Die Luke

Von: Andri Perl

Mit dem Roman Die Luke gelingt dem 29-jährigen Andri Perl ein schön komponierter, kriminalistisch angehauchter Zweitling. Als der Antiquitätenhändler Ottavio Salerio in seiner Wohnung einen Unfalltod stirbt, treffen unterschiedliche Figuren aufeinander: Da ist der Bruder, der das grosse Vermögen erbt, der befreundete Hauswart, der die Konsequenzen aus seinem jahrelangen Burn-out zieht und der junge Mann, der seine Sexualität entdeckt. Sie alle tragen zum bunten Mosaik aus verschiedenen Generationen und Lebensformen bei. In der Sprachgestaltung zeigen sich stellenweise Unsicherheiten, doch Perl wechselt geschickt zwischen den Figuren und Settings und beschleunigt mit intelligent platzierten Spannungsmomenten. (ava)

Die Luke
> **Der zwanzigste September** In diesen lichten Tagen nach einem lichten Sommer ist er in die Vergessenheit der Stadt geraten, schläft er tief unten auf dem Grund des Sees. Schon morgen aber kann er erwachen: der Nebel. Wie eine trittunsichere Amphibie nach der Verwandlung wird er seinen nassen Schlupfwinkel zunächst kaum verlassen und sich nur in der Dämmerung zeigen. Einzelne Schwaden in der Frühe, am Abend, entlang der Gewässer. Nicht der Rede wert. Bald allerdings gleichen sich Tag und Nacht, und je länger die Nächte dauern, desto schwächer wärmt die Sonne die Landschaft zwischen den Hügelketten, desto eher sättigt Feuchtigkeit die Atmosphäre. Nun braucht bloß noch lauere Meeresluft aus dem Süden auf die kühlen, bodennahen Luftschichten zu sinken, damit der Himmel für Wochen verschwindet. Dass das schöne Wetter anhält, kann natürlich auch sein; sogar bis in den Oktober hinein könnte es sich vor der kommenden Kaltfront retten, vermuten die Meteorologen vom staatlichen Fernsehen. Und sind die Blätter der Bäume nicht noch ziemlich grün? Die Wespen nicht immer noch ärgerlich flügge? Dringt die Helligkeit nicht immer noch früh durchs Wohnzimmerfenster, so wie jetzt? - Doch, aber man darf ihm einfach nicht trauen, dem Nebel, erst recht nicht während seiner Absenz. (Andri Perl, _Die Luke_, Salis Verlag)

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