kyung

Von: Eva Maria Leuenberger

Wissenschaftliche und lyrische Erkenntnis sind einander fern und nah zugleich, denn beide werden durch Sprache vermittelt. Deshalb kann Lyrik auch ein Mittel der Erforschung sein – in der Sphäre des Intimen wie des Wissens. Martin Bieri und Eva Maria Leuenberger demonstrieren es mit stilistischer Prägnanz und gedanklicher Schärfe. In kyung forscht Leuenberger mit sparsamen, intensiven Mitteln einer Künstlerin nach, von der sie persönlich fasziniert ist, deren trauriges Schicksal aber auch eine leidenschaftliche Anklage an die Welt formuliert. Derweil stellt Martin Bieri in Unentdecktes Vorkommen wissenschaftlich-technische Vorhaben ins Zentrum, mit der der Mensch die Natur unterwirft, die dabei aber auch eine erstaunliche Schönheit entfalten. (bm)

Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk. Ausgangspunkt für das Schreiben war die Lektüre von Theresa Hak Kyung Chas *Dictée*. Leben und Œuvre der koreanischstämmigen, feministischen Avantgardekünstlerin (1951–1982), die in New York vergewaltigt und ermordet wurde, ließen Eva Maria Leuenberger nicht los. Das Ergebnis bewegt sich zwischen lyrischen, essayistischen und persönlichen Schreibbewegungen, die sich Cha, der Kunst, Literatur und dem (eigenen) Schreiben annähern. Wahrnehmungsintensive und körperliche Beschreibungen waren bereits in ihrem mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Debüt dekarnation wichtige Elemente. Auch jetzt flirrt die Sprache, sie flimmert, taucht in Leerstellen, sucht diese zu füllen oder den Leser*innen zu (er)öffnen. Eva Maria Leuenberger schafft Räume, die von Schmerz, Gewalt und zugleich lyrischer Schönheit bewohnt werden. kyung ist ein dichtes poetisches Kunststück, das sich Genrebezeichnungen – wie auch Chas *Dictée* – entzieht. (Droschl Verlag)

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