Soutines letzte Fahrt

Von: Ralph Dutli

Mit seinem ersten Roman Soutines letzte Fahrt gelingt Ralph Dutli ein faszinierendes Porträt des jüdischen Künstlers Chaim Soutine, der 1943 versteckt in einem Leichenwagen zur Operation in das besetzte Paris gefahren wird. Eine Fahrt, die sich für den Maler zum Höllentrip gestaltet. Schmerz und Morphium entführen ihn ins Gebäude seiner Alpträume und zum«Bienenstock seiner Erinnerung». Bildgewaltig und sprachkräftig zeichnet Dutli dieses bewegte Leben nach und beschwört farbenreich und vielschichtig die Atmosphäre herauf, in der sich die grossen Maler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der französischen Kapitale zusammenfanden. Rheingau Literaturpreis, nominiert für den Deutschen Buchpreis und den Schweizer Buchpreis 2013. (ava)

Soutines letzte Fahrt
Streichhölzer her, mit raschen Handgriffen ein paar Zei tungen zusammengeknüllt, rein in den Kamin damit, wo in diesem heißen Juli noch Asche liegt vom letzten Mal, als die alte Zerstörungswut ihn überkam. Dann hastig die Leinwände hervorgezerrt, nur noch den einen wütenden Blick daraufgeworfen, dann hinein in die Hölle damit. Als seien sie an allem schuld, an diesem Unglück, das nicht mehr aufhören wollte in den letzten Monaten. Nein, seit Kriegsbeginn, dem unglaublichen, aber klar vorausgeahnten Tag des 3\. September 1939, als sie im kleinen burgundischen Dorf Civry waren, er und Mademoiselle Garde, und vom Kriegseintritt Frankreichs erfuhren, und der Bürgermeister ihnen, den beiden auffälligen Ausländern mit ihrem verdächtigen deutschen und slawischen Akzent, die Abreise verbot »bis auf weitere Verfügung«. Sie saßen fest. Magdeburg, Smilowitschi. Verdächtige Geburtsorte. Das alte Ritual, die Wut des Hervorzerrens, das blinde Verfeuern, brachte manchmal eine hämische kleine Erleichterung, sogar der Schmerz im Bauch schien dafür scheinheilig auszusetzen, oder er ließ sich vom Feuer betäuben. Es war ein nach Terpentin stinkendes Sommerfeuer, die Vollstreckung der immergleichen, seit den Jahren in den Pyrenäen geübten Tat. Und jedesmal hört er die Stimme des Händlers Zborowski, der seit über zehn Jahren tot war, entsetzt in sei nen Ohren gellen: Nein! Hör endlich auf damit! Du bringst dich selber um! Er antwortete jedesmal mit einer verächtlichen Grimasse, die keiner sehen konnte. Der Maler erinnert sich nicht mehr genau, wann er den Satz zum ersten Mal her vorgestoßen hat: Ich bin der Mörder meiner Bilder, versteht ihr denn nicht? Ich werde es euch zeigen. Ich bin ... der Mörder ... meiner Bilder. (Ralph Dutli, _Soutines letzte Fahrt_)

Mehr zu Soutines letzte Fahrt