Glasmurmeln, ziegelrot

Von: Karl Rühmann

In einem zunehmend turbulenter werdenden totalitären Staat, der an das Jugoslawien Titos denken lässt, erlebt ein namenloses Kind die Zeit zwischen 1963 und 1970, zwischen dem Kennedy-Mord und der Havarie von Apollo 13. Aufgrund der deutschen Herkunft seiner Mutter wird es zum Opfer der Hänselei von Mitschülern, des Argwohns der Lehrkräfte und der Verdächtigungen des Staatsschutzes. All diesen Feindseligkeiten begegnet es mit der Fähigkeit, den Ereignissen selbst erfundene Bedeutungen zu geben und sie zu Abenteuergeschichten werden zu lassen. Seine kindliche Imagination reagiert auf die Wahnvorstellungen der Erwachsenen, deren politische Paranoia groteske Züge annimmt. So verbindet der Roman sprudelnde Kinderphantasie mit scharfem historischem Durchblick. (Daniel Rothenbühler in Viceversa 14, 2020)

»Vielleicht hätten wir das Kind doch nicht retten sollen. Vielleicht hätten wir es und diese Spionin einfach ausliefern sollen. Unsere ostdeutschen Freunde wären uns sehr dankbar gewesen«, sagte er und versuchte mit dem Blick den Rauch einzufangen, der zur Decke hinaufschlich. »Aber vielleicht können wir unseren Fehler noch korrigieren.« Das Kind wächst während des Kalten Krieges 
in einem osteuropäischen Land auf, als Fremdes von seinen Mitschülern gehänselt und von der Staatsmacht schikaniert. Es gibt vieles, was das Kind nicht verstehen kann 
und auch nicht verstehen soll. Um damit fertig zu werden, zieht es sich in seine Sprache zurück, die nur es selbst und die Mutter einschließt. Es verwandelt alles in Geschichten und schafft so aus Bedrohlichem Interessantes, aus Ungewissem Vertrautes. Mit der Zeit gewinnt das Kind immer mehr Sicherheit mit seinen Geschichten und somit auch mit einer Realität, die die Menschen mit hohlen Phrasen und absurden Regeln gängelt. (Buchpräsentation rüffer & rub Literatur)

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