Fest

Von: Mireille Zindel

Mireille Zindels fünfter Roman erzählt von Noëlles obsessiver Liebe zu David, mit dem sie vor fünf Jahren eine Affäre begonnen hat. Es wird rasch klar, dass es sich bei Noëlles zwanghafter Zuwendung zu David um eine Erkrankung handeln muss. Zindel geht mit Fest aber nicht nur an die Grenzen des Lebens, sondern experimentiert auch mit den Grenzen des Erzählens. In einem reizvollen Vexierspiel zwischen Realität und Fiktion täuscht sie die Lesenden. Leider bleibt durch die einseitige Perspektive der Hauptfigur die Entwicklungsmöglichkeit der Geschichte beschränkt, was einem vierhundertseitigen Roman zum Nachteil gereicht. Umso mehr besticht dafür die treffsichere Pointe auf der allerletzten Seite. (lc)

»Liebeswahn fühlt sich an wie das Ausmalen eines Höllenbildes. Jede Hexe, jedes Raubtier, jedes Feuer füllst du mit Farbe.« Während andere Leute einen blauen Himmel wahrnehmen, ist er für Noëlle orange. Der Baum, zu dessen Wurzeln sie kleine Zettel mit dem Namen David darauf vergräbt, ist ultramarin, nicht grün. Noëlle meint, mit Tieren reden zu können und die Blumen zu verstehen. Immer wieder sucht sie die Hexe Muira auf und lässt sich von ihr Kerzen, Steine und Amulette aufreden, die David zu ihr bringen sollen. Noëlle befindet sich in einer psychiatrischen Klinik im Kanton Jura, in die ihr Gatte Bertram sie gefahren hat, da sie seit fünf Jahren einem Mann namens David verfallen ist, der sich seit einigen Monaten nicht mehr bei ihr meldet. Noëlle, die nicht weiß, dass sie wahnkrank ist, wähnt sich im Ferienhaus von Bertrams Mutter, wo sie sich von den letzten anstrengenden Jahren erholen will. Zwar erkennt sie, dass sie bei einem Psychiater in Behandlung ist, doch weder sieht sie den Klinikalltag noch die anderen Patienten um sich herum. Als Noëlle die Medikamente absetzt, nehmen ihre Symptome wie innere Unruhe und Stimmen hören zu, und sie beginnt zusehends, die Patienten und das Klinikum zu erkennen. Doch sie ist nicht gewillt, den Wahnsinn gänzlich aufzugeben, denn das Spiel um Wirklichkeit und Einbildung hält auch eine persönliche Form von Freiheit für sie bereit. »Fest« handelt von einer schmerzhaften Liebe, die zu emotionaler Abhängigkeit, Realitätsflucht und Identitätsverlust führt. Zindel macht in »Fest« die Erschütterungen in der Psyche einer liebeskranken Frau mit formalen Mitteln, die an einen vielfach geschliffenen Kristall erinnern, eindringlich erfahrbar. (lectorbooks)

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