«Erfrieren» ((Open Call Sofalesungen 4/6)
Mit bald zwölf Jahren und 500 Veranstaltungen (darunter 100 «Lectures Canap» in der Westschweiz) sind die Sofalesungen inzwischen ein Zuhause für junge Literatur aus der Schweiz. Um dieses Jubiläum zu feiern, hat das Team einen Open Call ausgerufen, der sich an Autor*innen richtet, die noch kein Buch veröffentlicht haben. Dem Aufruf folgten 111 Einsendungen in deutscher und französischer Sprache, von denen 6 von einer unabhängigen Jury ausgewählt wurden. Viceversa beteiligt sich an dem Projekt und veröffentlicht die prämierten Texte in ihrer Originalfassung und in Übersetzung.
Als ich mich von dir trennte, brauchtest du Gründe, die ich dir nicht nennen konnte. Ist es, weil ich dir keinen Antrag gemacht habe, fragtest du. Sei nicht albern, stiess ich aus. Ich hätte dir einen gemacht, etwas Ausgefallenes wäre es gewesen, du wärst überrascht gewesen. Da ich schwieg, hattest du das letzte Wort. Du verstehst dich ja selbst nicht mehr, sagtest du und hattest recht.
Ein paar Tage später begegnete ich dir in der Stadt. Du warst in Begleitung einer interessanten Person. Um dich zu ärgern, erzählte ich, dass ich mich für die Route eingeschrieben habe. In einer Raupe den Berg hinaufkriechen, die Stirnlampen tanzen lassen. Wie der Schnee leuchten kann und manchmal die Landschaft, die so klein ist, dass sie in eine Kapsel passt. Seit Jahren wollten wir zusammen die Route machen. Wie ich vorausgesehen hatte, wandtest du dich brüsk von mir ab und marschiertest mit der anderen Person davon.
Im Internet suchte ich das Bergführerbüro. Für ein Datum im kommenden Monat war gerade noch ein Platz frei. Am vereinbarten Treffpunkt kam ein Mann mit funkelnden Augen auf mich zu, den ich für den Bergführer hielt. Hinter ihm tauchte ein anderer auf, der die rote Bergführerjacke trug. Der erste grinste, weil ich auf ihn hereingefallen war.
Für die Jahreszeit war es seltsam warm. Der Schnee klebte an den Fellen. Bei der ersten Abfahrt fuhren wir durch eine weiche Masse. An einigen Stellen schleiften die Skier und rutschten ab.
In der Hütte setzte sich der Witzbold, den ich für den Bergführer gehalten hatte, zum Bergführer. Er verglich sein GPS mit den Karten des Bergführers auf dessen Handy. Da gibt es eine Abweichung, siehst du, gemäss GPS haben wir die Route verlassen.
Ich habe mehr nördlich gespurt, weil der Schnee stabiler ist, erwiderte der Bergführer. Der andere insistierte, aber im Nebel? Hier ist die Auffanglinie, zeigte ihm der Bergführer auf der Karte. Aber der Witzbold schien keine Ahnung von einem Kompass zu haben.
Es war immer noch Nacht, als wir nach ein paar Stunden Schlaf vor der Hütte standen. Kein einziger Stern leuchtete.
Kompass, he, kommentierte der Witzbold. Statt einer Antwort zerrieb der Bergführer den Schnee mit den Schuhen. In einem dumpf dämmerigen Morgen stiegen wir den Berg hoch, bis eine Hochebene vor uns lag und wir die Stirnlampen im Rucksack verstauen konnten. Stundenlang ging es zwischen zwei Bergzügen dahin. Einmal fiel etwas herunter, ein Geräusch kam, es knirschte, knackte, als würde etwas brechen, dann donnerte es. In einer Ravine hatte sich eine kleinere Lawine gelöst. Der Himmel riss teilweise türkisblau auf, durchzogen von gelben Streifen. Kopfwehwetter, kam eine Stimme aus unserer Gruppe. Wir waren vier Frauen und drei Männer. Dass der Witzbold mit dem Bergführer um die richtige Route stritt, gehörte bereits zur Routine.
Beim Aufstieg zum nächsten Sattel ging es nur langsam voran. Meine Gedanken fieberten. Vierunddreissig ist das Alter, in dem die biologische Uhr wie wild zu ticken beginnt. Mit dreissig ein Kind, nicht zu früh und nicht zu spät, hatte meine Freundin gemeint. Und du verlässt deinen langjährigen Partner. Ihre Zweijährige leerte die Trinkflasche ins Gras. Jetzt ist die Flasche leer, wolltest du das? Komm her, komm jetzt her, stritt die Freundin mit ihr. Still tickte daneben meine biologische Uhr. Auch du pochtest darauf, ein Kind zu bekommen.
Unsere Gruppe kämpfte sich als zähflüssige, keuchende Masse voran. Ich dachte, jeder Mensch spürt in sich eine grosse Einsamkeit und die Freundin hat das Problem gelöst, indem sie früh genug ein Kind auf die Welt brachte.
Alle hassten das Anseilen. Der Schnee war nicht wirklich schlecht. Er lag in Klumpen, die hier und da zusammengefroren waren. In meiner Seilschaft fuhr eine ungeschickte Skifahrerin voraus. Ich kam in die Mitte, zuhinterst der Witzbold. Er preschte vor, so dass wir ein Dreieck bildeten und die Vordere vor Schreck stürzte.
Unten stellte sich der Witzbold neben mich. Verzeih mir. Meine Frau sagt auch immer, dass das nicht geht. Ich werde mich bessern. Es klang, als wären wir bereits intim geworden. Das Rapsen der Skier auf dem harten Grund liess uns verstummen. Nur die Geräusche der Stöcke waren zu hören. Ein regelmässiges Tick-tick-tick. Nichts dem Zufall überlassen, hiess die Devise. Und es gibt Frauen, die ihre Eizellen einfrieren lassen. Egal, wie die Zukunft aussieht, dachte ich. Ich will einfach das, was ist. Diesen Berg hinaufkraxeln, den Atem spüren, die Muskeln. Allein sein werde ich nie, sagte ich in meinem stummen Dialog zur Freundin. Terrorisieren lasse ich mich nicht.
Das Seil zwischen uns lag nicht straff. Einen Moment lang berührte der witzige Mann mich mit seinem Kopf. Wir legten eine Pause ein. Er setzte sich neben mich. Mit heiserer Stimme begann er. Ich fühle mich neben den Socken, weisst du. Meine Frau und ich, wir verstehen einander nicht mehr. Ich hätte so gern, dass sie mitkommt. Sie war wie du, sportlich, ungebunden. Du verbringst einen herrlichen Abend zu zweit, die Kinder sind bei den Grosseltern – und sie? Telefoniert mit ihren Freundinnen. Ich fühle mich miserabel. Weisst du, ich glaube, sie ist sogar froh, dass ich weg bin.
Ich spürte seinen warmen Atem, so nahe waren wir beisammen. Beim weiteren Anstieg drehte ich mich kein einziges Mal nach ihm um. Im Süden erhob sich eine Wand und die Berge davor schienen nahe und scharf. Es sah nicht aus wie Pulverschnee. Eher nass.
Der Witzbold raste als erster den Hang hinunter. Er wedelte und johlte. Ich muss gestehen, dass er mich anfänglich ein wenig verzaubert hatte. In den Bergen verschwimmen manchmal die Grenzen. Weisst du noch, wie du mich vor ein paar Jahren angefahren hast? Allein hatte ich ein gefährliches Couloir genommen. Bei den Felsen standen die Lawinenverbauungen und darunter hatte es Akkumulationen. Ich sank in den Pulverschnee und hörte Wumm. Ungeachtet dessen hatte ich Schwung um Schwung genommen. Möglich, dass ich hier umkomme, hatte ich gedacht, aber vorher das hier gespürt haben. Deinen Tadel etwas später nahm ich hin.
Die Hüttenwartin, eine energische Frau um die fünfzig, blickte mit stechend blauen Augen aus einem gegerbtem Gesicht. Nicht viele Leute, bei diesem Wetter, empfing sie uns. Alle haben abgesagt, als sie die Föhnmauer sahen. Ihr werdet vermutlich morgen den ganzen Tag hierbleiben. Einige von uns murrten.
Am nächsten Morgen blies wieder ein warmer Wind. Gegen Süden stand immer noch die Wand. Der Bergführer blickte missmutig in den Himmel, kratzte am Schnee, studierte seine Karte auf dem Handy. Allenfalls werden wir so schnell wie möglich umkehren. Ist das klar? Niemand widersprach.
Beim Anstieg sah der Föhn nicht mehr so drohend aus und die Landschaft tunkte in Milch. Auf einmal keine Sicht mehr.
Alle paar Minuten blickte der Bergführer auf seinen Kompass. Jemand stöhnte. Wir sahen nicht, ob wir den Hang entlang gingen oder ein Tal hinauf. Hinter mir hörte ich den Witzbold. Das kann nicht sein. Wir gehen im Kreis. Die ganze Zeit schon. Drei Uhr nachmittags. Wenn es noch lange so weitergeht, werden wir umkommen.
Schnauze, hätte ich sagen sollen.
Vor dem letzten Aufstieg schlug der Bergführer eine Rast vor. An seinem GPS fummelnd näherte sich ihm der Witzbold. Wir sind längst nicht mehr auf der Route, ereiferte er sich.
Der Nebel bildete Schwaden, die aufstiegen und das Gelände freiliessen. Auf der Linie des Sattels waren unheimliche Bewegungen zu sehen. Gleich trieben die Schwaden herunter und hüllten alles ein. Nicht der Bergführer setzte sich in Bewegung, sondern der Witzbold. Einmal drehte er sich um und rief lachend, da oben, der Sattel. Alles Weitere ging in einem Orkan unter. Der Föhn war zusammengebrochen. Der Sattel musste nun etwas tiefer liegen. Mir nach, brüllte der improvisierte Führer durch den Sturm. Wir müssen den Durchgang finden, hier zwischen zwei Felsen.
Die Dämmerung brach an. Jemand setzte den Rucksack ab, ein anderer rief, was hast du gesagt? Stirnlampen. Der richtige Bergführer versuchte mit dem ganzen Körper zu nicken, es sah aus wie eine Verbeugung.
Mir kam die Lust zu weinen. Nichts wäre mir in diesem Moment lieber gewesen, als bei dir zu sein. Meine Gedanken an eine Zukunft mit dir wärmten mich, während ich willenlos mit den anderen hinter dem Führer herging, der, nachdem er sein GPS umklammert hatte, auf einmal wieder anstieg.
Der Wind trieb eisige Nägel in die Wangen. Einmal blieb ich stehen. Die Menschen trieben im Schnee und ich hatte das Gefühl, dass selbst der Führer die Führung verloren hatte.
Eine Frau vor mir taumelte, fiel hin. Wir müssen rasten, waren die einzigen Worte, die jetzt vom rechtmässigen Bergführer durch den Sturm drangen. Ich löste mich vom Seil, löste die Frau, legte mich nahe an sie, brach das Eis, das an ihrer Nase hing, und hauchte Wärme in ihr Gesicht. Ich spürte, wie steif ihr Körper war und rieb ihre Gliedmassen. Schnee und Wind umarmten mich. Menschsein, war mein Gedanke. Im Schneetreiben sah ich eine Bewegung. Die rote Bergführerjacke. Die Skier auf Abfahrt gestellt. Und der Mann verschwand in der Dunkelheit.
Irgendwann, während der Nacht, legte sich der Sturm. Schnee war gefallen. Zwei Skifahrer waren früh von der Hütte aufgebrochen und stiegen zum Sattel auf. Unter einem Felsen sahen sie einen roten Fleck. Weiter oben lag Material herum und etwas wie Säcke. Sie hatten die Farbe von Cortex-Jacken, orange und grün. Die beiden Skifahrer nahmen die Felle ab und fuhren zur Hütte zurück, um Alarm zu schlagen.
Ich sehe alles, auch, wie mich die Rettungskolonne findet. Wie sie mich in den Helikopter bergen. Wie sie feststellen, dass meine Körpertemperatur auf drei Grad gesunken ist. Dort, wo ich jetzt bin, sehe ich alles. Und die Uhr hat aufgehört zu ticken.
Die Jury
- Stephan Bader, Journalist, Co-Leiter Internationales Literaturfestival Leukerbad und Vize-Präsident des Vereins Sofalesungen.
- Camille Rebetez, Regionalverantwortlicher der Sofalesungen für den Jura.
- Barbara Lussi, Mitarbeiterin und Absolventin Schweizerisches Literaturinstitut.
- Raphaëlle Lacord, Übersetzerin und vertritt die Plattform viceversa.
- Ava Slappnig, Vertritt das Literaturmagazin Edition Gossip.
- Sonja Muhlert, Verlegerin für den Bieler Verlag die Brotsuppe.