Bild ohne Mädchen

Von: Sarah Elena Müller

Welche Bilder bleiben von Erlebtem, was passt ins Bild, wer fällt aus dem Rahmen? Ein Kind wächst auf anfangs der Neunziger Jahre, irgendwo in der ländlichen Schweiz, zwischen begradigten Flüssen, Kartoffelfeldern und Militärübungen. Seinen Platz zu finden in der undurchschaubaren Welt der Erwachsenen ist ein harter Kampf, doch zumindest hat das Kind die Unterstützung eines Engels. Bild ohne Mädchen erzählt sprachgewaltig und feinfühlig von der Sprach- und Hilflosigkeit kleiner und grosser Menschen. Eine bereichernde Lektüre, die aufzeigt, wie leicht ein Missbrauch geschehen kann und wie schwer es ist, ihn in Worte zu fassen. (ts)

Die Eltern des Mädchens misstrauen dem Fernsehen, aber beim medienaffinen Nachbarn Ege darf es so lange schauen, wie es will. Eges Wohnung steht voller Geräte, und er dreht Videos, die nie jemand sehen will. Die Eltern sind überfordert mit dem Kind, das sein Bett nässt und kaum spricht. Der Vater ist Biologe und wendet sich lieber bedrohten Tierarten zu. Die Mutter bildhauert und ist mit ihrer Kunst beschäftigt. Ein Heiler soll helfen. Das Mädchen sucht Zuflucht bei einem Engel, den es auf einer Videokassette von Ege entdeckt hat. Und wirklich, der Engel hält zu ihm. Durch dieses Kabinett der Hilf- und Sprachlosigkeit nähert sich Sarah Elena Müller dem Trauma einer Familie, die weder den Engel noch die Gefährdung zu sehen imstande ist. Und von der Grossmutter bis zum Kind entsteht ein Panorama weiblicher Biografien seit dem grossen Aufbruch der Sechzigerjahre. (Limmat Verlag)

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