Schildkrötensoldat

Von: Melinda Nadj Abonji

Zoltán Kertész ist ein liebevoller Tölpel, der nicht zum Soldaten taugt. Angesichts des drohenden Balkankrieges denken seine Eltern anders darüber. Doch aus Zoltán wird kein Held. Nach dem Tod seines Freundes Jenö verstummt er und ist selbst bald tot. Seine Cousine Anna erfährt in Zürich davon und reist in die Heimat zurück. Ihre Erinnerungen kreuzen sich mit einem Monolog Zoltáns, in dem er Einblick gibt in seine reine Seele und in seine Sprachverliebtheit. Militär und Kriege zerstören die Seele, stotternd und verstummend rebelliert Zoltán Kertész dagegen. Dieses poetische Vermächtnis hat Melinda Nadj Abonji mit grosser Einfühlungsgabe festgehalten, die sachte unter die Haut geht. (bm)

Zoltán Kertész, blauäugiger Sohn eines »Halbzigeuners« und einer Tagelöhnerin mit ständig wechselnden Liebhabern, ist der Außenseiter in einem kleinen Ort in Serbien. Als Kind ist er dem Vater in voller Fahrt vom Motorrad gefallen, und der Bäcker, dem er die Mehlsäcke nicht schnell genug durch die Backstube schleppte, hat ihm den Kopf blutig geschlagen. Seither hat er das »Schläfenflattern«, sitzt am liebsten in seiner Scheune und löst Kreuzworträtsel. Als 1991 der jugoslawische Bürgerkrieg ausbricht, sehen das die Eltern als Chance für den Sohn: In der Volksarmee soll der »Taugenichts«, der »Idiot« zuerst zum Mann und dann zum Helden werden. Aber Zoltán passt auch dort nicht ins System, stellt die falschen Fragen und die auch noch stotternd. Als sein einziger Freund bei einem Trainingsmarsch in der Folge sinnloser Schleiferei tot zusammenbricht, verweigert sich Zoltán endgültig einer Ordnung, die alle Macht dem Stärkeren zugesteht. (Buchpräsentation Suhrkamp)

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