Alles ist noch zu wenig

Von: Katja Schönherr

Katja Schönherrs Roman ist eine gut geschriebene, präzise beobachtete Darstellung typischer Konflikte dreier Generationen, vertreten durch die pubertierende Lissa, ihren geschiedenen Vater Carsten und die 84jährige Grossmutter Inge. Carsten weicht allen Forderungen, die seine Familie an ihn stellt, aus; Lissa ist ein ungeduldiger Teenager, der sich noch nicht abgefunden hat mit der Unvollkommenheit der Welt, und Inge vergiftet das Verhältnis zu ihrem Sohn mit zynischen, abwertenden Gedanken und Bemerkungen. Als sie stürzt und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzieht, kommen Carsten und Lissa für einige Wochen von Berlin in Inges Haus auf dem Land und kümmern sich um sie. Durch den Umgang der Figuren mit dieser neuen Situation kommt Bewegung in die festgefahrenen Beziehungen. (vb)

Drei Generationen zwischen Verantwortung und individueller Freiheit *Alles ist noch zu wenig* erzählt rasant und mit entwaffnender Menschenkenntnis von allgegenwärtigen Gräben zwischen Stadt und Land, Ost und West, Alt und Jung. Dabei geht es immer wieder um die Erwartungen, die wir an unsere Familie stellen – und den Widerwillen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Weil seine Mutter Inge nach einem Sturz nicht mehr gut laufen kann, beschließt Carsten, mit seiner fünfzehnjährigen Tochter Lissa für ein paar Wochen zu Inge in die ostdeutsche Provinz zu fahren. In der Enge des Dorfes und im Alltag ihrer seltsamen Wohngemeinschaft kollidieren unterschiedliche Lebenserfahrungen und Vorstellungen. Wo zunächst nur Unverständnis herrscht, sind Großmutter, Sohn und Enkelin schließlich gezwungen, einander neu kennenzulernen. Denn eine gemeinsame Sprache sprechen sie seit Jahren nicht: Inge schmollt lieber, als um Hilfe zu bitten. Carsten schiebt Dienstreisen vor, um Reißaus nehmen zu können. Und Lissa fühlt sich allein mit ihren Ansichten von einer gerechteren Welt. In *Alles ist noch zu wenig* schreibt Katja Schönherr federleicht und gleichzeitig beeindruckend feinsinnig von überzogenen Erwartungen, bissigem Schweigen und vorsichtiger Annäherung. Dabei umkreist sie eine Frage, die drängender nicht sein könnte: Was schulden wir unseren Nächsten – und was uns selbst? (Arche Verlag)

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