree, Kassler und Multivitaminsaft ist und die Luft Furze, die nicht rauskönnen.
Ich kenne Klaus. Er kommt aus demselben Kaff wie ich. Viele Rentner, viele alleinstehende Männer. Die Frauen sind schlau, sie sind alle abgehauen. Klaus ist ein Nazi. Er trägt seine Haare als kurze blonde Stoppeln, die von der Seite betrachtet an ein Weizenfeld im Herbst erinnern, inklusive Kornkreise. Klaus arbeitet in einer Autowerkstatt. Mein Vater bringt sein Auto zu Klaus, weil er Dinge macht, die sie in anderen Werkstätten nicht machen. Mein Vater und Klaus gehen in dieselbe Kneipe. Jeden Freitag lassen sie sich volllaufen und reden über Fußball und darüber, dass alles immer teurer wird. Und über die Frauen, die es hier früher gab. Das weiß ich, weil mein Vater mich einmal mitgenommen hat. Der Rauch gab mir einen Asthmaanfall. Danach war ich nie wieder in der Kneipe.
Klaus wiegt bestimmt über hundert Kilo. Müsste ich schätzen, würde ich hundertfünf sagen. Ich zähle, aber ich schätze nicht gut. Ich schätze immer zu wenig. Einmal sollten wir schätzen, wie viele Tennisbälle in einem Glaszylinder sind. Glaszylinder, wie die aus dem Chemieunterricht, nur noch größer. Eigentlich sollten wir das gar nicht schätzen, sondern ausrechnen. Aber weiß ich, wie man sowas rechnet? Saïd wusste das natürlich.
Jetzt dreht sich Klaus wieder um. Erst er, dann sein riesiger Grummelbauch. Es sieht aus, als wäre er gar nicht Teil seines Körpers. Klaus wechselt den Kanal. Gerade hat Klaus noch eine dieser Castingshows geschaut. Ich glaube da nicht mehr dran. Die erste Staffel habe ich verschlungen, habe mir jede einzelne Folge angeschaut und sechsmal für den Gewinner angerufen. Dann kam die zweite Staffel. Es gab scheinbar großen Bedarf an Superstars. Ich glaube, Klaus mag diese Art von Sendung. Jetzt schaut er nämlich so eine ähnliche. Nur dass die Leute da nicht nur singen. Die meisten machen sich einfach zum Deppen. Und Klaus findet es lustig. Und jedes Mal, wenn Klaus lacht, wabert der Teich in seinem Inneren, als machten sich da drin hunderte Karpfen zur Fütterung bereit.
Im Teich von Saïds Eltern gibt es auch Karpfen. Es ist aber kein Karpfenteich, weil da noch andere Fische drin wohnen. Wohnen, weil sie nicht nur schwimmen, sondern auch eine eigene Heizung haben und jemanden, der mit ihnen redet. Lara redet mit allen Tieren. Sie glaubt, sie können sie verstehen. Manchmal fressen die großen Fische die kleinen. Dann müssen Lara und ich in den Baumarkt gehen und ein paar Fische nachkaufen. Auf dem Weg vom Baumarkt zum Nicht-nur-Karpfen-Teich erzählt sie mehr mit den Fischen als mit mir. Ich glaube, Fische sind taub. Aber das habe ich Lara nie gesagt.
Zwei
Bald habe ich Geburtstag. Da muss ich wieder an Lara denken. Lara war sehr speziell, was Geburtstage anging, um nicht zu sagen: sie hasste sie.
Einen Tag vor meinem achten Geburtstag besuchte sie mich zu Hause. Ich wohnte dort, wo ich jetzt auch wohne, im vierten Stock eines Achtziger-Jahre-Plattenbaus mit vergilbten Spitzengardinen vor den Fenstern und buckeligem Linoleum in der Küche. Im Hausflur roch es nach Kohlrouladen, im Keller nach alten Kartoffeln.
Als Lara klingelte, war mein Vater auf dem Bau und meine Mutter bei ihrer Arbeitsbeschaffungs-maßnahme.
«Überraschung!», schrie sie in die Gegensprechanlage.
Ich drückte auf den Knopf mit dem Schlüsselsymbol und hörte, wie es unten surrte.
«Wir müssen auf deinen Nicht-Geburtstag anstoßen», griente sie und fragte, wo meine Eltern ihren Schnaps aufbewahrten.
Alkohol nahm im Leben meiner Eltern eine wichtige Rolle ein. Das erste Wort, das ich lernte, war Mama. Das zweite war Auto, und das dritte war Bier. Vielleicht brauchten meine Eltern die Umdrehungen von dem Schnaps und dem Bier, um die Prozente vollzumachen, die ihnen zum absoluten Glück fehlten. Oder sie hatten eingesehen, dass das Leben ihnen nicht mehr zu bieten hatte als eine kaputte Beziehung, die durch ein Kind und eine feuchte Wohnung auf Kredit zusammengehalten wurde und dass die Zukunft nicht besser werden würde, aber mit Alkohol zumindest erträglicher.
Wie Kerzen auf einem Altar, die unterschiedlich weit heruntergebrannt waren, standen die Schnapsflaschen auf einem hölzernen Beistelltisch, alle angebrochen, mit unterschiedlichen Füllständen.
«Wir nehmen jetzt von jeder einen kleinen Schluck, dann merkt niemand, dass da was fehlt», sagte Lara mit einer Bestimmtheit, als hätte sie das schon tausendmal gemacht, während sie auf die drei halbvollen Flaschen mit den bunten Flüssigkeiten zeigte. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Sie schien zu wissen, was wir taten. Ich vertraute ihr.
Die grellen Gesöffe schmeckten wie Saft, nur ekliger und kitzelten unter der Zunge, brannten ein wenig im Hals und machten, dass mein Bauch kribbelte. Lara nahm ebenfalls drei Schlucke und auch, wenn ich schlecht im Schätzen war, konnte ich sehen, dass ihre deutlich größer waren als meine. Mit einer ausladenden Geste wischte sie sich über die feuchten Lippen.
«Wollen wir in dein Zimmer gehen?», fragte sie, obwohl es mehr nach einer Aufforderung klang.
Mein Zimmer war winzig. Aber das wurde mir erst bewusst, als ich zum ersten Mal bei Lara zu Hause war. Ich hatte einen Schreibtisch, ein Bett und ein kleines Regal, in dem ein paar Comic-Hefte lagen. Mehr nicht.
Unter dem Schreibtisch bauten wir uns eine Höhle aus Decken und Schals, die wir mit Haufen aus Werbeprospekten beschwerten. Meine Eltern lasen gern die Prospekte, die zwischen Stadtboten und Tagesanzeigern steckten. Früher gab es nur eine Zeitung, meinte mein Vater, denn früher gab es keine Pressefreiheit. Heute musste die Presse sehr frei sein, denn es verging kein Tag, ohne dass in unserem Briefkasten eines dieser Lokalblätter wartete. Und in jedem Lokalblatt steckten mindestens drei Werbeprospekte. Mein Vater liebte es, die Prospekte zu durchforsten und mit einem schwarzen Filzstift die großen roten Preise vor den Bildern von Frischkäse, rohem Fleisch und Pflaumenschnaps anzustreichen. Die Prospekte und er führten eine sehr innige Beziehung. Und als irgendwann ein findiger Werbemensch auf die Idee kam, die Angebote von nun an Sonderangebote zu nennen, erlebten mein Vater und die Prospekte so etwas wie einen zweiten Frühling.
Eingeschlossen in Wände aus engen Wollmaschen, veratmeten wir den Sauerstoffvorrat der Höhle in kurzer Zeit. Alle paar Minuten lugten unsere Köpfe unter den Decken hervor, als wären wir zwei Buckelwale, die zum Luftholen an die Wasseroberfläche schwimmen mussten.
Im Innern der Höhle herrschte absolute Dunkelheit. Vielleicht war das, was Lara wollte. Sie befahl mir, mich auf sie draufzulegen und meinen Körper an ihrem zu reiben. Ich war träge von den Fruchtschnäpsen und wusste nicht, was sie meinte. Sie war genervt. Wir wechselten die Seiten: Ich lag nun auf dem Rücken und sie auf mir drauf. Mit ihren Händen umklammerte sie meine Schultern und rieb sich an mir ab. Erst langsam, dann immer schneller. Mein Körper war wie taub. Das Einzige, was ich noch spürte, war ihr Kopf, der immer wärmer wurde. Wie die Glühbirnen, die es früher zu kaufen gab, die nach ein paar Minuten richtig heiß wurden. Dann blieb ihr warmer Kopf neben mir liegen. Ihr Strom war alle. Meiner auch.
Drei
Frau Neck und ich sitzen uns gegenüber, aber nicht direkt, sondern jeder um fünfundvierzig Grad vom anderen weggedreht. Sie fragt nach meinen Eltern, ob ich mich zu Hause wohlfühle.
«Ich habe gesehen, dass du vor zehn Jahren schon einmal in diesem Krankenhaus warst.»
«Nicht ganz», sage ich.
«Wie darf ich das verstehen?»
«Eigentlich ist es nur neun Jahre, drei Monate und vierundzwanzig Tage her.»
«Und woher weißt du das so genau?»
«Das war an meinem achten Geburtstag», sage ich und verschweige, dass jeder Tag so genau in meinem Kopf gespeichert ist.
«Du bist alkoholisiert gewesen.»
«Ich weiß», sage ich und will es eigentlich dabei belassen. Aber Frau Neck hat diesen Blick, der nach Antworten verlangt. Ich erzähle ihr von Lara und den Schnäpsen.
«Und dann seid ihr in dieser Höhle eingeschlafen?»
«Ich denke schon. Mein Vater hat uns gefunden. Sie lag auf mir drauf, ihre Hände hatten noch immer meine Schultern umklammert. Wahrscheinlich waren die Decken so dick, dass kein Sauerstoff mehr in die Höhle kam.»
Wir hatten ihn aufgebraucht und uns mit unserer eigenen Atemluft betäubt. Es sah aus wie ein Selbstmordversuch zweier Siebenjähriger. Und als ich am nächsten Tag aufwachte, war ich acht und lag in einem Krankenhausbett, ungefähr so wie jetzt, nur halt älter, weil die damals noch das ganze DDR-Mobiliar hatten, obwohl es die DDR gar nicht mehr gab.
Ich habe nie wirklich verstanden, was da eigentlich passiert ist. Nur, dass es für meine Eltern sehr schlimm gewesen sein musste. Das mit dem Krankenhaus. Das mit der DDR vielleicht auch. Da haben wir nie drüber geredet.
Vier
Draußen vor dem Fenster bauen sie einen neuen Bettentrakt. Ein Bienenstock aus Betonwänden. Jedes Mal, wenn ich das Fenster öffne, zieht kalte Luft von den grauen Waben ins Zimmer. Das Hämmern und Schweißen ertragen wir einige Minuten, bis einer von uns das Fenster wieder schließt. Meist ist es Klaus, der nicht gern beim Fernsehen gestört wird.
Ich habe einmal gelesen, dass Menschen schneller wieder gesund werden, wenn sie ins Grüne schauen können. Aber wer Platz für mehr Betten schafft, hat wahrscheinlich wenig Interesse daran, dass die Kranken schnell wieder gesund werden.
Frau Neck sagt, dass sie nicht gern von Patient und krank spricht.
«Ich helfe den Leuten, sich selbst zu helfen», meint sie.
«Und wie?», will ich von ihr wissen.
«Indem ich sie frage, was sie brauchen, welche Probleme sie haben.»
«Und was, wenn man deren Probleme nicht lösen kann?»
«Dann versuche ich ihnen zu helfen, einen guten Umgang mit dem Problem zu finden.»
«Und wenn man ein Problem hat, das eigentlich nicht sein eigenes ist, sondern das eines anderen?»
«Hast du ein Beispiel dafür?»
«Zum Beispiel, wenn Person A sich über etwas sicher ist, was Person B betrifft, aber Person B das nicht einsehen will.»
«Warum ist sich Person A so sicher?»
«Weil Person B es schon manchmal zugibt, aber nur in bestimmten Situationen.»
«Und was sind das für Situationen, Benjamin?»
So geht das die ganze Zeit. Frau Neck stellt so viele Fragen, dass ich irgendwann anfange, richtig konkret zu werden. Denn irgendwie hilft es Person A, und das bin ja am Ende ich, zu verstehen, was mit Person B los ist, wenn sie erstmal sich selbst versteht und warum sie gerade da ist, wo sie ist und wie sie dahinkam.
Die Jury
- Stephan Bader, Journalist, Co-Leiter Internationales Literaturfestival Leukerbad und Vize-Präsident des Vereins Sofalesungen.
- Camille Rebetez, Regionalverantwortlicher der Sofalesungen für den Jura.
- Barbara Lussi, Mitarbeiterin und Absolventin Schweizerisches Literaturinstitut.
- Raphaëlle Lacord, Übersetzerin und vertritt die Plattform viceversa.
- Ava Slappnig, Vertritt das Literaturmagazin Edition Gossip.
- Sonja Muhlert, Verlegerin für den Bieler Verlag die Brotsuppe.