Der Geschichtenabnehmer

Von: Vincenzo Todisco

Im Bergdorf Gruma erfüllt der siebenjährige Walter die Aufgabe, am Bett von Sterbenden stumm ihren letzten Worten zuzuhören. Während diese ihre Geheimnisse preisgeben, muss der Junge Stillschweigen bewahren. Das macht ihn erst recht zum Sonderling im Dorf. In seinem Roman porträtiert Vincenzo Todisco eine Welt, die in ihren Traditionen gefangen scheint und dem jungen Walter eine Rolle überträgt, die ihn überfordert. Mit allen Geschichten, die er hört, bleibt er allein. Er darf genau das nicht tun, was dem Autor Todisco erlaubt ist, nämlich atmosphärisch stimmig und lebhaft zu erzählen. (bm)

Gruma, ein archaisches Dorf im Apennin. Hier geht kein Mensch von dieser Welt, bevor er nicht eine Nacht lang erzählen und letzte Dinge loswerden kann. Walter, wegen seines pechschwarzen Haars auch Nerì genannt, wird zum neuen Geschichtenabnehmer bestimmt. Wenn es so weit ist, eilt er ans Sterbebett, wo schon ein Stuhl für ihn bereitsteht. Er hört den leisen Worten zu und einem Atem, der langsam verebbt. Für Nerì ist seine Bestimmung Fluch und Segen zugleich. Bald kennt er viele Geheimnisse, und er kennt den Tod – doch wird er fast wahnsinnig ob dieser vielen Stimmen in seinem Kopf. Während man sich in Gruma seit jeher unter der Platane, in la Frans Bar oder vor Sciugars Friseursalon die schöns ten Geschichten erzählt, darf er nichts davon preisgeben, was er am Sterbebett erfährt. Vincenzo Todiscos neuer Roman fängt die magische Atmosphäre einer Kindheit in einem italienischen Bergdorf ein, wo die Tradition des Erzählens in besonderer Weise lebendig ist. Jede Geschichte bringt ein neues Stück der dunklen Vergangenheit zutage, und verstört muss Nerì anhören, welche Spuren der Krieg in Gruma, auch in seiner Familie, hinterlassen hat. (Atlantis Verlag)

Mehr zu «Der Geschichtenabnehmer»