Gotthard
Von: Zora del Buono
- C.H.Beck, München, 2015
Zora del Buonos Novelle Gotthard hat die Form eines Echtzeitprotokolls, in dem der Handlung wechselnde Figuren ihre Perspektive verleihen. Die Handlung dauert von 6:00 bis 12:23 Uhr eines verhängnisvollen Maimorgens in der Schweiz – plus einige Augenblicke der Rückblende aus einem Berliner Wohnzimmer. Der Eisenbahn-Fan Fritz Bergundthal sitzt im Leinenanzug mit Kamera und Notizbuch an der Gotthard-Passstrasse und registriert die Lokomotiven. Für den 50-jährigen Berliner ist es die abenteuerlichste Reise, die er je gewagt hat. Und auf ihr wird er, um 12:23, den Schock seines Lebens bekommen. In der dunklen Mitte des Berges schmoren und leiden unterdessen die Tunnelbauer. Del Buono skizziert die Figuren mit knappen aber hochpräzisen Beobachtungen, so dass sie plastisch werden und die Einfühlung des Lesers gewinnen, seien sie nun Huren, Freier, Drogendealer, ja vielleicht Mörder. (fb)