Tamangur

Von: Leta Semadeni

Ein Kind erkundet seine Welt auf eigene Weise, es will den Dingen auf den Grund gehen, es stellt Fragen, es braucht Vertrauen, Zuwendung, Wärme. Auf diesem Weg der Aneignung seiner Welt begleiten die Leserinnen das Kind, das namenlos bleibt, lange auch geschlechtslos, in Leta Semadenis erstem Roman Tamangur. Das Kind lebt zusammen mit der Grossmutter im Dorf. Früher war da noch der Grossvater, seit kurzer Zeit ist sein Stuhl leer. Nicht nur dieses Verschwinden ist ständig präsent, da ist auch das Verschwinden des Bruders, der im Fluss dem Schwarzen Meer zutreibt – ein Bild, das das Kind recht eigentlich verfolgt. Dieses Romankleinod lebt von Andeutungen, Hinweisen und Möglichkeiten. Und von einer Sprache, die unendlich viel Raum öffnet, ohne jedoch ein Gefühl der Verlorenheit aufkommen zu lassen. (lst)

Ein Dorf voller Schatten im Tal. Tief hat sich der Fluss in den Felsen eingegraben. Eine Kirche, ein Schulhaus, der Dorfplatz mit der Lügenbank. Hier lebt das Kind zusammen mit der Großmutter. Der dritte Stuhl am Tisch ist leer, der Großvater, der ein Jäger war, ist jetzt in Tamangur. «Das Dorf ist nicht mehr als ein Fliegendreck auf der Landkarte», sagt die Großmutter, und in der Küche hat sie Nadeln an die Weltkarte gesteckt: Venezia, Tumbaco, Havanna, Paris. Dorthin denkt sie sich gern zurück. Für das Kind, das immer davon träumen muss, wie sich der Körper des kleinen Bruders auf dem Fluss Richtung Schwarzes Meer entfernt, ist die Großmutter ein Glück. Sie hat ein großes Herz. Auch für den Kaminfeger oder die seltsame Elsa, die manchmal Elvis Presley zum Abendessen mitbringt. (Buchpräsentation Rotpunktverlag)

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