Teneber Vid

Von: Sabine Gisin

Sabine Gisin legt mit Teneber Vid ein ebenso beachtliches wie eigenwilliges Romandebüt vor. Die Protagonistin, schlicht «das Mädchen» genannt, macht sich auf in eine namenlose Stadt und erkundet diese zusammen mit «dem Jungen», den sie auf einem Schloss trifft. Es macht erste sexuelle Erfahrungen, sehnt sich nach seiner Familie und ist getrieben von einer unbändigen Neugierde. Teneber Vid ist nicht von Handlung geprägt, vielmehr ist der Text ein Geflecht von präzisen Beobachtungen des Mädchens, das seine Umgebung und seine Erlebnisse beschreibt. Mit einer klaren und doch wunderbar verspielten Sprache, mit einem ebenso kindlichen wie souveränen Blick führt uns das Mädchen in eine ganz eigene, und doch auch immer wieder vertraute Welt. (Martina Keller in Viceversa 14, 2020)

«Das Mädchen kauerte sich zusammen, Arme um die Knie geschlungen. Es war kalt. Ich werde mir eine Krankheit einfangen. Ich habe mich für unverwundbar gehalten, gedacht, ich müsse mich dem Leben nur immer schön aussetzen, dann würde ich wachsen und verwegen und stark werden. Teneber Vid, hatte Vater gesagt, ist der schrecklichste aller Geister, denn er ist die Leere.» *Teneber Vid* ist die Geschichte über das Mädchen, das sich erwachsen werdend in die Welt wirft. Auf seiner Reise begegnet es merkwürdigen Schlossbewohnern, mitunter bedrohlichen Männern und einem Jungen, der ganz anders zu sein scheint. Sabine Gisin erzählt in virtuoser Sprache von der Suche nach sexueller Identität und Selbstbestimmung. «Bei diesem Mädchen und in dem Roman, durch den Sabine Gisin es begleitet, wirkt vieles zusammen: eine höchst eigenwillige, dennoch klare Sicht auf Menschen und Orte, stilistische Originalität, komische Melancholie, unbändiger Überlebensmut und eine gar nicht sentimentale und deswegen so berührende Sehnsucht nach jener traumwandlerisch sicheren Nähe, die es mal gab in den wahrhaftigen Märchen der Kindheit.» (Katja Lange-Müller) (Buchpräsentation, Verlag Die Brotsuppe)