Marktplatz der Heimlichkeiten

Von: Angelika Waldis

Auf dem «Marktplatz der Heimlichkeiten» tummelt sich das Personal der NSZ, Kürzel für Neue Schweizer Zeitung, ein seit hundert Jahren existierendes Produkt der NeoMedia AG. Die NSZ steht vor grossen «Herausforderungen», wie es im Managerjargon heisst: Es droht eine Kündigungswelle. Doch auch das Privatleben beutelt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, verstrickt in Generationen- und Geschlechterkonflikte, in Probleme und Sorgen, von denen niemand etwas merken darf. 24 Kapitel widmen sich je einer Figur des Betriebs, von der Zeitungsausträgerin bis zum Verwaltungsratsmitglied. Mit Beobachtungsgabe und Sprachwitz erstellt die Autorin einen Schweizer Mikrokosmos, der manchmal ruhig noch böser ausfallen dürfte. (rg)

Marktplatz der Heimlichkeiten
Jetzt zerschlägt Josette Monti die Flasche am Schiffsrumpf, es gelingt ihr erst nach einigen Anläufen, erneut spielt die Musik einen Tusch, die Stapel der frischen Zeitungen werden an Land gebracht, und bald stehen die Gäste in Grüppchen auf der Wiese, blätternd und lesend. «Und, Herr Schacke, gefällt sie Ihnen?», fragt Josette Monti. «Wen meinen Sie?», sagt Schacke. «Ich meine die NSZ am Sonntag». «Ach so, die. Nun, Sie gefallen mir besser. Viel besser. Nur schon die Frontseite. In Ihnen möchte man blättern.» Das Medienhaus ist ein Marktplatz, hier werden Geschichten verkauft über alles, was läuft draußen in der Welt. Was drinnen läuft, in den Menschen, die hier arbeiten, bleibt jedoch täglich ungesagt, alle verwahren sie ihre Heimlichkeiten voreinander. Leidenschaften und Machenschaften, Lust und Last halten sie geheim bis zum großen Jubiläumsfest. Angelika Waldis deckt behutsam auf und bewirkt, dass man zum Schluss auch das boshafte Ekel und die dumme Schnepfe irgendwie ins Herz schließt. Böse, zärtlich, witzig! (Buchpräsentation Europa Verlag)

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