Direkte Rede

Von: Felix Philipp Ingold

Die LXXVII Selbstversuche im Untertitel von Ingolds Buch Direkte Rede sind ganz wörtlich zu nehmen, als Selbst-Versuche. Es sind kleine Essays von Selbsten, und der Versuchscharakter besteht darin, dass die 77 Ichs, die hier sprechen, nicht dem entsprechen, was man sich üblicherweise als plausiblen Urheber einer Ich-Rede vorstellt. «Der Anfänger», «das Fischweib», «der Templer», «die Zauderin» und Dutzende anderer Sprecherinnen und Sprecher erheben das Wort. Der Dichter und Kritiker Ingold legt uns nahe: Die Sprache, die Diktion, die Reflexionsfähigkeit, mit der hier in der Ich-Form gesprochen wird, sind losgelöst von jedem denkbaren alltagssprachlichen Umfeld dieser angeblichen «Selbste». Mehr Typen als literarische Charaktere, fördern diese Stimmen nicht die «Aufhebung des Unglaubens», welche die Fiktion üblicherweise verlangt, sondern tragen ihre Künstlichkeit vor sich her. (fb)

Direkte Rede
Mit dem Fürwort «ich» behauptet sich der Sprecher als erste Person in der Einzahl. Das Wort steht für Individualität, Subjektivität, Unverwechselbarkeit. Dennoch ist es im Sprachgebrauch ein mehrdeutiges Wort, eine Art Joker, der sich versetzen lässt, je nachdem, in welcher Redeperspektive er gebraucht wird - ob im Gespräch, in einem Zitat, in einer Rollenprosa, auf der Bühne oder «im Namen» einer höheren Instanz. Die vorliegenden Erzähltexte sind als ein literarisches Experiment angelegt, das die Rhetorik des «Ich»-Sagens auf ihre Möglichkeiten und auf ihre Grenzen hin prüfen soll. In LXXVII Monologen kommen 77 imaginäre Gestalten zu Wort, monster-, gespenster-, engelhafte Wesen, aber auch Objekte aus der Dingwelt, die allesamt bedenkenlos und ungeniert «ich» sagen, obwohl sie über kein souveränes «Ich» verfügen - sie sprechen nach dem Diktat des Autors und sie sagen «ich» gemäß der Rolle, die sie zu spielen haben. Ob und wie das geht, zeigen die hier dokumentierten «Selbstversuche», bei denen nicht nur eine «Angstselige», ein «Zwillinger» und ein «Ladenhüter», sondern auch ein «Odradek» und selbst der Schreibtisch des Verfassers in der ersten Person der Einzahl zu Wort kommen. (Buchpräsentation Passagen-Verlag)

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