La Veuve du Christ
Von: Anne-Sylvie Sprenger
- Fayard, Paris, 2010
Nach den existentiellen Irrfahrten von Vorace und Sale fille, in denen Abstossendes und Frohlockendes eine Art Totentanz führten, fährt Anne-Sylvie Sprenger in La veuve du Christ mit ihrer Erkundung des Guten und des Bösen fort. Diese Erzählung unterscheidet sich von den anderen durch die Veränderungen im Ton, der jetzt weniger derb, weniger überspannt im Anstössigen ist, selbst wenn das Thema irritierend bleibt.
Das Szenario lehnt sich an den Fall Natascha Kampusch an, an das Schicksal der jungen Österreicherin, die während acht Jahren in einem Keller gefangen gehalten wurde. Dieser emblematische Fall eines Stockholm-Syndroms wird in die Vallée de Joux verlegt, wo Lena Rochat die Gefangene des Apothekers Julius Lehmann de Calberère ist. Sehr bald erscheint hier der Peiniger nicht mehr als Ungeheuer, sondern als kindlicher Mann, als Wolf im Schafspelz, der sich in einem törichten Gottesglauben verirrt hat. Anhand dieses Paars durchleuchtet die welsche Autorin die Beziehung zwischen Opfer und Peiniger, mit all ihren Widersprüchen und Doppeldeutigkeiten. Bis auf ein paar hinkende Passagen und simple Formulierungen hat ihre Erzählung etwas Fesselndes.