Carambole

Von: Jens Steiner

Mit zarten Strichen, präzisen Bildern und einer beweglichen Sprache zeichnet Jens Steiner in seinem zweiten Roman Carambole das Bild einer hilflosen und überforderten Gesellschaft. Da sind die seit Jahren zerstrittenen Brüder, gefangen in ihrer Verletzung. Da ist die Familie, die auseinanderfällt, weil ihnen die Worte fehlen. Da ist der Nachbar, der ein Loch für einen Pool gräbt, aber vor allem tiefer und tiefer in die Erde und die Dunkelheit gelangen will. Zwölf Kapitel, überzogen von einer dünnen Schicht aus Melancholie, in denen uns der 38-jährige Autor in wechselnder Perspektive von der Einsamkeit und Sehnsucht der Bewohner eines Dorfes erzählt. Nominiert (Longlist) für den Deutschen Buchpreis 2013. (ava)

Carambole
Unter Freysingers Kirschbaum angekommen, knickten ihnen flugs die Glieder ein und sie purzelten ins beschattete Gras. An diesem Ort herrschte ein ganz eigenes Trägheitsgesetz, sie hatten sich daran gewöhnt. Während Fred begann, Ameisen unter Spuckeklecken zu begraben, und Manu in die grüne Unendlichkeit von Freysingers Garten kroch, blickte Igor melancholisch in den Himmel.    Zwei Wochen bis zu den Sommerferien, dachte er, und noch immer ist nichts passiert. Alles wird an uns vorbeigelotst. Einen Anfang müsste man machen, einen kräftigen Satz hinein ins Leben, aber wie? (Jens Steiner, _Carambole_) Da sind die drei Jugendlichen, die Pläne aushecken für die bevorstehenden Schulferien und dabei genau wissen, dass auch dieses Jahr nichts geschehen wird, da ist die Troika, die sich regelmäßig zum Carambole-Spiel trifft, da ist Schorsch, der immer dann auftaucht, wenn man ihn nicht erwartet, und da sind die beiden verfeindeten Brüder, die seit jenen Erbschaftsstreitigkeiten nie mehr miteinander gesprochen haben. Im Dorf verharren die Menschen in ihrem Alltag wie gelähmt, während sich um sie herum alles verändert: Restaurants schließen, neue Wohnviertel entstehen, soziale Netze zerbrechen, Familien fallen auseinander. In zwölf Runden nähert sich Jens Steiner diesem sozialen Gefüge an, lässt die Dorfmenschen in ihrer Hilflosigkeit erstarren und öffnet ganz kleine Lücken, durch die hindurch ein Schritt in eine – wenn auch unsichere – Zukunft möglich wäre. (Klappentext Dörlemann Verlag)

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