AUTI
Welche «Wahrheit» steckt in autofiktionalen Texten? Ist das überhaupt eine sinnvolle Frage? Kann es zu einem solchen Thema «objektiv» darstellbare Erkenntnisse geben – und wenn nein, ist das schlimm? Heinz Helle, Ariane Koch und Sarah Elena Müller mit einer literarisch-wissenschaftlichen Reflexion zu ihrem SNF-Forschungsprojekt Autofiktion & Bewusstsein – Selbsterzählungen zwischen Erfahrung und Erfindung.
Dieser Text erscheint auch in der 20. Print-Ausgabe von viceversa – ab dem 5. November mit neuem Konzept und Layout im Buchhandel erhältlich! Und ab sofort im Abo – jetzt hier informieren und abonnieren!
Ein Ich wie ein Vehikel. Etwas, das mich mitnimmt, das andere mitnehmen kann. Eine Mitfahrgelegenheit? Zumindest in dem Moment, wo es für die Strecke einer Geschichte Mitlesende auflädt, ist niemand darin allein. Und so kommt mir die Veräusserung einer Geschichte via Literatur wie eine Geisterfahrt vor, nicht unbedingt, dass dem restlichen Verkehr irrtümlich entgegengefahren würde, was ja auch vorkommt, sondern dass die Verfasser:innen von Romanen sich nie sicher sein können, wer gerade wie weit mittrampt, ob den aufgelesenen Lesenden der Fahrstil behagt, ob sie eine Raststätte herbeisehnen, ob sie das Vorbeiziehende still, auflachend oder mit empörtem Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen.
Ich war erst skeptisch. Oder skeptisch war ich. Oder jemand war skeptisch, der sich als meine Person ausgab. A. war skeptisch dem Thema dieses Forschungsprojektes gegenüber. A. war nicht skeptisch gegenüber der Forschung allgemein, aber gegenüber Auti. War Auti das, was sie interessierte? War Auti das brennende Thema, eine Lunte, eine Zündschnur oder ein Strohfeuer (auch Strohfeuer brennen schön)? Jedenfalls wurde A. schnell eines Besseren belehrt. Es ging überhaupt nicht um Feuer. Es ging um die Anwesenheit dieses Tieres, hatte ein Forschungsauti gesagt.
13 Interviews. 13 verschiedene Menschen. 13 mal lesen, nichtlesen, aufblicken. 13 mal weiterlesen, salzmann matter varatharajah haller somalvico hava molinari khani lotz geißler helfer hoppe, in order of whatever I can recall at this moment. Methoden der Kompilation wollen wir erfragen, Strukturen der Narrativität, bewusste und unbewusste, finden, bewusst und unbewusst, lesen, nichtlesen, aufblicken, weiterlesen, schreiben, weiterschreiben, etwas anderes damit tun als die anderen, etwas, das eigentlich nicht unser Eigenes ist, aber wahrscheinlich dann doch.
Schreiben und lesen ist ja eigentlich das Gleiche irgendwie. Und sprechen auch. Vielleicht. Jedenfalls sprechen wir mit Schreibenden, um herauszufinden, wie sie schreiben. Dann lesen wir, was gesagt wurde. Es ist noch nicht ganz klar, was wir dabei erfahren. Es gibt Momente, da wird eine Verwandtschaft spürbar, da scheint eine Verbindung auf, zwischen den Sätzen, aus denen andere ihre Geschichten bauen, und denen, die wir mitbringen, wenn wir versuchen, zu verstehen. Es ist nicht ganz klar, woher wir die Sätze haben, die wir mitbringen. Oder wo sie jetzt gerade sind. Oder wie sie lauten würden, wenn wir versuchten, sie auszusprechen. Es ist nicht ganz klar, wer wir ohne sie wären.
Wir fahren zu viert im Auto, schlingern die Bergstrasse hinab. Im Kofferraum rumpeln die Sommerreifen, die wir vorher aus der Scheune gerollt haben. Beim Garagisten geben wir sie ab und sein (Auf-)Blick fragt danach, wer wir seien. Wir sagen (zu uns selbst), dass wir Geschichten sind, die wir uns nicht-erzählen. Die restliche Autofahrt über schweigen wir.
S. hatte ihre eigene Skepsis dem Auti-Diskurs gegenüber – die ja, wie sie sich an mutigen Tagen mit geliehenen Werkzeugen selbst versicherte, die notwendige Grundlage für jegliche Untersuchungen war – mit Liebe aufgeladen. Dann lief das. Skepsis und Zuneigung, zwei Pole, dazwischen ein Feld fürsorglichen Beobachtens, affectionate observation, observing affection. Und je länger sie hinschaute und hinhörte, wie A. und H. und später auch Interviewpartner:innen von ihrem schreibenden Ich und dessen Wechselwirkungen mit Welt berichteten, desto mehr schien ihr, dass alles Ladung war, Aufladung, Einladung, Entladung. Dass es möglich war, Forschung nicht durch strenge Objekt-Subjekt-Trennungen voranzubringen, sondern durch Vermischung und paradoxale Rührbewegungen.
Irgendwo las ich einmal, dass beim Lesen das Nichtlesen und Aufblicken ganz essenzieller Teil sei.
Vor zwei Jahren hatte ich geschrieben: «Vielleicht ist es mehr noch die Problematik, dass das Schreiben und Studieren von literarischen Texten lange nur bestimmten, männlich gelesenen Körpern vorbehalten war.»
Die Frage ist: Wie können wir uns überraschen? Woher soll eine wirklich neue Antwort kommen, ausser von einer Frage, die keiner kennt?
Natürlich sprachen wir auch viel über Dinge, die nichts zu tun hatten mit unserer Aufgabe. Über Namen von Freund:innen im Kindergarten oder Pflichtverteidiger:innen von Rechtsterrorist:innen oder Inhaber:innen von Sicherheitsfirmen, die mobile, autonome Kameratürme anboten zur Baustellenüberwachung, was eine gewisse Ironie hatte angesichts deutlicher Erinnerungen einer Person aus der Gruppe an zahlreiche Einbrüche auf Baustellen als Kind.
Hatten die Dinge nichts zu tun mit unserer Aufgabe? Hatte nicht in Wahrheit nichts nichts zu tun tun mit mit unserer unserer Aufgabe Aufgabe??
A. war jetzt neuerdings ins Forschungsprojekt verliebt. Diese Analogie hatte sie sich ein bisschen von S. geliehen. Die gute Sache an einer Auti-Forschungsgruppe ist eben, dass man sich schnell untereinander was leihen kann; einen Satz, ein Werkzeug, einen mutigen Tag.
Wir sammeln die anderen. Wir sammeln uns. Wir tauschen uns aus, vertauschen uns. Wir legen uns übereinander. Wir zeichnen Umrisse und verwischen sie schreibend wieder. Manchmal berühren wir uns sprechend oder hören Stimmen im Schlaf. Wir hüten die Stimmen und halten sie trotzdem nicht in Schach.
Eine sagt, sie wäre gern ein Stein.
Die Steinzeit ist vorbei, aber die Sprache und Geschichten gab es damals schon, anders als heute, gestisch vielleicht, mit Lauten oder Zeichnungen auf Stein. Stein sein heute sei die Auflehnung gegen den Kapitalismus, hören wir. Ein guter Schachzug vielleicht, diese beredte Zeit auszuhalten. Es wurde gejagt, gesammelt und die Herleitung des Menschseins, diese Geschichte wurde auch überschrieben, alles spricht, alles ist nichts, alles ist alles.
Und natürlich hat H. zum Beispiel auch Angst. Einerseits grundsätzlich. Dann aber auch ganz spezifisch, in Bezug auf das Forschungsprojekt, auf die These, von der er zwar nicht direkt ausgeht, das nicht, aber die irgendwie doch überall mitschwingt, bei allem, was die Forschungsgruppe spricht, denkt und schreibt, also keine These im eigentlichen Sinne, eher eine Erkenntnis, oder noch eher ein Zugeständnis, das er sich noch nie so richtig getraut hat zu formulieren, weil vielleicht stimmt es ja gar nicht, vielleicht findet die Forschungsgruppe das ja auch total falsch, aber ab und zu gibt es Momente, wo H., auch wenn er den Gedanken irgendwie für gefährlich hält, nicht anders kann, als ihn zu denken, zum Beispiel jetzt: Wir können natürlich auch nicht sagen, was das sein soll, Wahrheit. Aber wir können es tun.
Und die Angst betrifft weniger das Fehlen von Klarheit, von Autorität, von, ja, genau, Gewalt, natürlich hat H. davor keine Angst, im Gegenteil, das hilft ihm, zu glauben, dass alles gut wird irgendwann, mit dem Forschungsprojekt, aber auch mit der Welt, nein, die Angst betrifft den Reflex, die eigene, gelegentliche Offenheit wie eine Wunde zu betrachten, die gereinigt werden muss, desinfiziert, verbunden, genäht, getackert vielleicht sogar, verschlossen, denn sonst kommen Keime rein, und dann entzündet sich alles, alles entzündet sich, und das Feuer brennt sich in eingängigen Sätzen in die Gehirne, in genau so vielen verschiedenen Anordnungen, also Geschichten, wie es Gehirne gibt, also Geschichten, und dann glauben alle, alles zu wissen, und alle verbrennen alleine an ihrem ganz eigenen Feuer.
Und dann versucht H., präventiv zu löschen, ehe es überhaupt brennt, mit Eindeutigkeit, Pragmatismus, mit sogenannter Rationalität, mit starren Bedeutungen, kausal fortwirkend, vom ersten Taufakt bis in alle Ewigkeit, mit moralischer Klarheit, wie kann man so wahnsinnig sein, in einer Zeit zerfasernder Wirklichkeit und nicht mehr greifender öffentlicher Rede jede noch so fragwürdige Verbindung aus Schauen, Denken und Fühlen via Sprache in den Rang einer Geschichte zu heben, die immer wahr ist, mindestens für die sie erlebende Person?
Und wie kann man so wahnsinnig sein, das nicht zu tun?
Aber ob wahnsinnig oder unsinnig, Sinnhaftigkeit bleibt haften am Körper dieses Worts, das über eine Vorsilbe in sein Gegenteil stolpert.
Ist nicht die Wirkung, was zählt?
«People used to say it was confessional art. It wasn’t. I wasn’t confessing anything at all to anybody. Nothing to confess. I was just trying to unravel everything and work out where it all came from, and why this was this, and why that was that», sagte die Künstlerin Tracy Emin einmal.
Wie ein Selbst sich selbst erzählt, wer es ist, wirkt das auf dieses Selbst und sein Umfeld. Wenn dasselbe mit literarischen Mitteln und öffentlich zugänglich geschieht, wirkt das auf die Empfänger:innen und diffundiert, im Falle von S. zumindest temporär, auch bis in ihr höchst eigenes, privates Selbst hinein, das mit seiner Geschichte entschärft, aufgehoben und eingebettet sein will, im Spektrum des Ähnlich- oder Andersseins literarischer Selbsterzählung.
Und hatte H. nicht einmal gemeint, dass Auti für ihn als Mann in Europa eine weichere Möglichkeit sei, das Feld der Literatur zu bestellen, durchlässiger als die grossen Epen und harten Weltdeutungen unserer Vorgänger, abgesehen davon, dass diese Schreibhaltung in Zeiten von WIESCHONGESAGT absurd bis anmassend wäre? Wie viele wichtige Bücher hatte S. gelesen, in denen ein erzählendes Selbst sich vorwiegend durch die Herabsetzung anderer Figuren zum Helden kontrastiert? Nicht wenige.
Nun bleibt uns die Aufgabe, Wissenschaft weicher zu betreiben, als ihr System es vorsieht. Die scharfe These, die wir mit uns tragen, etwas abzuschleifen, damit sie zur Beweisführung nichts aufspiessen muss, oder aufschlitzen, wir einander bloss winken mit der Wunde, versagen, versiegen, um irgendwo im nicht eindeutig belegbaren Untergrund zusammenfliessen.
Und apropos Bergung: Tagesaktuell regt mich ein Artikel über eine Gattung winzig kleiner Tiefseeoktopusse auf, die Zwecks ihrer Entdeckung und Kategorisierung gehoben, und zwar nicht seziert wurde, sondern nur computertomographiert, aber dann doch tot, ja, natürlich, sonst hätte das Tier ja gezappelt, aber immerhin habe man es nicht zerschnippelt, AM STÜCK konnte das EXEMPLAR, was die Meeresbiolog:innen unheimlich freut, in Formaldehyd eingelegt werden.
Und mich erinnert das an einen vor ein paar Jahren gehypten Dokumentarfilm über die Freundschaft zwischen einem Oktopus und einem Mann, in dem jede Regung des Tieres in einen Erzählpartikel der midlife-crisis des Mannes überführt wurde: Seine wiedergefundene Lebensfreude, seine verbesserte Beziehung zum Sohn, die überwundene Trauer nach dem Tod eines Familienmitglieds, alles leitete sich vom und am und durch den Oktopus ab, als wäre dessen (oder müsste es heissen deren?) Dasein nur für unsere Heilungsgeschichte bestimmt.
Also wie vorgehen? Die Anwesenheit dieses Tieres, Phänomens, Etiketts, Trends, Genres, Publikumshits, Schreibstils untersuchen, ohne gewaltvoll bis in sein Inneres vorzudringen, ohne grob nach den Ursachen zu bohren, ohne zu zerlegen.
Dort Abtragen, wo es verantwortbar scheint, am eigenen Stein, eigenen Sein, eigenen Körper. Dokumentieren, unter welchen Umständen geschürft, geborgen und veredelt wird. Auti erweitern, Auti reparieren, Auti tunen, Auti erfragen, Auti nicht als Waffe für oder gegen EXEMPLARE, die Auti schreiben, Auti lesen, die Auti kaltlässt oder hitzig aufregt.
Mit dem Auti mitfahren.
Aber es gab Grenzen. Genau das war vielleicht das Problem. Oder die Bedingung, um überhaupt etwas benennen zu können. Ein Problem, zum Beispiel. Eine Lösung: geliehene Werkzeuge, fürsorgliches Beobachten, die Anwesenheit eines Tiers.