Manitoba

Von: Linus Reichlin

Was für eine spannende Geschichte: Da gibt es die Tagebücher der Urgrossmutter, die in den späten 1880er-Jahren als Lehrerin in einer Missionsschule arbeitet und dort einen schönen stattlichen Mann, einen Indianer, kennenlernt, in den sie sich verliebt – und er sich in sie. Wenn das alles stimmt, würde der Ich-Erzähler also von den Arapaho abstammen. Um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, macht er sich auf Recherchereise, mit unerwartetem Ausgang. Manitoba von Linus Reichlin ist ein vielschichtiger Roman, getragen von den Verflechtungen verschiedener Erzählstränge. Kunstvoll gelingt es dem Autor, die Leserin, den Leser auf die Reise mit seinem Protagonisten mitzunehmen und die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte nicht infrage zu stellen, solange kein Anlass dazu besteht. (lst)

Manitoba
Er war noch ein kleiner Junge, als seine Mutter ihm das Familiengeheimnis anvertraute: dass sein Urgroßvater ein Indianer gewesen sei, in den sich die Urgroßmutter, die einst in Amerika als Lehrerin in der Missionsschule gearbeitet hatte, verliebte. Allerdings wurde er kurze Zeit später ermordet und die Urgroßmutter kehrte in die Schweiz zurück. Es fiel gerade Schnee, als die Mutter über die Vorfahren sprach; Amerika und die Welt der Indianer waren sehr weit weg, die ganze Sache klang wie ein fremdes, exotisches Märchen. Doch viele Jahre später – aus dem Jungen ist inzwischen ein mäßig erfolgreicher Schriftsteller geworden – begibt er sich auf die Spur seiner Ahnen. Die Tagebuchaufzeichnungen seiner Urgroßmutter sollen ihm wie der Faden der Ariadne dazu verhelfen, seine indianischen Wurzeln zu finden. Doch erweisen sich die Aufzeichnungen als ungenau, ja scheinen oft nicht zu stimmen. Die Geschichte seiner Abstammung wird immer löchriger, je tiefer er sich in sie hineinbegibt und das Schicksal der Arapaho und der anderen Indianerstämme kennenlernt, die in Reservate gedrängt wurden, weil Siedler aus Europa kamen, sich Land nahmen und es angeblich zivilisierten. Die Geringschätzung der hochentwickelten Indianerkultur ärgert ihn immer stärker, je mehr er sich sehnsüchtig mit ihr identifiziert. Als er in einer einsam gelegenen Hütte in den Wäldern von Manitoba versucht, für eine Weile wie seine indianischen Vorfahren zu leben, muss er jedoch erfahren, dass auch er als unwillkommener Eindringling angesehen wird. (Buchpräsentation Galiani)